Es sind Zahlen eines hyperaktiven Influencers. 409 Tiktok-Videos, 376 Videos auf seinem Wechat-Kanal, 291 Beiträge auf dem chinesischen Instagram-Äquivalent Red Note und 393 Beiträge auf Weibo, der chinesischen Antwort auf X – und das innerhalb von nur einer Woche im Mai. An drei Tagen im Mai war es im Durchschnitt alle 13 Minuten ein Video. So rechneten es diverse chinesische Medien vor.Aber Yu Hao, der all diese Beiträge gepostet hat, ist eigentlich gar nicht Influencer. Yu ist Gründer und Chef des größten Herstellers von Staubsaugerrobotern der Welt, zumindest laut jüngsten Schätzungen des Marktforschungshauses IDC. 23.000 Mitarbeiter hören bei Dreame auf sein Wort. Pünktlich zur Weltmeisterschaft wurde kein Geringerer als Fußballlegende Cristiano Ronaldo zum globalen Markenbotschafter.Er will der reichste Mann der Welt werdenYu hat sich mit seinen Onlineauftritten in China den Spitznamen „verrückter Chef“ verdient. Er wurde bekannt für seine rund 15 Sekunden langen, offenbar spontanen Videos, die von halbwegs kohärenten Einschätzungen über die Zukunft der Wasserstoffwirtschaft über kuriose Beiträge im Pyjama und Fotos von seiner Waage bis hin zu größenwahnsinnig anmutenden Vergleichen mit Elon Musk reichen. Der reichste Mann der Welt wolle er innerhalb von fünf Jahren werden, sagt er in einem seiner vielen Videos. Und das erste 100-Billionen-Dollar-Unternehmen in der Menschheitsgeschichte bauen. (Das ist kein Übersetzungsfehler, er meinte tatsächlich Billionen, nicht Milliarden.) Die Videos sind immer wieder viral gegangen und sorgen in der chinesischen Bevölkerung für Unterhaltung, Verwunderung und Gesprächsstoff.Für Yu ist es ein bemerkenswerter Verhaltens- und Imagewandel. Bis vor Kurzem galt er, Absolvent der Luft- und Raumfahrt-Fakultät der elitären Tsinghua-Universität in Peking, noch als mustergültiger Gründer. Inzwischen bringt ihn sein eigenwilliges Auftreten in ernste Schwierigkeiten. Erst beschwerte sich der Chef des chinesischen Kamerakonzerns Insta-360 über die Omnipräsenz von Yu und schrieb, leicht chauvinistisch, dieser sei nicht mal eine schöne weibliche Chefin. Yu postete daraufhin KI-generierte Bilder von sich als Frau.Die Behörden sahen sich das Treiben einige Zeit an. Anfang Juni wurde es ihnen zu viel. Yus Weibo-Konto wurde blockiert. Offizieller Grund: Er habe gegen die Richtlinien verstoßen und andere Unternehmen schlechtgeredet. „Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir keine Stellungnahme zu den genannten Themen im Zusammenhang mit dem Gründer“, teilte eine PR-Agentur, die für den Konzern in Deutschland arbeitet, der F.A.Z. mit. In Konzernkreisen versucht man derweil den Eindruck zu erwecken, die eigenwilligen Onlineauftritte Yus hätten mit dem Unternehmen selbst nichts zu tun.Autos, Halbleiter, Flugzeuge, Satelliten – alles will er bauenHyperaktiv wirkte indes nicht nur Yus Onlineauftritt, sondern auch seine Geschäftsstrategie. Das im Jahr 2017 gegründete Unternehmen kündigte den Einstieg in viele oder eigentlich fast alle Branchen an. 200 Geschäftseinheiten wurden laut Yu eingerichtet. Er wollte Autos bauen, Halbleiter und Smartphones; Flugzeuge, Satelliten und humanoide Roboter sollten es auch sein; Heißluftfritteusen, Zahnbürsten und die Hotellerie nicht zu vergessen. Dreame träumt groß und viel.Sogar in Deutschland wollte Yu investieren. In Brandenburg, in der Nachbarschaft von Tesla, wollte er eine Fabrik bauen, die natürlich größer werden sollte als die von Musk. Doch seit den Berichten im September vergangenen Jahres hat sich wenig getan. Eine Sprecherin der Landesregierung in Potsdam sagte, es gebe weder Neuigkeiten noch einen neuen Stand. Das Unternehmen selbst bezeichnete die angekündigte Fabrik, die ein größeres Medienecho hervorgerufen hatte, nur noch als ein „vorgeschlagenes Projekt zur Automobilproduktion in Brandenburg“. So teilte es die PR-Agentur der F.A.Z. mit. Die Gespräche befänden sich „weiterhin in einem sehr frühen Stadium. Es wurden bislang keine Pläne finalisiert.