Die Krim war Putins grösster Triumph, nun wird sie für ihn zur BelastungNach wochenlangen ukrainischen Luftangriffen ist die russisch besetzte Halbinsel isoliert. Es fehlt an Benzin, an Strom und vor allem an einer Zukunftsperspektive. Die grosse Frage ist, wie die Ukraine diese Krise nutzen kann.30.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenRussland befürchtet einen ukrainischen Luftangriff auf die strategisch wichtige Brücke zur Halbinsel Krim. Künstlich erzeugte Rauchschwaden sollen feindlichen Drohnen die Sicht erschweren (Satellitenbild).Vantor via ReutersAls Russland Ende Februar 2014 die ukrainische Halbinsel Krim in einer unblutigen Militäraktion besetzte und kurz darauf völkerrechtswidrig annektierte, schnellte Präsident Wladimir Putins Popularität nach oben. Grosse Teile der Bevölkerung folgten seiner Sichtweise, dass die Krim «schon immer» russisch gewesen sei und quasi durch einen historischen Irrtum mit dem Zerfall der Sowjetunion in einem Nachbarstaat gelandet sei. Der Kremlherr konnte sich so als Staatschef inszenieren, der ein Kronjuwel des einstigen russischen Imperiums zurückgeholt hatte, ungeachtet westlicher Proteste.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Putin misst der Krim seither eine geradezu sakrale Bedeutung zu. Bei Besuchen auf der Halbinsel erinnerte er an die Legende, dass Wladimir der Grosse, der Herrscher der mittelalterlichen Rus im 10. Jahrhundert, hier das Christentum angenommen habe. Damit sei auf der Krim die geistige Grundlage für die russische Nation gelegt worden, behauptete Putin immer wieder.Doch ebenso wichtig wie die politische und ideologische Bedeutung der Krim war für das Putin-Regime die militärische: Die Halbinsel ragt wie eine Festung ins Schwarze Meer hinein und ist ein Schlüssel für die maritime Vorherrschaft in diesem Raum. Neben der Basis der Schwarzmeerflotte in Sewastopol baute Russland auch Stützpunkte für die Luftwaffe und die Landstreitkräfte aus.Im Februar 2022 diente die Krim als Aufmarschgebiet für den Einmarsch in die Südukraine. Von hier aus eroberten Putins Truppen innert Tagen einen Korridor entlang des Asowschen Meeres. Zum ersten Mal seit der Annexion gab es damit eine Landverbindung zwischen Russland und der Krim. Mehr denn je schien der Territorialraub von 2014 durch militärische Fakten abgesichert. Doch inzwischen hat sich das Bild gewandelt.Russische Militärfahrzeuge dringen am 24. Februar 2022 von der Krim in die Südukraine ein.Konstantin Mihalchevskiy / ImagoBenzinkrise und StromausfälleDie erfolgreichen ukrainischen Militärschläge der letzten Wochen stellen Putins Triumph infrage – und damit eine der Grundlagen seiner Herrschaft. Neuartige ukrainische Drohnen machen sämtliche Versorgungsrouten zur Krim unsicher. Zunächst musste Benzin rationiert werden; seit dem 21. Juni erhalten private Autofahrer an den Tankstellen überhaupt nichts mehr. Nach ukrainischen Angriffen auf Kraftwerke und Umspannwerke kommt es auf der Krim auch zu grossflächigen Stromunterbrüchen. Touristen verlassen die einst populäre Feriendestination fluchtartig.«Krise, Kollaps!», ruft eine Russin in Jalta aus, während sie sich bei einem Spaziergang durch die mondäne Schwarzmeerstadt filmt. Sie illustriert in ihrem auf Telegram veröffentlichten Video die Folgen der Stromabschaltungen – einen stehengebliebenen Trolleybus, ein dunkles Lebensmittelgeschäft, eine geschlossene Bankfiliale und Geldautomaten, die nichts mehr hergeben.Vier Männer sonnen sich am Strand bei der Stadt Jewpatoria auf der Krim. Viele Touristen haben die Halbinsel allerdings bereits verlassen.Alexey Pavlishak / ReutersMit der Versorgungskrise hat sich die Krim von einem Juwel in eine ernste Belastung für Russland verwandelt. Ihre Isolation wächst mit jedem Tag. Die regionalen Behörden haben Ende vergangener Woche den Notstand ausgerufen, scheinen mit der Situation aber ebenso überfordert zu sein wie die Zentralregierung in Moskau. Das Drama auf der Krim wirft eine Frage auf, die in Russland nur die wenigsten öffentlich zu stellen wagen: Was hat Putin in diesem Krieg als Erfolg überhaupt vorzuweisen? Wenn selbst die Eroberung von 2014 nicht mehr sicher ist, wird das ganze militärische Unterfangen sinnlos.Auf der Krim ist Russland verwundbarDer Abstieg der Krim vom Symbol russischer Macht zum Exempel militärischer Schwäche