Die Kleinstadt Concord in Massachusetts, nicht weit von Boston gelegen, ist das US-Äquivalent zu Weimar. Hier wirkten über Jahrzehnte hinweg einige der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller: Samuel Hawthorne, Henry David Thoreau, Margaret Fuller und allen voran Ralph Waldo Emerson, der Bewunderer Goethes, der in Concord dieselbe prägende Rolle innehatte wie sein deutsches Ideal.Doch es ist nicht Emersons bis heute unverändert erhaltenes Haus, das die meisten kulturell interessierten Besucher anzieht, sondern das viel kleinere Orchard House, in dem Luisa May Alcott lebte und schrieb. Und das ihr als Kulisse für „Little Women“ diente, jenen Roman, mit dem sie 1868 ihren literarischen Ruhm begründete. Ein bis heute vergleichbar populäres Buch aus dem neunzehnten Jahrhundert hat die deutsche Literatur nicht zu bieten.Die Erstausgabe von „Little Women: or Meg, Jo, Beth and Amy“ aus dem Jahr 1868ArchivDie Ursache dafür liegt einmal im Thema: Im Mittelpunkt der Handlung stehen die vier Töchter der Familie March, deren Lebensumstände unübersehbar dem Muster von Alcotts eigenen Lebensumständen folgen. So stand sie denn auch selbst Patin für die zweitgeborene Tochter im Roman, Josephine, die ihren Namen zu Jo verkürzt, weil sie lieber als Junge geboren worden wäre (und sich auch so verhält). Meg dagegen, mit sechzehn Jahren die Älteste, ist eine fügsame junge Dame, die dreizehnjährige Beth eine schöngeistige Träumerin und das Nesthäkchen Amy mit ihren zwölf Jahren eine egozentrische Möchtegernmalerin. Durch äußere Umstände machen sie indes Wandlungen durch, die sie zusammenschweißen.Vor dem Hintergrund des BürgerkriegsDas Geschehen umfasst den Zeitraum von Weihnachten 1860 bis zum Jahreswechsel 1861/62. Dazwischen liegt der Ausbruch des Bürgerkriegs, und der Vater der March-Mädchen hat sich als Feldkaplan gemeldet, um die Nordstaaten zu unterstützen. Dementsprechend liest Jo den Antisklaverei-Hit der damaligen Zeit, „Onkel Toms Hütte“, während sich Meg lieber an romantische Ritterromane von Walter Scott hält.Zum March-Mikrokosmos gehören neben der Idealgestalt der Mutter, die auch einmal ein Wildfang wie Jo gewesen ist, die schwarze Haushälterin Hannah und eine griesgrämige Erbtante. Außerdem der (an Alcotts Nachbarn Emerson angelehnte) hochgebildete James Laurence, der gemeinsam mit seinem zu allerlei Unsinn aufgelegten Enkel Theodore sowie dessen Hauslehrer John Brooke eine männlich geprägte Gemeinschaft als Gegenstück zu den Marchs bildet. Die emanzipative Komponente von „Little Women“ liegt weniger im Erfolg der Titelheldinnen als darin, dass das Buch konsequent eine weibliche Perspektive annimmt – bis hin zur nur selten auftretenden Ich-Erzählerin, mit der Alcott wohl verhindern wollte, dass man ihren Roman autobiographisch liest.Die Herausforderung der Moral durch den MaterialismusDeshalb sind die March-Töchter auch einige Jahre später geboren als Alcott (Jahrgang 1832) und ihre drei Schwestern, aber die Ansiedelung im ersten Bürgerkriegsjahr war der Autorin politisch wichtig. Ihre Familie war transzendentalistisch eingestellt und engagierte sich für die Sklavenbefreiung. Mit dieser idealistischen Lebensführung erlitten die Alcotts indes ökonomischen Schiffbruch, und genau dasselbe widerfährt auch den Marchs. Der Kontrast zwischen Materialismus und Moral ist zentral für den Roman.Er wurde trotzdem zum Lieblingsbuch der moralisch wenig zimperlichen US-Gesellschaft, und heute bewundern die Besucher im Orchard House die Überbleibsel des Lebens einer Autorin, die sich wie der Vater in ihrem Buch freiwillig zum Hilfsdienst im Sezessionskrieg gemeldet hatte (als Krankenschwester) und typhuskrank zurückkehrte, um sich bis zum Tod im Jahr 1888 nicht mehr von den Folgen zu erholen. Das weitere Schicksal der Marchs verfolgte sie aber noch in drei anderen Romanen. Keiner jedoch hat den unschuldigen Charme jener Kindheit, die im Moment der größten Zerreißprobe der Vereinigten Staaten angesiedelt ist. Im zweiten Buch wird dann schon tragisch gestorben. Was im ersten Teil nur am Rande geschieht, in einer elenden deutschen Einwandererfamilie namens Hummels.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
Louisa May Alcotts Erfolgsroman "Little Women"
Dieser literarische Erfolg hält seit mehr als 150 Jahren an: Mit dem Roman „Little Women“ trifft Louisa May Alcott seit 1868 den Nerv ihrer Nation – der 19. Teil der F.A.Z.-Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.






