Michael Boddenberg ist ein wenig aus der Übung. Um seine Fertigkeiten auf der Gitarre zu verbessern, begibt sich der langjährige Landtagsabgeordnete im Sommer erst einmal zu einem Workshop nach Frankreich. Denn im September steht der nächste Auftritt der Grooving Doctors an, der Benefiz-Rockband, für die der frühere hessische Finanzminister als „Boddie“ zugunsten eines guten Zwecks in die Saiten greift. Dann kann man den CDU-Politiker, der meist in Anzug und mit Krawatte auftritt, auch mal in Jeans und offenem Hemd erleben.Für die Musik hat der im Rheinland geborene Fleischermeister jetzt wieder mehr Zeit. Nach 27 Jahren legte er sein Landtagsmandat nieder, am Dienstag war sein letzter Tag als Abgeordneter. Siebenmal hintereinander hat er den Wahlkreis im Frankfurter Süden direkt gewonnen, einmal mit fast 50 Prozent der Stimmen, einmal nur mit knappem Vorsprung.Das war nicht selbstverständlich in einem Wahlkreis, der stark vom Flughafenausbau geprägt war. Diesen hat Boddenberg immer für nötig erachtet, auch wenn er, der in der Nähe des Südfriedhofs in Sicht- und Hörweite der landenden Flugzeuge lebt, Verständnis für die Menschen zeigt, die vom Fluglärm betroffen sind. Als er 2020 Finanzminister wurde, übernahm er den Aufsichtsratsvorsitz bei Fraport. Heute spricht Boddenberg kenntnisreich über die Vor- und Nachteile verschiedener Flugrouten. Die CDU-Fraktion habe ihn gebeten, künftig als sachkundiger Bürger zu Sitzungen zu kommen, in denen es um den Flughafen geht.Teilzeit-Rocker: Für die Gitarre hat Michael Boddenberg jetzt wieder mehr Zeit.dpa„Ich hatte nie Karriereabsichten“, sagt Boddenberg rückblickend über seine politische Laufbahn, die 1993 mit dem Einzug in den ehrenamtlichen Magistrat begann. „Petra Roth war der Meinung, es sei gut, wenn mal jemand von außen kommt“, erinnert er sich an den Anruf der späteren Oberbürgermeisterin. Boddenberg war damals zwar CDU-Mitglied, aber nicht in der Partei aktiv. Roth wurde auf den jungen Handwerksmeister aufmerksam, weil er sich berufspolitisch für mehr Tierschutz engagierte. „Ich habe mich geschämt, in einer Branche zu arbeiten, die insbesondere bei Lebendvieh-Exporten so grausam mit Tieren umgeht.“ Boddenberg leitete damals schon die Fleischerfachschule seines Schwiegervaters Jürgen Heyne.Dieser habe ihn sehr geprägt. „Dein Name und dein Ruf sind wichtiger als materieller Erfolg“, habe ihm der langjährige Obermeister der Fleischerinnung, der 2023 gestorben ist, mit auf den Weg gegeben. Ein anderer wichtiger Berater sei der Frankfurter CDU-Ehrenvorsitzende Ernst Gerhardt gewesen. Boddenberg machte doch Karriere, zog 1999 in den Landtag ein, wurde kurz darauf Generalsekretär der hessischen CDU. „Ich habe einfach meine Pflicht erfüllt und ein paarmal Ja gesagt“, sagt er in typischer Bescheidenheit, die Parteifreunde an ihm schätzen.„Die Existenz der Union stand infrage“Die Aufgabe in der Parteizentrale übernahm er in einer für die Partei schwierigen Zeit. Zusammen mit Roland Koch, mit dem er bis heute einen guten Kontakt pflegt, galt es, die Folgen der Spendenaffäre aufzuarbeiten. „Damals stand die Existenz der Union insgesamt infrage“, erinnert er sich. „Aber die Wähler haben unseren offenen Umgang mit der Spendenaffäre honoriert. Ein paar Jahre später haben wir dann sogar die absolute Mehrheit geholt.“In Frankfurt war Boddenberg, der politisch scharf argumentiert, im persönlichen Umgang aber stets zugewandt ist, auch als Oberbürgermeisterkandidat im Gespräch. Dazu sagt er nur: „Die Frage hat sich nie gestellt.“ Auch eine Kandidatur für den Bundestag sei für ihn nicht infrage gekommen. „Das hätte sich nicht mit meinen Verpflichtungen in Frankfurt verbinden lassen.“Wegbereiter von Schwarz-GrünAls hessischer Bundesratsminister hat er in den Jahren 2009 bis 2014 erlebt, wie es ist, ständig unterwegs zu sein, zumal in einer von der Finanzkrise geprägten Zeit, in der er für den Finanzplatz Frankfurt kämpfte. 2014 wurde er Fraktionsvorsitzender und einer der Wegbereiter des ersten schwarz-grünen Bündnisses auf Landesebene. „Wir waren überzeugt, dass wir mit dieser Koalition etwas für die politische Kultur tun können“, sagt Boddenberg, der sich zugutehält, zur reibungslosen Zusammenarbeit mit den Grünen beigetragen zu haben. Mit dem früheren Koalitionspartner teilt er das politische Ziel der Nachhaltigkeit.Dass er jetzt aus der Politik ausscheidet, habe nichts damit zu tun, dass er in wenigen Tagen 67 Jahre alt wird, versichert Boddenberg. „Ich denke nicht in Alterskategorien. Aber ich merke natürlich, dass ich nicht mehr 30 bin.“ Vor allem wolle er wieder selbstbestimmt über seine Kalender verfügen. Im familieneigenen Unternehmen wird er weiterhin tätig sein. Zudem hat er sich vorgenommen, jungen Start-up-Unternehmen, möglichst aus der Lebensmittelbranche, als Berater zur Seite zu stehen. In den Landtag rückt für Boddenberg zunächst Martin-Benedikt Schäfer nach, der Ende August allerdings zum neuen Frankfurter Sicherheitsdezernenten gewählt werden soll.Sprachlich gesehen, ist der gebürtige Rheinländer Boddenberg übrigens ein Musterbeispiel gelungener Integration. Aus seinem Idiom könnte man den Schluss ziehen, er sei in Hessen aufgewachsen. Die sprachliche Entwicklung sei schon seinem Vater vor mehr als 40 Jahren aufgefallen, erinnert sich Boddenberg. „Jung, do sprichs jo hessisch“, habe dieser am Telefon gesagt, als sich der Junior vom Ausbildungsort Frankfurt im heimischen Troisdorf meldete. Den rheinischen Dialekt verwendet Boddenberg heute nur noch bei einer Gelegenheit: Wenn die Grooving Doctors „Verdamp lang her“ der Kölner Band BAP spielen, übernimmt Boddenberg den Gesang.