PfadnavigationHomePanoramaNiedersachsenSechs Tote nach Schüssen in Stade – Sorgerechtsstreit als mutmaßlicher TathintergrundStand: 20:17 UhrLesedauer: 5 MinutenWaffenexperte Lars Winkelsdorf erklärt, dass der Täter gezielt und aus nächster Nähe schoss. In Deutschland kursieren Millionen illegale Waffen. „Deutschland wird mit illegalen Waffen regelrecht überflutet.“In Stade sind sechs Erwachsene durch Schüsse ums Leben gekommen. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot im Einsatz. Der mutmaßliche Schütze, ein 45-jähriger Deutscher mit türkischen Wurzeln, wurde festgenommen, zwei weitere Verdächtige befinden sich in polizeilichen Maßnahmen.Nach dem tödlichen Schusswaffenangriff auf eine Jugendhilfeeinrichtung in Stade hat die Polizei weitere Details zum mutmaßlichen Täter bekannt gegeben. Demnach handelt es sich um einen 45 Jahre alten Mann aus dem Raum Hannover. Der in Deutschland geborene Täter mit türkischen Wurzeln war den Behörden zwar wegen Bedrohungsdelikten bekannt, nach Angaben der Polizei war er jedoch im polizeilichen System nicht als gewalttätig eingestuft.Bei dem Angriff kamen sechs Erwachsene ums Leben. Nach Angaben von Polizei und Innenministerium handelt es sich um vier Frauen und zwei Männer, die alle in dem betroffenen Jugendhilfezentrum arbeiteten. Es gibt aktuell keine weiteren Schwerverletzten, teilen die Beteiligten auf Nachfrage mit. Nach bisherigen Erkenntnissen steht die Tat im Zusammenhang mit einem Sorgerechtsstreit um die drei Monate alte Tochter des 45-Jährigen. Er hatte deshalb einen Termin in der Jugendhilfeeinrichtung. Zum Tatzeitpunkt befanden sich dort auch das Kind und dessen 34-jährige Mutter. Beide blieben unverletzt. Das Kind befindet sich inzwischen in behördlicher Obhut, die Mutter wird derzeit von den Ermittlern befragt.Am Nachmittag hatte die Polizei von einem „Tötungsdelikt in einer Jugendhilfeeinrichtung“ gesprochen. Die Ermittler gingen von einer „erweiterten Familientragödie“ aus. Hinweise auf einen politischen Hintergrund oder einen Femizid gab es nicht. Auch die Angaben zu den Festnahmen präzisierte die Polizei im Laufe des Nachmittags. Zunächst war von zwei festgenommenen Tatverdächtigen die Rede. Später teilten die Ermittler mit, dass ein mutmaßlicher Haupttäter festgenommen wurde und sich zwei weitere Personen in Gewahrsam befinden. Dabei handelt es sich nach Polizeiangaben um Frauen aus dem Umfeld des Tatverdächtigen, deren mögliche Rolle nun untersucht wird.Nach bisherigen Erkenntnissen wollten der mutmaßliche Haupttäter und eine tatverdächtige Frau nach der Tat mit einem grau-silbernen Kleinwagen fliehen. Die Frau aus dem Bekanntenkreis des Täters soll den Wagen gesteuert haben. Polizeibeamte schossen auf das Fahrzeug und trafen einen Reifen. Anschließend konnten die Verdächtigen auf einer Landstraße festgenommen und aus dem Auto gezogen werden. Bei seiner Festnahme stellten die Beamten eine Schusswaffe sicher. Der Mann besaß dafür keine waffenrechtliche Erlaubnis. Woher die Waffe stammt und ob weitere Waffen im Einsatz waren, ist noch unklar. Nach ersten Erkenntnissen gibt es zudem keinen Zusammenhang zur sogenannten Clankriminalität.Zeugen beobachteten Schüsse auf AutoEine Anwohnerin, die in einer Parallelstraße lebt, berichtete WELT, sie habe gegen Mittag mehrfaches lautes Knallen gehört. „Wir hatten Angst und wussten nicht, woher die Gefahr kommt.“ Später sei ein Auto weggerast. „Es muss dringend mehr für den Schutz der Bevölkerung getan werden.