BildstreckeGetty, Photopress, KeystoneAb Juli dürfen in der Schweiz wieder Rundstreckenrennen stattfinden. Ein Rückblick in Bildern auf die Zeit, als in der Schweiz regelmässig wichtige und technisch anspruchsvolle Motorsport-Rennen stattfanden.01.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenVier Tage nach der Katastrophe beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans, Frankreich, hielt Karl Zimmermann fest, was vorgefallen war. Der Pfarrer vom Zürcher Neumünster schrieb am 15. Juni 1955 in der NZZ: «Zwei Stunden nach dem Start ereignet sich das Grauenhafte.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am 11. Juni 1955 kam es im Start-Ziel-Bereich des Rennens bei rund 240 km/h zu einer folgenschweren Kollision. Der Wagen des Franzosen Pierre Levegh überschlug sich und zerbarst. Brennende Magnesiumteile wurden auf die Tribüne geschleudert. «Die Splitter fliegen als glühende Geschosse in die Zuschauermenge hinein», schrieb Zimmermann. Männer, Frauen, Kinder seien «zerfetzt, enthauptet, verstümmelt, durchbohrt» worden.Die Folgen waren verheerend: 84 Personen starben beim Unglück. Bis heute gilt es als eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte des Motorsports – und es veränderte auch die Schweiz.84 Personen starben am 11. Juni 1955 in Le Mans. Der Unfall gilt bis heute als eine der schlimmsten Katastrophen im Motorsport.Keystone / Hulton / GettyKurz nach dem Unfall im Zielbereich verunfallte der Brite Dick Jacobs. Er kam von der Strecke ab, sein Wagen überschlug sich in einem Graben und fing Feuer. Jacobs überlebte den Unfall, erlitt jedoch schwere Verletzungen, die seine Rennfahrerkarriere beendeten. Später gab er an, von einer Rauchwolke, die von der Katastrophe im Zielbereich stammte, abgelenkt worden zu sein.Photopress / KeystoneFür den Pfarrer Karl Zimmermann war das Unglück «ein Wetterleuchten, das einem Sturm vorangeht». Er sah in dem Rennen «ein Verbrechen gegen die Heiligkeit des Lebens, das nicht länger tragbar ist». Darum stellte er die Frage: «Ob nicht aus Gründen einfachster Menschlichkeit und christlich-humaner Kulturgesinnung solchen Entartungserscheinungen ein Riegel vorgeschoben werden müsse». Durch gesetzliche Verordnungen, wenn es ohne Zwang nicht gehe.Der Bundesrat bejahte diese Frage in der Folge. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Le Mans und einer generell kritischeren Haltung gegenüber Hochgeschwindigkeitsrennen reagierte er drastisch und beschloss im Dezember 1958 Rundstreckenrennen mit Motorfahrzeugen per Gesetz zu verbieten.Der Motorsport hat im Land seither deutlich an Stellenwert eingebüsst. Dabei wurden in der Schweiz einst Rennen ausgetragen, die zu den renommiertesten in Europa gehörten.Die waghalsigen Pioniere: Dornach–Gempen (ab 1911)Die Geschichte des Schweizer Motorsports begann auf mehrheitlich unbefestigten Strassen, mit Automobilen, die noch als technische Sensation galten – und mit höchstens rudimentären Sicherheitsstandards. Der Automobil-Club der Schweiz (ACS) veranstaltete 1911 zum ersten Mal ein Rennen zwischen den Gemeinden Dornach und Gempen im Kanton Solothurn. Eine 5,2 Kilometer lange, kurvenreiche Bergprüfungsfahrt, die als eines der ersten bedeutenden Bergrennen der Schweiz galt.Die Fahrer bewältigten in ihren schweren, offenen Tourenwagen am Fusse der Gempenfluh insgesamt 30 Kurven. Weil die Behörden damals kein echtes Geschwindigkeitsrennen bewilligten, fuhren die Teilnehmer in einem ausgeklügelten System. Gewertet wurde nicht die absolute Bestzeit der einzeln gestarteten Autos. Der Sieger wurde durch eine komplizierte Formel ermittelt, welche Leistung, Gewicht und Fahrzeugtyp berücksichtigte.Dem Interesse der Schaulustigen tat dies keinen Abbruch: Teilweise verfolgten mehr als 10 000 Zuschauer das «Rennen». Überfordert von den grossen Zuschauermassen, stellte der ACS das Rennen Ende der 1920er Jahre wieder ein. Heute findet alle drei Jahre das «Gempen-Memorial» mit