„Finden Sie, dass Ihr Kind an der Schule genauso willkommen und angenommen ist wie Kinder ohne Behinderungen?“ Diese Frage ist Teil einer Studie zu Inklusion, die das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) am Dienstag vorgestellt hat.Befragt wurden 7462 Sorgeberechtigte von Kindern mit Behinderungen, Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen in allen Bundesländern. Die Studie liefert erstmals bundesweite und belastbare Daten dazu, woran es aus Sicht der Eltern bei der Inklusion an Schulen hakt – und wo sie funktioniert.Rund 40 Prozent der Eltern geben an, dass ihr Kind sich an der allgemeinen Schule ebenso willkom­men und angenommen fühle wie Kinder ohne Behin­derungen. Etwa ein weiteres Drittel (33,4 Prozent) stimmt dieser Aussage eher zu. Fast jedes fünfte Elternteil hat den Eindruck, dass das Kind eher nicht so angenommen wird wie Kinder ohne Behinderungen. Knapp acht Prozent der Eltern sagen, dass ihr Kind an der Schule nicht willkommen sei. Ein „gleichberech­tigtes Willkommensein und eine selbstverständ­liche Zugehörigkeit zur Schulgemeinschaft“ sieht das Forschungsteam somit für viele Kinder mit Beeinträchtigungen nicht gewährleistet.„Lehrkräfte sind nicht hinreichend für Inklusion ausgebildet“Diejenigen Eltern, die eine geringe Akzeptanz des Kindes wahrnehmen, berichten zum Beispiel von direkten oder indirekten Hinweisen, das Kind solle besser eine Förderschule besuchen. Vergleicht man die Akzeptanz bei unterschiedlichen Gruppen, zeigt die Studie, dass Kinder mit Autismus oder mit emotionalen und sozialen Förderbedarfen weniger Akzeptanz empfinden als etwa Kinder mit den Förderbedarfen Hören, Sprache und Sehen.An der Studie beteiligt war Vera Moser, Professorin für Inklusionsforschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie führt diese Schilderungen von Eltern auf fehlende Expertise an Schulen zurück: „Lehrkräfte sind nicht hinreichend ausgebildet, und Schulentwicklungsprozesse in dem Themenbereich fehlen.“ Auch der Lehrkräftemangel spiele eine Rolle, zudem sei die Ausbildung von Lehrkräften „nicht umfassend auf Inklusion eingestellt“.Fehlende Strukturen wirken sich auf die Eltern aus. Fast die Hälfte der Eltern, deren Kind eine allgemeine Schule besucht, empfinden die Organisation als „sehr anstrengend“. Etwas mehr als ein Drittel findet sie „etwas anstrengend“. Weil staatliche Strukturen fehlen, so folgern die Forscherinnen, müssten Eltern sich um sehr vieles selbst kümmern, etwa um Schultransport und Schulassistenz. Dadurch werde „Teilhabe in Teilen privatisiert“.Als Vertragsstaat der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) hat sich Deutschland verpflichtet, ein inklusives Schulsystem zu errichten, in dem Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen. Die UN-BRK ist seit 2009 in Kraft. In Deutschland existiert aber nach wie vor ein Nebeneinander aus Regel- und Förderschulen. Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert worden ist, besuchen eine Förderschule – und lernen somit getrennt von Kindern ohne Förderbedarf.Dass ihr Kind eine Förderschule besucht, entspricht häufig nicht dem Wunsch der Eltern. 68,7 Prozent der Eltern geben in der Studie an, dass sie ihr Kind unter guten Bedingungen (eher) auf eine allgemeine Schule geschickt hätten. Die Wahl der Förderschule sei damit „weniger Ausdruck einer grundsätzlichen Präferenz, sondern eher eine kompensatorische Notlösung“, wie Susann Kroworsch, Juristin beim DIMR und Mitautorin der Studie, sagt.Beratung beeinflusst laut der Studie den Bildungsweg des Kindes maßgeblich. Vor dem Schuleintritt wenden sich Eltern an sonderpädagogische oder medizinische Fachkräfte. Die Beratung, die sie dort erhalten, trägt laut Kroworsch „stark zur Verfestigung der bestehenden Segregation bei“. Denn: Deutlich häufiger würde zur Förderschule als zur inklusiven Schule geraten. Ersteres berichten 41 Prozent der Befragten, Letzteres 24 Prozent. „Beratungen haben Schlagseite“, so Kroworsch. Da inklusive Bildung an Regelschulen nicht „strukturell abgesichert“ sei, diene die Förderschule weiterhin als „Auffangbecken“. Kroworsch erklärt weiter:„Die Förderschule kompensiert die Defizite an allgemeinen Schulen.“Insgesamt kritisieren die Forscherinnen, dass es „wenig Steuerung“ von Inklusion in den Bundesländern gebe und der „politische Wille“ vielerorts fehle. Sie sprechen sich für einen Abbau der Förderschulen aus. Die Mittel, die dadurch frei werden, könnten zur Verbesserung der inklusiven Bildung an Regelschulen genutzt werden: für kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams, individuellen Unterricht. „Davon würden alle Kinder profitieren, nicht nur die mit Behinderungen“, so Kroworsch.