“Yu Hao, Gründer und Chef des chinesischen Staubsaugerroboter-Herstellers Dreame, auf seinem Social-Kanal bei XiaohongshuYu Hao / XiaohongshuDas WeltrekordautoIm Frühjahr präsentierte Dreame seine Autos auf der Messe in Peking. Und es waren nicht irgendwelche Autos, sondern spektakuläre Luxussportwagen mit nach oben öffnenden Flügeltüren. Der „Nebula“ sollte mit Bugatti konkurrieren und innerhalb von 0,9 Sekunden von null auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen können. Ähnlich schnell entspannen sich online die Diskussionen darüber, ob Reifen und Fahrer eine solche Belastung überhaupt mitmachen. Zum Vergleich: Der Guinness-Weltrekord für die schnellste Beschleunigung eines Autos von null auf 100 beträgt 0,956 Sekunden. Und dabei handelte es sich um ein speziell dafür gebautes Rennauto eines Teams der ETH in Zürich und der Hochschule Luzern. Moderne Formel-1-Autos brauchen rund doppelt so lang. Im Gespräch mit der F.A.Z. ließ ein Mitarbeiter am Stand indes keinen Zweifel, dass man es ernst meine mit den großen Plänen in Chinas schon heute höchst umkämpfter Autobranche.Skepsis breitete sich auch bei vielen weiteren Projekten in der Volksrepublik aus, wo Yu mit seinen Versprechungen viele Lokalregierungen bezirzt hatte. Die Hightechträume Yus passen zu den politischen Prioritäten der Staatsführung, die technologisch vom Ausland unabhängig werden will. Die Parteikader in der Provinz versuchen viel, um diesen Prioritäten zu folgen und sich so für Beförderungen hervorzutun. Nicht wenige lassen sich nur zu gern von Versprechungen blenden.Erste Lokalregierungen hätten nun interne Recherchen angestellt, um einen Überblick zu gewinnen, welche Unternehmen und Abteilungen in der Region mit Dreame zu tun haben, berichteten lokale Medien. Um welche Lokalregierungen es sich handelt, wurde nicht bekannt. Am Sitz von Dreame in der Millionenmetropole Suzhou vor den Toren Shanghais verfolgten die Banken, viele davon staatlich, die kontroverse Entwicklung rund um das Unternehmen mit einigem Unbehagen und überprüften schon die Sicherheit ihrer Kredite, schrieb das Wirtschaftsmedium „21st Century Business Herald“. Chinesische Medien unterliegen der Zensur, und die Artikel erscheinen nicht ohne Billigung der Behörden.Den lokalen Berichten zufolge verfügte ein Investmentarm von Dreame über 67 Fonds, die mit knapp 42 Milliarden RMB ausgestattet sind, umgerechnet rund 5,3 Milliarden Euro. Nur 20 Prozent davon stammen laut Yu von Dreame selbst, die restlichen 80 Prozent von Lokalregierungen. Ein Dreame-Manager beschwichtigte zunächst gegenüber „21st Century Business Herald“: Alles laufe nach Plan.„Die Mitarbeiter haben große Angst“Ein ehemaliger Dreame-Mitarbeiter, der bis Anfang Juni für das Unternehmen gearbeitet hat und anonym bleiben will, berichtete der F.A.Z. hingegen Gegenteiliges über die Lage des Konzerns. Als er Anfang des Jahres eingestellt worden sei, habe man ihm gesagt, dass der Konzern viele der Abteilungen auf mehr als 1000 Mitarbeiter ausbauen wolle. „Doch Anfang Juni begannen plötzlich die Entlassungen.“ Grund dafür sei, dass „die Lokalregierungen die finanziellen Zügel anziehen und strenger kontrollieren“, sagte er: „Davor war es sehr einfach, Mittel der Lokalregierungen zu bekommen.“ Das habe zum Aufbau vieler neuer Abteilungen geführt. „Jetzt haben die Mitarbeiter im ganzen Unternehmen große Angst.“Yu, so schildert es der ehemalige Mitarbeiter, war es nicht genug, selbst zum Influencer zu werden. Er verlangte das Gleiche von seinen Angestellten. „Jeder Mitarbeiter musste 75 Beiträge am Tag in den sozialen Medien posten.