erfolgte nicht über Nacht, sondern in mehreren Etappen. Bereits 2023 machte die ukrainische Generalität klar, dass sie hier eine gegnerische Schwachstelle erkannt hatte. Sie lancierte im Juni jenes Jahres eine Gegenoffensive in der Südukraine, mit dem Ziel, in Richtung des Asowschen Meeres vorzustossen und dabei die russische Landverbindung zur Krim zu kappen. Dadurch sollte die Halbinsel isoliert und der Kreml zu Friedensverhandlungen gezwungen werden. Die Offensive scheiterte kläglich, aber die Krim blieb im Visier.Im September 2023 zerstörten die Ukrainer mit Marschflugkörpern aus britisch-französischer Produktion das Hauptquartier der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol. Derweil machten ukrainische Marinedrohnen – mit Sprengstoff bepackte Schnellboote – Jagd auf russische Kriegsschiffe, bis Moskau den Grossteil der Flotte in entlegenere Häfen zurückzog. Damit war ein wichtiges Etappenziel erreicht: Die Krim hatte ihre frühere Bedeutung als Dreh- und Angelpunkt der russischen Kriegsmarine eingebüsst.Weiterhin verfolgten die Ukrainer das Ziel, die Nachschubrouten zu der Halbinsel zu unterbinden. Lange fehlten ihnen die dafür notwendigen Waffen. Weil die westlichen Partner nur wenige Raketen zur Verfügung stellten und Deutschland die Lieferung des Marschflugkörpers Taurus mit allerlei Ausflüchten verweigerte, setzten die Ukrainer auf selber entwickelte Kampfdrohnen. Diese waren anfangs aber nur in kleiner Zahl verfügbar und besassen eine zu geringe Sprengkraft, als dass sie Brücken oder andere massive Bauwerke hätten zerstören können.Neue Etappe der Drohnen-RevolutionEin Durchbruch erfolgte in diesem Jahr, mit zwei Neuentwicklungen im Bereich der mittleren Reichweiten (30 bis 300 Kilometer). Einerseits können die Kamikazedrohnen des Typs FP-2 nun bis zu 200 Kilogramm Sprengstoff mit sich tragen. Damit griffen die Ukrainer im Juni Brücken, Energieanlagen und andere strategische Objekte auf der Krim an. Anderseits machte im Luftraum über den besetzten Gebieten die neue Hornet-Drohne Furore: ein gegen russische Störsender unempfindliches, mit künstlicher Intelligenz operierendes, in grossen Stückzahlen hergestelltes und obendrein sehr preisgünstiges Fluggerät.Vom April an attackierten die ukrainischen Drohnentruppen systematisch Tanklastwagen auf der Route durch die besetzte Südukraine. Mehr als 500 Lastwagen, darunter viele Benzintransporter, wurden seither zerstört, wovon täglich neue Videos mit ausgebrannten Wracks zeugen.Was 2023 noch misslungen war – mit Bodentruppen die Landverbindung zur Krim zu durchtrennen –, rückt drei Jahre später dank Drohnen in den Bereich des Möglichen. Die Route bleibt zwar offen, aber sie ist für Treibstofftransporte und das russische Militär hochriskant geworden. Reisende berichten von leergefegten Strassen. Zugleich kann die russische Logistik nicht auf den Seeweg ausweichen, weil die Ukrainer die wichtigsten Fährschiffe zerstört haben.Es bleibt die nach der Krim-Annexion gebaute Eisenbahn- und Strassenbrücke über die Meerenge von Kertsch. Aber diese ist für den Lastwagenverkehr aus Sicherheitsgründen gesperrt. Züge fahren noch über die Brücke, aber neuerdings ist bereits in Kertsch Endstation, weil die Ukrainer eine kleinere Brücke im Innern der Halbinsel beschädigt haben. Reisende müssen auf Busse umsteigen, wenn sie in die Republikshauptstadt Simferopol oder weiter nach Sewastopol fahren wollen.Schaden für die Wirtschaft, das Militär – und wohl auch PutinDer ukrainische Verteidigungsminister Michailo Fedorow hat eine «Logistik-Sperre» der Krim angekündigt und Mitte Juni die Prognose gewagt, dass sich das Gebiet bald in eine «Insel» verwandeln werde. Das Ziel dahinter ist nicht völlig klar. Zweifellos will man Russland ökonomischen Schaden zufügen, aber dies erklärt nicht, weshalb dabei die Priorität auf die Krim gesetzt wird.Militärisch betrachtet, könnte das Isolieren des Gegners als Vorspiel für eine Bodenoffensive dienen. Doch selbst die grössten Optimisten trauen es der Ukraine derzeit nicht zu, das russische Militär von der Krim zu vertreiben. Ein Erfolg wäre es nur schon, wenn die Russen wegen ihrer Nachschubprobleme an Kampfkraft verlören. Laut dem pensionierten ukrainischen Marineoffizier Andri Rischenko haben die gegnerischen Truppen ihre Angriffe entlang der Südfront deutlich verringert. Rischenko