Deutschland droht eine chronische Konsum- und InvestitionsflauteDie Umsätze im Einzelhandel und im Gastgewerbe schrumpfen, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen sinkt. Ohne durchgreifende Verbesserungen der Standortbedingungen droht Deutschland eine Abwärtsspirale aus Konsum- und Investitionszurückhaltung.14.07.2026, 12.00 Uhr3 LeseminutenAngesichts der Konsumflaute schliessen immer mehr Händler ihr Geschäft.D. Kerlekin/ ImagoDeutschland befindet sich in der längsten Wirtschaftsflaute seit dem Zweiten Weltkrieg. Seit vier Jahren kommt die gesamtwirtschaftliche Produktion nicht von der Stelle. Das ist nicht nur eine Folge des Abwärtstrends bei den Investitionen und der Schwäche im Exportgeschäft. Auch der private Konsum, auf den rund 53 Prozent der Wirtschaftsleistung entfällt, befindet sich in der Krise.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar setzten die Konsumausgaben im vergangenen Jahr vor dem Hintergrund steigender Realeinkommen zur Erholung an. Bereinigt um Preissteigerungen legten sie um 1,3 Prozent zu. Doch der Iran-Krieg und der Höhenflug der Energiepreise haben den Hoffnungen auf einen vom Konsum gestützten Aufschwung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die wieder aufflammenden Kampfhandlungen im Golf von Hormus haben den Ölpreis auf aktuell 86 Dollar je Fass steigen lassen.Das spürt auch der Einzelhandel. Das Geld, das die Konsumenten an der Tankstelle, fürs Heizen, Zugfahren und für teure Flugtickets zusätzlich auf den Tisch legen müssen, fehlt ihnen für den Einkaufsbummel. Einer aktuellen Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) zufolge bewerten 42 Prozent der befragten Handelsunternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als schlecht. 63 Prozent geben an, diese habe sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar noch verschlechtert.Gewinne im Einzelhandel auf TalfahrtBesserung ist nicht in Sicht. Zwar hat das Konsumbarometer des HDE, das auf Umfragen unter 1600 Verbrauchern beruht, im Juli leicht zugelegt. Allerdings befindet es noch immer deutlich unter dem Niveau aus dem Vorjahr. Die Anschaffungsneigung der Verbraucher ist weiterhin gering. Die Hälfte der befragten Händler erwarten denn auch für das zweite Halbjahr 2026 einen Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.Für das Gesamtjahr rechnen sogar 65 Prozent der Befragten mit Umsätzen unter Vorjahresniveau. Nur 18 Prozent gehen von höheren Umsätzen aus. Angesichts der steigenden Kosten für Personal, Energie und Miete schlägt sich das in den Gewinnen nieder. So geben 69 Prozent der vom HDE befragten Einzelhändler an, ihr Gewinn sei in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Nur 8 Prozent berichten von einer Steigerung ihres Gewinns.«Die Situation ist noch dramatischer als sie es im eher bescheidenen Vorjahr bereits war», sagt HDE-Präsident Alexander von Preen. Die Stimmung bei den Verbrauchern sei «auf dem gleichen Niveau wie im zweiten Corona-Lockdown».Lichtblick InternethandelFür einen Lichtblick in der Branche sorgt allenfalls der Internet- und Versandhandel. Immer mehr Deutsche lassen sich Bücher, Hemden, Hosen und Smartphones nach Hause schicken. Seit Anfang 2020 haben die preisbereinigten Umsätze im Internet- und Versandhandel um 37 Prozent zugelegt.Allerdings ist der Internethandel weniger personalintensiv als der stationäre Handel. Die Umsatz- und Gewinnflaute in den Geschäften schlägt sich daher in der Beschäftigung der gesamten Branche nieder. Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Einzelhandel ist in den vergangenen vier Jahren um mehr als 70 000 gesunken. Mehr als 70 000 Geschäfte haben seit 2015 ihren Betrieb aufgegeben.Weniger Gäste für Hotels und RestaurantsKaum besser sieht es im Gastgewerbe aus. Auch hier halten sich die Konsumenten mit dem Geldausgeben zurück. Im April (letzter verfügbarer Wert) lag der Umsatz im Gastgewerbe preisbereinigt deutlich niedriger als vor einem Jahr. Hotels und sonstige Beherbergungsbetriebe verzeichneten ebenso wie die Gastronomie ein Minus von 7,4 Prozent.Die zu Jahresbeginn gesunkene Mehrwertsteuer für Speisen von 19 auf 7 Prozent hat den Gastwirten offenbar keine zusätzlichen Gäste beschert. Was nicht weiter verwundert. Viele Gastwirte haben die Steuersenkung nicht an ihre Kunden weitergereicht, sondern genutzt, um mit dem Geld ihre Gewinnspannen zu verbessern.Angesichts der sich häufenden Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft über Stellenabbau und Produktionsverlagerungen dürften sich die Bürger beim Konsum in den nächsten Monate weiter zurückhalten. Die Investitionsbereitschaft im deutschen Mittelstand ist einer Umfrage der DZ Bank und des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken zufolge auf den tiefsten Stand seit mehr als 30 Jahren gefallen. Nur noch 52 Prozent der befragten Unternehmen wollen in den nächsten sechs Monaten in den eigenen Betrieb investieren.Damit steigt der Druck auf die Bundesregierung, die Standortbedingungen durchgreifend zu verbessern. Andernfalls droht der deutschen Wirtschaft eine Abwärtsspirale aus Investitionzurückhaltung und Konsumflaute. Denn ohne Investitionen gibt es langfristig keine zusätzlichen Arbeitsplätze. Und ohne zusätzliche Arbeitsplätze dürfte auch die Konsumlaune am Boden bleiben.Passend zum Artikel