“ Sie habe stundenlang kaum Informationen erhalten.Lesen Sie auchEin Zeuge berichtete laut „Stader Tageblatt“ von lauten Schreien aus der Jugendhilfeeinrichtung. „Ich hab’ Schüsse gehört“, erzählte Vitali Martens, der zu dem Zeitpunkt gerade vom Einkaufen kam. Dann sah er überall Polizisten. Nach Informationen des NDR Niedersachsen hat ein Nachbar beobachtet, dass eine Frau und ein junger Mann versucht haben, mit einem Auto zu flüchten. Die Polizei habe sie zum Anhalten aufgefordert, dann habe die Polizei laut Augenzeuge auf das Auto geschossen. Der Nachbar habe sich schließlich selbst im Haus eingeschlossen und auf die Polizei gewartet.Ein anderer Zeuge schildert „Focus Online“, dass ein Polizist „Anhalten, stehen bleiben“ gebrüllt habe. Das Auto sei weitergefahren. Mehrere Beamte sollen das Feuer eröffnet haben. Mindestens zehn, fünfzehn Schüsse seien gefallen, schätzt der Zeuge. Durch ein geöffnetes Fenster habe er den Polizeifunk aufgeschnappt, wie er weiter berichtet. Er habe nur Fetzen gehört wie „Brustschuss“ und „Kopfschuss“. Dann hätten Einsatzkräfte eine Person auf einer Trage aus dem Haus gehoben und versucht, sie zu reanimieren.Auf Bildern waren zahlreiche Einsatzkräfte, Rettungswagen und Polizeiautos zu sehen. Am Straßenrand standen auch Frauen mit Babys in Tragen. Gefahr für die Bevölkerung nach den Schüssen bestand nach Polizeiangaben nicht. Zahlreiche Seelsorger sind am Tatort, der sich unweit der Stader Polizeiwache befindet, wie die „Bild“ sowie der NDR berichten. Die Polizei bat darum, den Anweisungen der Beamten vor Ort Folge zu leisten. Ein Sprecher der Stadt Stade sagte, für eine Kindertagesstätte und eine Grundschule in der Nähe der Jugendhilfeeinrichtung habe keine Gefahr bestanden. Die Stadt habe nach den ersten Meldungen umgehend Kontakt zu den Einrichtungen gesucht. Die Kita-Kinder seien zum Zeitpunkt der Schüsse im Gebäude gewesen, sagte der Stadtsprecher. Eltern konnten ihre Schulkinder inzwischen abholen. „Wir sind froh, dass es unseren Mitarbeitenden und den Kindern in Kita und Grundschule gut geht, und ich bedanke mich bei den Polizistinnen und Polizisten für ihren Einsatz in dieser unübersichtlichen Lage“, sagte Stades Stadtrat Carsten Brokelmann in einer Mitteilung. Stade hat etwa 50.000 Einwohner und liegt westlich von Hamburg.Ministerpräsident Lies dankt EinsatzkräftenNiedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat den Schusswaffenangriff in Stade als „erschütternd“ bezeichnet. Die Tat mache „die gesamte Landesregierung tief betroffen“, erklärte Lies am Montag in Hannover. Zugleich bat er darum, „jetzt keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und den Ermittlungen den nötigen Raum zu geben“. Es sei „die Zeit für Trauer, Anteilnahme und sachliche Ermittlungsarbeit und nicht für Spekulationen und Verunsicherung“.„Wir sind in Gedanken bei den Opfern, deren Familien und Freunden und bei allen, die das furchtbare Geschehen miterleben mussten“, erklärte Lies und ergänzte: „Wir trauern um die Menschen, die ihr Leben verloren haben. Wir wünschen den Verletzten eine möglichst schnelle und vollständige Genesung.“Lies dankte „allen Einsatzkräften, die in dieser schwierigen Situation, schnell und entschlossen gehandelt sowie Trost gespendet und Hilfe geleistet haben“. Die zuständigen Behörden arbeiteten „intensiv daran, die Hintergründe dieser schockierenden Tat aufzuklären“.Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet. Unter diesem können Zeugen Hinweise sowie Fotos oder Videos direkt an die Ermittler übermitteln.Hinweis: Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.ll/kami/jra/wold/säd mit dpa/AFP