weist gegenüber der Zeitung «New Voice» auch darauf hin, dass die Abschnürung der Krim als starker Trumpf in künftigen Verhandlungen mit Moskau dienen könnte.Die Ukrainer müssen die Halbinsel nicht einnehmen; bereits ihre Fähigkeit, den Besetzern einen Logistik-Albtraum zu bereiten, ist ein Druckmittel. Die schwierige Versorgung der Halbinsel stellt dabei kein neues Problem dar. Sie war ein wichtiger Grund, weshalb die Sowjetführung 1954 beschloss, die Krim administrativ aus der russischen Oberhoheit zu lösen und der ukrainischen Sowjetrepublik anzugliedern. Eisenbahn- und Strassenverbindungen, fast die gesamte Elektrizitätszufuhr und die Bereitstellung von Wasser für die Landwirtschaft über den Nord-Krim-Kanal liefen zur Sowjetzeit und bis zur Annexion von 2014 über das ukrainische Festland. Nun wird Moskau schmerzhaft an die unvorteilhafte Geografie der Halbinsel erinnert.Ein Satellitenbild zeigt den ausgetrockneten Nord-Krim-Kanal. Früher versorgte dieser Kanal die Bauern auf der Krim mit Wasser aus dem Dnipro, doch seit der Zerstörung eines Damms ist der Zufluss unterbrochen.Vantor via ReutersDer regimekritische russische Militäranalytiker und Gründer des Conflict Intelligence Team, Ruslan Lewijew, vermutet hinter der ukrainischen Angriffswelle noch ein anderes Motiv. Seiner Ansicht nach geht es Kiew darum, Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung zu schüren und dem Ansehen Putins zu schaden. Präsident Selenski hat kürzlich freudestrahlend Prognosen von Meinungsforschern präsentiert, wonach Putins Popularität weiter erodieren dürfte.Kein Druck von untenBisherige Erfahrungen lassen aber eher daran zweifeln, dass sich die breite Bevölkerung unter dem Eindruck ukrainischer Angriffe gegen Putins Kriegskurs wenden könnte. Den ukrainischen Einmarsch in die Grenzprovinz Kursk 2024 beispielsweise nahmen die dortigen Einwohner eher als eine Art Naturkatastrophe wahr. Dass der Kreml die Schuld an ihrem Unglück trug, kam den wenigsten in den Sinn.Auch jetzt fällt auf, dass die Reaktionen von Bewohnern und Besuchern der Krim in den sozialen Netzwerken von Besorgnis geprägt sind, aber nicht von politischem Unmut. Verwundert zeigen manche Russen in ihren Videos auf die leeren Strassen und vereinsamten Strände. Eine Frau filmt sich im knapp geschnittenen Badeanzug, während im Hintergrund das Knattern von Flugabwehrfeuer zu hören ist. Sie erschrickt etwas, kann sich aber nicht aus ihrem Liegestuhl aufraffen, zumal ihr Mann lieber noch den anfliegenden Kampfdrohnen zuschaut.Andere entscheiden sich zum Verlassen der Krim, weil sie den Alltag in einem kriegsähnlichen Gebiet, ohne Benzin, mit eingeschränkter Stromversorgung und frühabends geschlossenen Restaurants nicht mehr aushalten. In den letzten Tagen stauten sich vor der Brücke zum russischen Festland zeitweise bis zu 2500 Fahrzeuge.Ein Plakat in der Stadt Simferopol auf der Krim zeigt Präsident Wladimir Putin in Militäruniform.Alexey Pavlishak / ReutersPräsident Putin hätte es in der Hand, dem Spuk ein rasches Ende zu bereiten: Er müsste nur auf das ukrainische Angebot zu einem bedingungslosen Waffenstillstand eingehen. Aber jüngst hat er seine alten Forderungen an Kiew bekräftigt, darunter jene nach dem Rückzug aus dem Donbass und nach einer Demilitarisierung der Ukraine. Gestützt von einem riesigen Repressions- und Propaganda-Apparat, spürt er kaum einen Druck aus der Gesellschaft für einen Kurswechsel. Vielmehr dürfte er überzeugt sein, dass er die Probleme auf der Krim aussitzen kann.Allerdings sind diese nur ein Teil einer viel umfassenderen Krise. Konfrontiert ist das Regime auch mit wirtschaftlicher Stagnation, explodierenden Militärausgaben und einem rasch wachsenden Haushaltdefizit. Die ukrainischen Drohnen werden nicht nur der Krim gefährlich, sondern auch den Nachschubwegen im Donbass. Benzinmangel herrscht inzwischen vielerorts. Gleichzeitig steckt die russische Armee an den meisten Fronten fest und leidet unter Rekrutierungsproblemen. «Unser Land durchlebt die schwierigste Periode seit achtzig Jahren», resümierte kürzlich ein führender Fernseh-Propagandist in einem seltenen Moment der Aufrichtigkeit. Es ist im Grunde eine vernichtende Bilanz. Nur will Russland die Konsequenzen daraus nicht ziehen, am wenigsten Putin selber.Passend zum Artikel
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