George Washington trug ein Gebiss aus Sklavenzähnen – aber Donald Trump will davon nichts wissenIn Philadelphia tobt ein Kulturkampf um eine Ausstellung im ersten Weissen Haus Amerikas. Weil sie auf George Washingtons Sklaven fokussiert, will die Trump-Regierung sie entfernen. Bürgerrechtsaktivisten und die Stadtregierung reagieren empört. Ein Besuch an der Gründungsstätte der USA.01.07.2026, 10.54 Uhr5 Leseminuten«Teil der Wahrheit ist, dass George Washington ein Sklavenhalter war»: Der linke Aktivist und Anwalt Michael Coard gehörte zu den Initianten der Sklaverei-Ausstellung in Philadelphia.Hannah Beier / REUTERSWenige Tage vor dem 250. Geburtstag der USA stapfen Dutzende von Touristen durch den Sommerregen, um in Philadelphia die Schauplätze der amerikanischen Gründungsgeschichte zu besuchen. Auf grosses Interesse stösst die Independence Hall im Pennsylvania State House, wo die 56 Delegierten der amerikanischen Kolonien am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedeten. Schlange stehen die Besucher auch vor dem kleinen Museum auf der Independence Mall, in dem die weltberühmte Liberty Bell ausgestellt ist. Sie soll vor 250 Jahren geläutet haben, um die Bürger auf den Independence Square zu rufen, wo die Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine weniger bekannte Attraktion ist das President’s House gleich neben dem Museum. Hier wohnte George Washington, der erste Präsident der USA, bis die neue Hauptstadt Washington im Jahr 1800 fertig gebaut war. Nach dem Umzug geriet das erste Weisse Haus der USA in Vergessenheit und zerfiel. Heute deuten rekonstruierte Backsteinwände und weisse Fensterrahmen die ursprüngliche Form des Hauses an. Glasscheiben im Boden geben den Blick frei auf archäologische Überreste der Küche und des Kellers.Etwas irritiert bleiben die Besucher vor den Wänden stehen, an denen Informationstafeln und Bildschirme befestigt sind. Ins Auge stechen vor allem die leeren Fixierungen. Diese deuten ebenso auf Lücken in der Ausstellung hin wie die Papierzettel, die Aktivisten mit Klebestreifen an den Leerstellen in den Wänden befestigt haben. «Eine Demokratie, solange wir sie erhalten können», steht auf einem Blatt. «Wir halten die Wahrheit für selbstverständlich», steht auf einem anderen.Doch um die historische Wahrheit und in welcher Form sie im President’s House ausgestellt werden darf, tobt ein Kulturkampf. Denn die Ausstellung ist nicht primär der Person des ersten Präsidenten der USA gewidmet. Im Zentrum stehen vielmehr die neun Sklaven, die George Washington von seiner Plantage in Virginia nach Philadelphia mitgebracht hatte.«Kulturelle Munition»Der linke Anwalt und Aktivist Michael Coard gehörte zu den Initiatoren der Sklaverei-Ausstellung, die 2010 unter der Schirmherrschaft der Regierung von George W. Bush eröffnet wurde. Heute sitzt Coard in einem Café gleich neben der Independence Mall und redet sich in Rage. Der eloquente Mann im Anzug trägt einen ergrauten Vollbart und dicke Rasta-Zöpfe. Er bezeichnet sich als «wütenden schwarzen Revolutionär» und als «panafrikanischen Sozialisten».Coard macht kein Hehl daraus, dass er und seine Mitstreiter des Vereins «Koalition zur Rache der Vorfahren» mit der Ausstellung politische Ziele verfolgten. «Wir wollten Informationen über die Sklaverei greifbar machen», sagt er. «Wir wollten sie aus den verstaubten Bücherregalen herausholen und in kulturelle Munition verwandeln.»Fünfzehn Jahre lang blieb die Ausstellung stehen, bis Donald Trump zum kulturpolitischen Gegenangriff blies. Zum Auftakt seiner zweiten Amtszeit erliess der Präsident eine Verordnung mit dem Titel «Wiederherstellung von Wahrheit und Vernunft in der amerikanischen Geschichte». Der Rechtsakt sieht vor, dass Museen kein Steuergeld mehr bekommen, wenn sie «spaltende, auf Rasse fokussierte Ideologien» oder die Existenz einer Transgender-Identität propagieren.Museen im Besitz der Bundesregierung sollen dafür sorgen, dass Informationstafeln Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte nicht in unangemessener Weise herabsetzen. «Stattdessen sollen sie sich auf die Grossartigkeit und den Fortschritt des amerikanischen Volkes fokussieren oder auf die natürlichen Merkmale, die Schönheit und die Fülle der amerikanischen Landschaft.»Ins Visier der Regierung geriet auch die Ausstellung im President’s House in