Rinteln ist nicht Liverpool. Doch auch die beschauliche Stadt im Weserbergland ist Geburtsort eines weltbekannten Musikers: Graham Coxon. Leider hat der Ruhm des Blur-Gitarristen nicht auf Rinteln abgefärbt, was auch daran liegen mag, dass der kleine Graham, dessen Vater als britischer Soldat hier stationiert war, die Stadt schon früh in Richtung Münster und Berlin verließ. Zur Schule ging Coxon dann in England, genauer in Essex, und damit war er Liverpool schon einen großen Schritt näher gekommen.Sein Vater, heißt es, war Klarinettist und Bandleader, und so ist es erstaunlich, dass sich Graham als Autodidakt im fortgeschrittenen Alter von zwölf Jahren selbst das Saxophon- und Gitarrenspiel beibrachte. Aber dass er keine konventionelle Musikerziehung und keinen klassischen Unterricht erhielt, sollte für seinen Stil prägend sein: Coxon war nie ein Schön- und Schnellspieler, im Gegenteil bestand der Reiz seiner Gitarrenkünste gerade im Rauen, Schrägen, Überraschenden.Weil Popgeschichte zyklisch verläuftWer den größten Hit von Blur im Ohr hat, „Song 2“ von 1997, wird zudem eher an die anderen großen Indie-Rock-Bands der frühen Neunziger denken – Rage Against the Machine, Nirvana oder Pearl Jam –, nicht an die große, für Coxon und Blur freilich sehr viel entscheidendere Liverpool-Tradition mit den Übervätern John, Paul, George und Ringo, die für den Brit-Pop Pate standen.Graham Coxon, der mit „Castle Park“ sein inzwischen neuntes Soloalbum vorlegt, liebte es schon immer, zwischen den Genres zu switchen. So legte er 2009 mit „The Spinning Top“ ein vornehmlich akustisches Album mit sehr amerikanisch anmutenden Folksongs und Cat Stevens-Touch vor, ein sehr schönes Album, das allerdings live und vor einem britischen Publikum auf großen Bühnen nicht funktionierte. So entstand als Nächstes „A+E“, lärmig und wild – Coxons Verbeugung vor der deutschen Krautrock-Tradition.Und da Popgeschichte zyklisch verläuft und man nach etwas Scharfem und Salzigem wieder etwas Mildes und Süßes möchte, erreicht uns jetzt mit „Castle Park“ ein Album, dass Coxon zeitgleich mit „A+E“ aufgenommen hat und das wie eine Art Antidot wirkt. Hier wimmelt es wieder von Beatles-Anleihen, von munter-verspielten Tanznummern, so einfachen wie wirkungsvollen Riffs und Melodien.Ein Pfeifen von der Insel„Castle Park“ ist wie eine Musik gewordene Antwort auf die Preisfrage des jüngst ausgeschriebenen Essay-Wettbewerbs dieser Zeitung: „Gibt es nationale Handschriften in der Kunst?“ Britischer als Graham Coxon auf diesem Album kann man auf jeden Fall nicht klingen, allein schon durch den Zungenschlag, der dem ganzen die englische Faktur verleiht und sich unmöglich imitieren ließe. Selbst das Pfeifen auf „Alright“ ist ein Pfeifen von der Insel, kein anzüglich französisches oder markig amerikanisches Pfeifen. Auch kein deutsches Pfeifen, das immer nach schlechter Vogelimitation klingt.Doch so englisch all das ist, dahinter steckt etwas, das man nur mit dem französischen Wort Nonchalance beschreiben kann: „There’s a Little House“ etwa könnte auch auf einem Sampler mit Kita-Liedern Platz finden, ohne dass es infantil wirken würde. „Dripping Soul“ mit seinem Rhythmus wie Pferdegalopp scheint von Ennio Morricone inspiriert zu sein, und fast meint man Clint Eastwood und Eli Walach durch die texanische Wüste reiten zu sehen. Doch Coxon, und das gehört wohl zum typisch britischen Humor, gelingt es, das Ganze nicht albern, sondern charmant wirken zu lassen.Songs über Liebe und EifersuchtIronie ist vielleicht zu viel gesagt, aber der Reiz von Stücken wie „All the Rage“ oder „There’s a Little House“ liegt auch darin, dass Musik und Text stark kontrastieren. So locker-leicht und wie aus dem Ärmel geschüttelt die Kompositionen wirken, sprechen doch fast alle Lyrics von unerwiderter Liebe und Eifersucht: „I don’t really like/ That he passes through your head/ And I don’t really like/ That I wish that he was dead.“Es gibt handfeste Gründe, warum „Castle Park“ erst jetzt, fünfzehn Jahre nach seiner Entstehung, erscheint: Coxon ging damals nach einer längeren Pause wieder mit Blur ins Studio, und dazu zeitgleich zwei so unterschiedliche Soloalben wie „A+E“ und „Castle Park“ zu vermarkten, wäre sicher kaum möglich gewesen. Der Lo-Fi-Sound des Albums hat natürlich etwas Retrohaftes an sich, aber gegen die normannische Festung im heimischen Essex, die das Cover ziert, haben wir es hier doch mit recht frischer und trotz Nostalgie sehr heiterer Musik zu tun. Da ist es egal, ob sie 2026, 2011 oder 1969 entstand.
Sehr britisch: Graham Coxons Soloalbum "Castle Park"
Nach dem lärmigen Krautrock-Album „A+E“ wirkt das nun veröffentlichte Soloalbum „Castle Park“ des Blur-Gitarristen Graham Coxon wie ein süßes Antidot: Es wimmelt von Beatles-Anleihen und verspielten Tanznummern.







