Ihr Zimmer im ersten Stock verließ sie selten, ihr Haus in Amherst (Massachusetts) kaum. War menschenscheu und unverheiratet, empfing wenig Besucher. Außer Briefen schrieb sie Gedichte; mal zwei Dutzend in einem Jahr, mal auch fast 300; viele Zwei-, Drei-, Vierzeiler. Gesänge waren nicht ihre Art.Einband der Erstausgabe der „Poems“ von 1890University of California LibrariesAm Ende, Emily Dickinson starb mit 55, waren es knapp 1800 Gedichte. Es waren Gedichte einer Frau, die nur selten ihr Zimmer verließ: „Für eine Wiese braucht es Klee und eine Biene / Ein Kleeblatt, eine Biene, / Und Träumerei / Die Träumerei allein reicht hin / Wenn Bienen selten sind.“ Sie hat ein Maximum an Gedanken aus einem Minimum an Erfahrung gesogen.Im neunzehnten Jahrhundert waren Frauen vor allem als Gegenstand von Lyrik vorgesehen, nicht als Dichterinnen. Allenfalls wurden von ihnen weibliche Gedichte erwartet, die Häkeldeckchen ähnelten. Diejenigen Dickinsons entzogen sich dieser Erwartung. „Sag alles wahr, doch sag es schräg – / Erfolg im Umgang liegt darin, / Dass viel zu hell für unsern schwankenden Genuss / Der Überraschungsglanz der Wahrheit ist. / Wie Blitz begreifbar wird dem Kind / Durch eine freundliche Erklärung / Muss Wahrheit ganz allmählich blenden, / Sonst macht sie alle blind.“ Mitunter schmerzt ihre Intelligenz, so scharf sieht sie die Dinge. Den Begriff „Metaphysische Dichtung“, der für englische Lyriker des siebzehnten Jahrhunderts geprägt worden ist, hätte sie in Anspruch nehmen können, aber er wäre ihr bestimmt zu pompös vorgekommen.Der Gedankenstrich als liebstes StilmittelErschienen sind die Gedichte Emily Dickinsons postum 1890. Zu ihren Lebzeiten wurde kaum ein Dutzend anonym veröffentlicht. Sie bildete sich also fast ohne Publikum aus. Ihre Verse waren meist kurzzeilig, lakonisch, sprachliche arte povera, oft witzig. Der Gedankenstrich war ihr liebstes Stilmittel. „Ist Gott ein Arzt? / Sie sagen, er heilt alles – / Doch postmortale Medizin / Sie fehlt uns jedenfalles – / Ist Gott Finanzminister? / Sie reden viel von unsrer Schuld – / Doch diese Transaktion / Sie wird von mir genullt.“So schrieb sie oft, ein Bild erst gebend, danach mit ihm spielend, ihm widersprechend, es paradox auflösend. Wer Sinn für den Widerstand der Worte gegen die Worte hat, wird ihre Verse lieben. Sie sind wie harmlos erscheinende kleine Objekte, die, kaum dass wir sie flüchtig berührt haben, an uns haften bleiben, und wir werden sie nicht wieder los. „Wasser wird gelehrt durch Durst. / Land – durch verflossene Ozeane. / Transport – durch das Weh – / Frieden – durch erzählte Schlacht – / Liebe – durch des Denkmals Macht – / Vögel durch den Schnee.“Das Vokabular Dickinsons ist ein elementares, der Wortschatz überschaubar. Kaum etwas, das sich nicht im damaligen evangelischen Gesangbuch fände. Aus ihm aber holt sie jede denkbare Komplikation heraus. „Warum denn eilen, ja warum? / Wenn doch auf jeder Seit’ / Wir gleichermaßen sind belästigt / Von der Unsterblichkeit.“ Mit Meister Eckhart („One and One – are One“) hätte sie Freundschaft schließen können. Dabei war sie, trotz ihrer mönchischen Existenz, nicht weltflüchtig. Geschrieben hat sie beispielsweise auch zum amerikanischen Bürgerkrieg, dessen Zeitgenossin sie war. „Der Name – davon – ist ‚Herbst‘ – / Die Farbe – davon – ist Blut – / Eine Arterie – auf dem Hügel – / Eine Vene – entlang der Straße –.“ Patriotisch ist hier nichts. Der Herbst steht in Anführungszeichen. Dickinsons Blick auf die Welt aus dem ersten Stock des Hauses in Amherst war zu ernst, um ihre Poetisierung zu betreiben.Die Welt und die Worte, die wir für sie haben, erschienen ihr an sich selbst wunderlich, bedurften also keiner lyrischen Beleuchtung. Jedem, den romantische Gefühle befallen, seien ihre Gedichte als Medizin empfohlen.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.