Philadelphia. Trumps Kulturbeauftragte ordneten die Schliessung an. Ersetzen wollten sie die Informationstafeln durch unverfänglichere Hinweise auf Washingtons Leben. Seine Sklaven sollten keine prominente Rolle mehr spielen.Um die Ausstellung ist ein komplexer Rechtsstreit entbrannt. Anfang 2016 liessen Trumps Kulturfunktionäre die Tafeln und Bilder entfernen. Aufgrund von Klagen von Coards Verein und der Stadt Philadelphia mussten sie sie kurz darauf wieder aufhängen, wobei sie die Arbeiten wegen einer einstweiligen Verfügung gleich wieder abbrachen.Kürzlich errang Trump einen vorläufigen Sieg: Ein Appellationsgericht befand, dass die Bundesregierung für die Konzeption der Ausstellung keine Zustimmung der Stadt Philadelphia einholen müsse. Denn der Grund und Boden des President’s House befindet sich in Bundesbesitz. Doch noch ist das letzte Wort wohl nicht gesprochen, und auch der Aktivist Michael Coard zieht eine positive Zwischenbilanz: «Dank Donald Trump ist die Ausstellung so bekannt wie nie zuvor», sagt er. «Diese Werbung hätten wir nie bezahlen können.»Erster Starkoch AmerikasDerzeit sind nur die Hälfte der ursprünglichen 34 Informationstafeln und Bilder ausgestellt. Sie erzählen die Geschichte der im ersten Weissen Haus versklavten Frauen, Männer und Kinder. Aus mündlichen Überlieferungen, aus Artikeln in abolitionistischen Zeitungen, aber auch den Inventaren Washingtons, sind erstaunlich viele biografische Daten und Namen gesichert. Anerkannt ist inzwischen auch, dass Washington, anders als lange behauptet, keine Zähne aus Holz trug, sondern einigen Sklaven die Zähne ziehen liess, um sich ein Gebiss aus Menschen- und Tierzähnen anzufertigen.Zu den Sklaven Washingtons gehörte ein Mann namens Hercules, der dank seinen Kochkünsten zum präsidialen Küchenchef aufstieg und im Weissen Haus ausländische Würdenträger bekochte. Er galt als einer der ersten Starköche Amerikas und genoss Zugang zu kostbaren Zutaten und mehr Freiheiten als andere versklavte Menschen. Um zu verhindern, dass Hercules aufgrund der damaligen Emanzipationsgesetze Pennsylvanias die Freiheit erlangte, schickte ihn Washington auf die Plantage nach Virginia zurück. Dort ergriff er später die Flucht.Die Flucht gelang auch Ona Judge, die als 15-jähriges Mädchen zur Dienstmagd von Washingtons Ehefrau Martha ins Weisse Haus gebracht wurde. Sie war oft in der Stadt unterwegs, um Botengänge zu verrichten, und freundete sich mit freien Schwarzen an. Als ihr zu Ohren kam, dass sie an Washingtons jähzornige Enkelin verschenkt werden sollte, tauchte sie dank der Hilfe von Freunden unter und setzte sich nach New Hampshire ab. Washington und seine Gattin waren tief gekränkt und starteten mehrere Versuche, Ona Judge wieder einzufangen.Dass die Ausstellung historische Tatsachen präsentiert, wird im Grundsatz weder von konservativen Akademikern noch von den Kulturbeamten Trumps bestritten. Die Regierung betont aber, die Person Washingtons und sein Verhältnis zur Sklaverei würden nicht umfassend und ausgewogen genug gewürdigt. So habe der erste Präsident die Institution der Sklaverei auch skeptisch betrachtet und persönliche Gewissensbisse gehabt. In seinem Testament schenkte er 123 Sklaven die Freiheit – allerdings erst nach dem Ableben seiner Frau.«Teil der Wahrheit»Michael Coard hat für solche Einwände nur ein spöttisches Lachen übrig. «Es gibt in den USA schon genug Denkmäler und Ausstellungen zur Person von Washington. Aber es gibt keine einzige, die den Menschen gewidmet ist, die er versklavt hatte.»Er habe nichts dagegen, wenn man Washington als grossen General und Politiker verehre. «Teil der Wahrheit ist aber auch, dass er ein Sklavenhalter war, und davon will ihn die Bundesregierung reinwaschen.» Die Sklaverei lasse sich auch nicht mit der damaligen Zeit rechtfertigen oder relativieren. Washingtons Nachfolger und Zeitgenosse John Adams habe nie Sklaven besessen und sich zeitlebens für die Abolition eingesetzt.Verspürt der «schwarze Revolutionär» am 250. Geburtstag der USA nur Wut oder auch Nationalstolz? Michael Coard hält inne. «Ich werde Amerika nie lieben können für das Land, das es zu Beginn war», sagt er nachdenklich. «Aber ich liebe Amerika für das Versprechen, allen Menschen Freiheit und gleiche Rechte zu geben. Auch wenn dieses Versprechen zuerst nur für weisse Männer galt.»Passend zum Artikel