“ Wer das nicht geschafft habe, sei zwar nicht finanziell bestraft, aber doch von den Vorgesetzten unter Druck gesetzt worden. Je nach Dauer des Arbeitstages ist das ein Post alle sechs bis zehn Minuten. „Im Juni wurde die Quote auf fünf Posts gesenkt.“ In Konzernkreisen werden diese Zahlen bestritten. „75 ist verrückt und irreführend“, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person der F.A.Z. Eine Sprecherin ließ eine Frage zu dem Thema unbeantwortet.Schuld an der „gegenwärtigen Instabilität“ sei der Chef, sagte der frühere Mitarbeiter. Keines der neuen Geschäftsfelder sei bisher profitabel. Das Kerngeschäft mit den Staubsaugerrobotern laufe zwar gut, aber das reiche nicht, um die hohen Investitionen zu finanzieren.Wenige Tage nach dem Gespräch der F.A.Z. mit dem früheren Mitarbeiter veröffentlichte der Konzern eine strategische Neuausrichtung, die seine Schilderungen zu bestätigen scheinen. Der Konzern kündigte an, viele seiner 200 Geschäftseinheiten einzustellen, sich auf vier Kernbereiche zu konzentrieren und zwölf Prozent der Stellen abzubauen. Kosmetik, Kleidung, Gastronomie und Spielzeug will der Staubsaugerkonzern nun doch nicht mehr produzieren, intelligente Schwimmbrillen, Halbleiter und Drohnen auch nicht, berichten mehrere chinesische Medien. Die hochtrabenden Auto- und Smartphone-Pläne werden degradiert und in einem Forschungsinstitut gebündelt.Der Konzernumbau wirkt in dieser Radikalität wie ein Rettungsversuch. Es gehe um eine „strategische Weiterentwicklung“, „organisatorische Effizienz“ und „technologische Synergien“, schrieb eine Sprecherin des Konzerns der F.A.Z. auf Wechat und bemühte damit ihr schönstes Business-Englisch. Nach einer Autofabrik in Brandenburg klingen die Pläne indes nicht mehr. Die Konzernsprecherin wollte sich zu der Fabrik nicht äußern.Spontane Selfie-Videos eingestelltKluge Haushaltsgeräte blieben das Fundament des Unternehmens, sagt die Konzernsprecherin. Der Konzern sei nicht nur weltweit Marktführer für Staubsaugerroboter, sondern auch in weiten Teilen Europas, darunter Deutschland. Vier Fünftel des Umsatzes erwirtschaftet Dreame nach eigenen Angaben im Ausland.Weil das Unternehmen nicht börsennotiert ist, sind keine detaillierten Geschäftszahlen öffentlich. „21st Century Business Herald“ berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen, dass Yu kürzlich einen Umsatz von mehr als 40 Milliarden Yuan (rund fünf Milliarden Euro) für das vergangene Jahr präsentiert habe, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Den Nettogewinn bezifferte die Zeitung auf rund 5,55 Milliarden Yuan, merkte aber selbst an, dass das im Vergleich zur Konkurrenz ein erstaunlich hoher Wert sei.Seit einigen Wochen hat Yu seine spontanen Selfie-Videos nun eingestellt. Seine Social-Media-Konten seien vom Unternehmen übernommen worden, sagte er dem chinesischen Wirtschaftsmedium „Caixin“, das ihn Ende Juni auf einer „Sommer-Davos“ genannten Konferenz des Weltwirtschaftsforums in Dalian in Nordostchina abpasste. Das Unternehmen habe eine gewisse Größe erreicht und brauche einen Ruf von „Verantwortung und Verlässlichkeit“. Das passe zu ihm. „Aber die Öffentlichkeit hat meine Worte möglicherweise falsch interpretiert.“ In Chinas sozialen Medien tritt er inzwischen gut ausgeleuchtet und geschminkt im schwarzen Anzug auf – nur auf Weibo ist er weiterhin blockiert.
Social-Media-Exzesse von Dreame-Gründer Yu Hao: „Mitarbeiter haben große Angst“
Dreame ist für Staubsaugerroboter bekannt – und wollte rasant expandieren: Elektroautos, Satelliten, Zahnbürsten. Doch nun steckt der Konzern in Schwierigkeiten. Der Grund: das exzessive Social-Media-Verhalten des Gründers.









