«Wir stehen im Fadenkreuz», sagt der deutsche Innenminister: Von Extremisten verübte Gewalttaten nehmen weiter zuIm Bericht des Inlandsgeheimdienstes zeichnet sich ab, dass sich Links- und Rechtsextremisten gegenseitig radikalisieren. Auch der Islamismus stellt eine tödliche Gefahr dar.30.06.2026, 16.56 Uhr4 LeseminutenDie Zahl gewaltbereiter Extremisten steigt: Der Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen und der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt.DTS-Nachrichtenagentur/Imago«Deutschland steht unter Druck», sagte der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt am Dienstag. Er stellte in Berlin den Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2025 vor. Sinan Selen war erstmals als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz dabei. Der Christlichsoziale Dobrindt forderte, Deutschland müsse damit fortfahren, seine Nachrichtendienste zu «echten Geheimdiensten» umzubauen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Darunter versteht man für einzelne Einsätze rekrutierte Agenten, die leicht durch neue Agenten ersetzt werden können, wenn sie enttarnt wurden.Linksextremismus: Starke Zunahme von GewalttatenDie Zahl gewaltorientierter Rechts- und Linksextremisten nehme zu, sagte Dobrindt. Der Verfassungsschutz zählte 2025 11 600 gewaltorientierte Linksextremisten (2024: 11 200) und 15 600 gewaltorientierte Rechtsextremisten (2024: 15 300), in beiden Fällen ein leichter Anstieg zum Vorjahr.Deutlich fällt die Zunahme linksextremistischer Straftaten und linksextremistischer Gewalt aus. Linksextremistische Straftaten nahmen gemäss Bericht im Vergleich zum Vorjahr um etwa 39 Prozent zu (insgesamt: 8133), Gewalttaten gar um 61 Prozent (insgesamt: 856). Gemäss dem Verfassungsschutz stellen vor allem Sabotageakte von Linksextremisten gegen kritische Infrastruktur ein wachsendes Problem dar.Ein prominentes Beispiel dafür ist der Angriff einer sogenannten «Vulkangruppe» auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde im Januar 2026, der zu einem mehrtägigen Stromausfall bei Zehntausenden Haushalten geführt hat. Selen sprach von der Schwierigkeit des Verfassungsschutzes, die für solche Angriffe verantwortlichen Gruppierungen zu beobachten. Sie arbeiteten «hoch konspirativ» und setzten sich «immer wieder neu zusammen», so Selen.Er verwies darauf, dass sich Links- und Rechtsextremisten gegenseitig weiter radikalisierten. Die Ablehnung des jeweils anderen sei Teil der «Legitimationskultur der Extremisten», sagte Selen.In dem Bericht schlägt sich das beispielsweise in der starken Zunahme linksextremer Gewalt gegen vermeintliche oder tatsächliche Rechtsextremisten nieder. Die Zahl solcher Körperverletzungen hat sich im Jahresvergleich auf 283 nahezu verdoppelt. In dem Bericht heisst es, die Wahrnehmung eines «Rechtsrucks» in der Gesellschaft und der AfD als «faschistisch» trage zum Wachstum der Szene bei.Rechtsextremismus: Immer jüngere SympathisantenAber auch rechtsextremistische Gewalttaten nahmen gemäss Bericht auf hohem Niveau weiter zu, um 9 Prozent auf 1395 Delikte. In 146 Fällen verübten Rechtsextremisten Körperverletzungen gegen vermeintliche oder tatsächliche Linksextremisten, auch das eine starke Zunahme.In der rechtsextremistischen Szene sei besonders die Rekrutierung immer jüngerer Menschen ein Problem, so Dobrindt und Selen. Im Mai vergangenen Jahres wurde eine rechte Terrorgruppe mit dem Namen «Letzte Verteidigungswelle» zerschlagen. Ihre Mitglieder waren zwischen 14 und 21 Jahren alt. Sie verübten und planten Brandanschläge – unter anderem auf Asylbewerberheime.Ein wichtiges Thema bei der Vorstellung am Dienstag war der Umgang mit der Rechtsaussenpartei AfD. Beim Umgang mit der AfD steht der Verfassungsschutz vor rechtlichen Hürden. Auf Bundesebene gilt die Partei derzeit nur als Verdachtsfall, da sie ein Eilverfahren gegen den Geheimdienst gewann. Das lässt auch Rückschlüsse auf das Hauptverfahren zu: Denn die gerichtliche Entscheidung, ob das Amt die Partei als ganze als «gesichert rechtsextremistische Bestrebung» bezeichnen darf, steht noch aus.Ungeachtet dessen schlägt sich die schärfere Gangart der Behörden bereits in der Statistik nieder: Weil der Verfassungsschutz seine Schätzung der als rechtsextrem eingeordneten Mitglieder der Partei korrigiert hat, stieg das rechtsextreme Personenpotenzial insgesamt im Bericht um etwa 8000 Personen.Islamismus: Weniger Gewaltorientierte, mehr GewalttatenBeim Islamismus zeigt der Verfassungsschutzbericht für 2025 einen paradoxen Befund: Einerseits nahm die Zahl gewaltorientierter Islamisten leicht ab und liegt bei 9110 Personen (2024: 9540). Andererseits nahmen religiös motivierte Straftaten um etwa 8 Prozent zu, der grösste Teil von ihnen war islamistischer Natur. Gewalttaten nahmen um 13 Prozent zu, darunter waren acht versuchte und zwei vollendete Tötungsdelikte.Für islamistische Akteure sei der Nahostkonflikt weiterhin ein wichtiges Mobilisierungsthema, heisst es im Bericht. Die Bedrohung gehe zunehmend von «jungen, allein handelnden und online radikalisierten» Tätern aus, «die unsere freiheitlichen Werte ablehnen». Ein prominenter Fall war der antisemitische Messerangriff eines islamistischen Asylmigranten am Holocaust-Mahnmal in Berlin im Februar 2025. Das Opfer – ein zufällig anwesender spanischer Tourist – überlebte schwer verletzt.Insgesamt verzeichnete der Verfassungsschutz im Jahr 2025 58 851 Straftaten mit extremistischem Hintergrund (2024: 57 701). Davon waren 3294 Gewalttaten (2024: 2976), ein Anstieg um 10 Prozentpunkte. Bis jetzt scheint die Zunahme extremistischer politischer Gewalt ungebremst weiterzugehen.Passend zum Artikel
Verfassungsschutzbericht 2025: Mehr linksextremistische Gewalt
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