Oldtimern der Jahrgänge 1911 bis 1986 statt.Frau Dold-Uster, eine Rennfahrerin, die in den 1930ern Bekanntheit im Automobilsport erlangt. Auf der Aufnahme von 1937 sitzt sie in ihrem Wagen mit Schutzbrille und Begleitperson.Photopress / KeystoneDie frühen Pioniere: Teilnehmer fahren 1912 beim Rennen Dornach–Gempen.Jules Decrauzat / Photopress / KeystoneDas Klausenrennen (1922–1934)Bevor permanente Rundstrecken das Mass aller Dinge wurden, suchten die Pioniere des Motorsports das Abenteuer in den Bergen. Das Klausenrennen, offiziell als Grosser Bergpreis der Schweiz ausgetragen, galt in den 1920er und frühen 1930er Jahren als eines der härtesten und prestigeträchtigsten Bergrennen Europas.Die 21,5 Kilometer lange Strecke führte von Linthal im Kanton Glarus über 1237 Höhenmeter und 136 Kurven hinauf zur Klausenpasshöhe. Gefahren wurde auf einer grösstenteils unbefestigten Passstrasse, gesäumt von Abgründen und Felswänden.Die Rennfahrer Antonio Veladini, Joseph Karrer und Walter Delmar vor dem Klausenrennen am 8. August 1926.Jules Decrauzat / Photopress / KeystoneDer monegassische Rennfahrer Louis Chiron und der Italiener Achille Varzi werden am 6. August 1932 in ihren Rennautos beim Klausenrennen von Zuschauern umringt.Photopress / KeystoneBugatti, Alfa Romeo, Mercedes-Benz und Auto Union schickten jeweils ihre besten Fahrer und stärksten Maschinen in die Schweiz. Rudolf Caracciola prägte das Rennen wie kaum ein anderer. Der Deutsche, später als «Klausen-König» verklärt, stellte 1934 den legendären Streckenrekord von 15 Minuten 22 Sekunden auf. Er fuhr auf Schotter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 84 km/h.Die letzte Austragung im selben Jahr markierte zugleich das Ende einer Epoche: Die Wagen waren den engen und ungesicherten Bergstrassen zunehmend entwachsen. Zudem verunmöglichte der drohende Krieg weitere Austragungen. Unter dem Label «Klausenrennen Revival» wurde der traditionsreiche Anlass in den vergangenen Jahren mehrfach neu aufgelegt. Die nächste Austragung ist für 2027 geplant.Beobachter sitzen vor dem Ziel des Klausenrennens und warten auf die ankommenden Fahrer.Photopress / KeystoneDie Rennfahrerin Marie-Luise Kozmian passiert beim Klausenrennen 1934 eine der 136 Kurven.Photopress / KeystoneBergrennen Maloja (1929–1952)Viele Kurven, enge Strassen und eine spektakuläre Bergkulisse: Das Bergrennen von Maloja zählte zu den historisch bedeutendsten Motorsport-Klassikern im Bergell im Kanton Graubünden. Die Rennstrecke führte von Casaccia bis zum Kulmhotel auf der Passhöhe. Sie galt als anspruchsvoll, kurvenreich, schmal und steil.Ihren besonderen Reiz verdankte die Strecke der aussergewöhnlichen Topografie. Von der Engadiner Seite näherten sich die Fahrer der Passhöhe nahezu ohne Steigung. Erst auf der Südseite fällt die Strasse in einer eindrucksvollen Folge von Kehren ins Bergell ab. Diese Konstellation verlieh dem Malojapass seinen besonderen Reiz.Unter anderem aufgrund des Zweiten Weltkrieges wurde das Bergrennen lediglich 15 Mal ausgetragen. Am 1. September 1952 fand es zum letzten Mal statt. Danach wurde das Bergrennen aus finanziellen Gründen nicht mehr durchgeführt.Ein Pressestand mit Journalisten beim Bergrennen in Maloja im Jahr 1947.Photopress / KeystoneDer Schweizer Autorennfahrer Max Christen ist auf einer undatierten Aufnahme am Bergrennen Maloja in seinem Rennwagen unterwegs.Photopress / KeystoneGrand Prix des Nations (1946–1950)Der Grand Prix des Nations in Genf war das erste Rundstreckenrennen in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Rennen wurde zwischen 1946 und 1950 drei Mal ausgetragen. Gefahren wurde auf dem Circuit des Nations am Westufer des Genfersees. Die 2,98 Kilometer lange Strecke führte über drei grosse Strassen im Genfer Stadtzentrum: die Avenue de France, die Avenue de la Paix und die Rue de Lausanne.1950 ereignete sich kurz vor Rennende ein tragischer Unfall. Der Wagen des Italieners