PfadnavigationHomeRegionalesHamburgSchulbegleitungStreit um Schulbegleitung eskaliert – Demonstrationen und Petitionen geplantStand: 17:18 UhrLesedauer: 5 MinutenIn Hamburg benötigen immer mehr Schüler Begleitung beim Schulbesuch. Die Schulbehörde will deshalb das System verändern. Die Angst, dass alles schlechter wird, ist riesig.Quelle: Jonas Güttler/dpaSchulsenatorin Ksenija Bekeris setzt auf zentral gesteuerte Pool‑Modelle und mehr Freiwilligendienstleistende. Der Paritätische warnt vor verlorenen Schuljahren, der Sozialverband vor einer „ernsthaften Gefährdung der schulischen Inklusion“ – jetzt formiert sich Protest am Jungfernstieg.Kurz vor Beginn der Sommerferien eskaliert in Hamburg der Streit um Kürzungen bei den Schulbegleitungen für Kinder mit Einschränkungen und Förderbedarfen. Schulen, Verbände und Eltern berichten von deutlich gekürzten Stunden für das kommende Schuljahr, teilweise von Einschnitten um 50 bis 70 Prozent. Für Mittwoch ist eine Demonstration unter dem Motto „Hände weg von der Schulbegleitung“ am Jungfernstieg angekündigt.Schulbegleitungen unterstützen Kinder und Jugendliche, die wegen einer Behinderung oder eines besonderen Förderbedarfs Hilfe benötigen, um am Unterricht teilnehmen zu können. Sie übernehmen Assistenzaufgaben im Schulalltag; in Hamburg entscheiden darüber Schule, Eltern, die Beratungszentren der Schulbehörde und die Behörde selbst – jeweils auf Grundlage eines individuellen Bedarfs. Lesen Sie auchDie Bildungsbehörde weist den Vorwurf anstehender Kürzungen zurück. In der Landespressekonferenz wird Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) mit genau diesen Berichten konfrontiert. Sie widerspricht und stellt gleich zu Beginn klar: „Es geht um keinerlei Kürzung.“ Vielmehr werde das Budget weiter erhöht. Für das kommende Schuljahr seien rund 44 Millionen Euro vorgesehen, nach etwa 42 Millionen im laufenden Jahr. Allerdings, das räumt sie ein, hätten die Schulen deutlich mehr Bedarfe angemeldet.Deshalb wird sich das Verfahren der Zuteilung der Schulbegleitungen ändern. Neu ist, dass die Bewilligung stärker gesteuert wird. Künftig sollen Schulbegleitungen häufiger nicht mehr individuell, sondern in Pool‑Modellen organisiert werden, in denen eine Kraft mehrere Kinder betreut oder innerhalb einer Schule eingesetzt wird. Bei bestimmten Förderbedarfen soll zudem zunächst geprüft werden, welche Unterstützung die Schule selbst leisten kann; erst danach wird über zusätzliche Schulbegleitung entschieden, zum Teil erst nach einem ganzen Jahr. Gleichzeitig wird der Einsatz von Freiwilligendienstleistenden ausgeweitet und zentral organisiert.Bekeris begründet die aktuelle Auseinandersetzung mit der Entwicklung der vergangenen Jahre. Die Zahl der begleiteten Schülerinnen und Schüler sei von rund 1600 auf etwa 4000 gestiegen, die Ausgaben hätten sich im Vergleich zum Startjahr von 6,8 Millionen Euro entsprechend vervielfacht. In den jüngsten Abstimmungen mit Schulen und Beratungszentren seien Bedarfe gemeldet worden, die „weit über das hinausgehen“, was im Haushalt vorgesehen sei und sich aus Sicht der Behörde nicht in allen Fällen fachlich erklären lasse.Lesen Sie auchDie Voraussetzungen für Schulbegleitung hätten sich nicht geändert, sagt Bekeris, entschieden werde weiterhin nach individuellem Bedarf. „Wenn ein Bedarf vorliegt, dann wird er auch bewilligt.“ Verändert worden sei die Praxis der Entscheidungen. In sogenannten Entscheidungskonferenzen seien die Anträge gemeinsam mit Schulen und Regionalen Bildungs- und Beratungszentren geprüft worden, dabei habe es unterschiedliche Einschätzungen gegeben. Diese Fälle würden nun erneut betrachtet. „Wir schauen uns diese Einzelfälle sehr sorgfältig an.