Es ist ein alter Trick des Pop-Philosophen Slavoj Žižek, seine Vorträge fünf Minuten früher zu beginnen als angekündigt: Die Zuspätkommer fühlten sich schuldig und seien ihm automatisch gewogen. Dass Nick Cave und The Bad Seeds die Waldbühne deshalb schon um fünf vor halb acht stürmen, ist unwahrscheinlich – gewogen ist dem Mann, der sein Publikum früher auch mal beschimpfte, längst jeder, gerade in seiner alten Heimat.Wahrscheinlicher ist es da schon, dass er eine Verabredung mit seinem Berliner Weggefährten Blixa Bargeld hat, um das WM-Spiel Frankreich–Schweden zu gucken. So mancher rätselte ja, ob es vielleicht einen Gastauftritt von Bargeld geben würde. Gab er nicht – genauso wenig wie den Hit „Where the Wild Roses Grow“, Caves skandalumwittertes Mörderballaden-Duett mit Kylie Minogue, bei dem Bargeld übrigens das Demo eingesungen hatte. Das war es dann aber schon mit den Enttäuschungen an diesem Abend.
Ein Rockstar im dunkelblauen Dreiteiler
Nach einem Rock-‚n‘-Roll-Kung-Fu-Kick in die Abendluft startet der Vollgas-Opener „Get Ready for Love“. Cave, schlaksig wie eh und je und in einem dunkelblauen Dreiteiler gekleidet, joggt bei den meisten Songs über die Bühne, springt jeden Schlussakkord ein, wirft sich wie ein evangelikaler Prediger in die Hände seiner Fans, nur um im nächsten Moment die Treppe hoch zu Band und Klavier zu sprinten. Die Hitze kann ihm offenbar genauso wenig anhaben wie das Alter.Er habe keine Definition von Jazz, man erkenne ihn aber, wenn man ihn höre, hat die Jazz-Legende Thelonious Monk einmal gesagt. Für einen Rockstar etwas ähnliches. Wer Nick Cave sieht, weiß es einfach: Hier steht einer, vielleicht einer der größten, die es je gab. Neben Cave muss man hier aber auch Warren Ellis erwähnen, den Bandleader der Bad Seeds: eine bärtige Erscheinung, die ihre Geige fast zerbricht, wenn sie ihr ekstatisches Solo auf einem Stuhl stehend in die Abendluft kreischt.