Luigi Villoresi geriet auf einer Öllache ins Schleudern und durchbrach die Absperrungen. Durch Trümmerteile und Bretter, die durch die Luft wirbelten, wurden drei Zuschauer getötet und zwanzig weitere verletzt. Nach diesem Unglück entschieden die Organisatoren, das Rennen künftig nicht mehr durchzuführen.Am 2. Mai 1948 fahren die Rennwagen beim Grand Prix des Nations durch Genf.Photopress / KeystoneMechaniker vom italienischen Rennteam kümmern sich am 21. Juli 1946 um den Alfa Romeo des italienischen Fahrers Achille Varzi.Hermann Schmidli / Photopress / KeystoneFormel-1-Rennen im Bremgartenwald (1934–1954)Heute kaum vorstellbar, doch einst fanden auf Schweizer Boden Grand-Prix-Rennen von internationalem Rang statt. Der Grosse Preis der Schweiz auf dem Bremgarten-Ring bei Bern, im Volksmund «Bremer» genannt, zählte zu den renommiertesten Rennen in Europa. Die Strecke im Bremgartenwald galt als schnell, technisch anspruchsvoll und gefährlich.Das erste Automobil-Grand-Prix-Rennen in Bremgarten fand 1934 statt, Sieger war der Deutsche Hans Stuck. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte der Schweizer Grand Prix zeitweise zur AIACR-Europameisterschaft, der damals bedeutendsten Grand-Prix-Serie.Zuschauer verfolgen am 4. Juli 1948 den Start der Sportwagen am Grossen Preis der Schweiz auf der Rundstrecke im Bremgartenwald.Ernst Baumann / Photopress / KeystoneDer britische Rennfahrer Mike Hawthorn liest am 22. August 1954 vor dem Start des Grossen Preises der Schweiz ein Magazin. Das Rennen beendete er auf dem sechsten Rang.Bernard Cahier / Hulton / GettyAb 1950 war Bremgarten dann Teil der neu geschaffenen Formel-1-Weltmeisterschaft. Der 7,28 Kilometer lange Kurs war keine künstliche Arena, sondern eine Aneinanderreihung öffentlicher Strassen. Wegen des ständigen Wechsels von Licht und Schatten unter den Bäumen, des tückischen Kopfsteinpflasters und des oft unberechenbaren Wetters galt er als eine der anspruchsvollsten Strecken seiner Zeit.Das letzte Rennen am 22. August 1954 konnte der argentinische Ausnahmekönner Juan Manuel Fangio gewinnen. Im Jahr danach passierte die Katastrophe von Le Mans. Mit dem Rundstreckenrennen-Verbot in der Schweiz verschwand Bremgarten aus dem Grand-Prix-Kalender. Heute ist von der Strecke nicht mehr viel übrig. Einige Strassen folgen zwar noch dem damaligen Verlauf, die Reste des Parcours sind jedoch verschwunden.Die Mechaniker schieben vor dem Grossen Preis der Schweiz 1954 das Auto des britischen Fahrers Stirling Moss (32) in den Startbereich.Hermann Schmidli / Photopress-Archiv / KeystoneDer Grosse Preis der Schweiz im August 1937: Ein Fahrer rast mit seiner Maschine und der Startnummer 42 an den Zuschauern vorbei. Gewonnen hat das Rennen der Deutsche Rudolf Caracciola, einer der erfolgreichsten Fahrer vor dem Zweiten Weltkrieg.Photopress / KeystoneDie ZukunftNach fast 70 Jahren fällt nun das Rundstreckenverbot. Am 1. Juli tritt eine Änderung der Verkehrsregelnverordnung (VRV) in Kraft. Schon 2022 war das historische Verbot von Rundstreckenrennen aus dem Gesetz gestrichen worden – doch es brauchte vier Jahre, bis die VRV wegen politischer Blockaden angepasst werden konnte.Der Bundesrat konnte in der Vergangenheit trotz dem Verbot Ausnahmen gestatten. Zweimal ist das geschehen: 2018 beim E-Prix in Zürich und 2019 bei einem weiteren Rennen der Formel E in Bern. Künftig obliegt die Bewilligung von Motorsport-Rundstreckenrennen den Kantonen. Dabei müssen sie insbesondere die Sicherheitsstandards sowie die Anforderungen des Umweltschutzes berücksichtigen.Dennoch steht die Schweiz vor einer pragmatischen Realität: Der Bau einer permanenten, modernen Rennstrecke ist aus raumplanerischen, finanziellen und ökologischen Gründen utopisch. Das Ende des Rundstreckenverbots beendet vor allem ein historisches Kapitel des Schweizer Rechts. Eine Renaissance des klassischen Motorsports ist damit jedoch keineswegs garantiert.Passend zum Artikel