“Aus Sicht der Schulen stellt sich die Lage deutlich anders dar. Die Vereinigung der Schulleitungen der Hamburger Stadtteilschulen warnt vor „gravierenden Einschnitten“, die die Teilhabe am Unterricht gefährdeten. Schulbegleitung sei Voraussetzung dafür, dass Kinder mit Behinderungen überhaupt am Schulalltag teilnehmen können. Mehrere Schulen berichten, dass für das kommende Schuljahr nur ein Teil der bislang üblichen Stunden bewilligt worden sei.Auch Verbände und Träger sprechen von einem strukturellen Einschnitt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg fordert, die Änderungen auszusetzen. Geschäftsführerin Kristin Alheit warnt davor, dass zusätzliche Unterstützung künftig erst bewilligt werden könne, wenn andere Maßnahmen ausgeschöpft seien. Das könne sich über ein gesamtes Schuljahr ziehen. „Ein volles Schuljahr ohne Begleitung – das ist ein Jahr, das im Leben eines Kindes nicht wiederkommt.“Lesen Sie auchDer Sozialverband SoVD sieht eine „ernsthafte Gefährdung der schulischen Inklusion“. Vorsitzender Klaus Wicher kritisiert geplante Einschränkungen bei qualifiziertem Personal und bei den Bewilligungen insgesamt. Ähnlich argumentiert der Elternverein Leben mit Behinderung Hamburg. Familien berichteten bereits jetzt davon, dass Kinder zeitweise nicht zur Schule gehen könnten, weil notwendige Assistenz im Alltag fehle.Ein zweiter Streitpunkt betrifft die Qualität der Unterstützung. Nach Angaben der Behörde wird der überwiegende Teil der Schulbegleitung bereits heute von weniger formal qualifizierten Kräften geleistet, während Fachpersonal etwa 16 Prozent ausmacht. Dieses Verhältnis soll beibehalten werden. Kritiker sehen darin eine weitere Verschiebung zulasten qualifizierter Unterstützung.Abkehr von individueller UnterstützungTeil der Änderungen ist auch die neue Organisation über Pool‑Modelle. Bekeris beschreibt das als notwendige Flexibilität, um Ausfälle zu kompensieren. Schulen und Verbände sehen darin eine Abkehr von individueller Unterstützung.Die Opposition hat den Streit inzwischen auf die politische Ebene gezogen und bringt ihn am Mittwoch in die Bürgerschaft. CDU und Linke fordern in Anträgen, die geplanten Änderungen auszusetzen.Lesen Sie auchDie CDU verlangt, die Reform so lange zu stoppen, bis eine eingesetzte Expertenkommission ihre Ergebnisse vorgelegt hat. „Eltern, Schulen und Träger brauchen Planungssicherheit“, sagte die bildungspolitische Sprecherin Birgit Stöver. Der Senat schaffe mit den Änderungen kurz vor dem Schuljahreswechsel neue Unsicherheit, obwohl die fachliche Grundlage noch ausstehe.Deutlich schärfer argumentiert die Linke. Sie spricht von „massiven Kürzungsplänen“, die sowohl Umfang als auch Qualität der Schulbegleitung betreffen. Die schulpolitische Sprecherin Sabine Ritter wirft der Behörde vor, mit den Änderungen einen grundlegenden Eingriff in das System vorzunehmen. „Die angekündigten Veränderungen laufen auf massive Kürzungen hinaus – quantitativ wie qualitativ“, sagte Ritter. Ihre Fraktion verlangt Aufklärung darüber, wie viele Schulbegleitungen künftig noch bewilligt werden und welche Rolle qualifiziertes Personal spielen wird. Zugleich fordert sie, die Pläne sofort zu stoppen und neu zu bewerten.Beide Oppositionsfraktionen verweisen zudem auf wachsenden Druck von außen. Neben der Demonstration am Jungfernstieg kursieren Petitionen mit zehntausenden Unterschriften.
Schulbegleitung: Streit um Schulbegleitung eskaliert – Demonstrationen und Petitionen geplant - WELT
Schulsenatorin Ksenija Bekeris setzt auf zentral gesteuerte Pool‑Modelle und mehr Freiwilligendienstleistende. Der Paritätische warnt vor verlorenen Schuljahren, der Sozialverband vor einer „ernsthaften Gefährdung der schulischen Inklusion“ – jetzt formiert sich Protest am Jungfernstieg.








