Entscheidend, heißt es seit Adi Preißler, ist aufm Platz. Diese immergrüne Weisheit kann nicht bestritten werden. Das Spiel Algeriens gegen Österreich lehrte es uns aber etwas komplizierter. Schon vorher wurde viel über die „Schande von Gijón“ geredet, jenes unwürdige Spiel, bei dem die Deutschen sich bei der WM 1982 in der Vorrunde mit den Österreichern darauf einigten, ein 1:0 genüge beiden zum Weiterkommen. Mehr als eine Halbzeit lang vermieden sie jeden Zweikampf, spielten sich freundlich den Ball zu und passten ihn meistens zum eigenen Torwart. Das alles zulasten der Algerier.Diese Vergangenheit ragte jetzt in ein Spiel hinein, dessen Beteiligte ebenfalls die Möglichkeit hatten, sich auf ein Ergebnis zu einigen, ein Unentschieden, das beiden nützen würde – Österreich und Algerien zulasten Irans. Würden sie dieser Versuchung widerstehen? Käme zur Schande von Gijón die Schande von Kansas City hinzu? Oder planten die Algerier eine historische Rache?„Wenn der Ball tief gespielt wird, muss ich den Lauf machen“Es wurde viel verrückter. Lange Zeit kämpften beide, es ging hin und her, nachdem aber ein 2:2 erreicht war, stellten die Mannschaften von der 70. Minute an das Spielen mehr oder weniger ein. Die Erinnerung an Gijón scheuten sie dabei nicht. Entscheidend war die Aussicht auf die nächste Runde.F.A.Z.Bis ganz zum Schluss ein Algerier ausscherte, der naturgemäß 1982 nicht einmal geboren war, Riyad Mahrez. Zur Verwunderung und merklichen Verärgerung auch seiner Landsleute, die mit der Aussicht, bei einem Unentschieden im Sechzehntelfinale auf die Schweiz zu treffen, gut gelebt hatten, schoss er nach zuvor 109 algerischen Pässen ohne österreichische Ballberührung in Minute 93 plötzlich das 3:2.Auf einmal drohte nun den Algeriern in der nächsten Runde Spanien und den Österreichern das Turnier-Aus. Hatte der Stürmer das vergessen, oder war es die Revanche für Gijón, die ihn motivierte? Wollte er, wie Österreichs Trainer Rangnick vermutete, algerischer Volksheld werden?Mahrez selbst gab nüchtern Respekt vor dem Fußball als sein Motiv zu Protokoll: „Wenn der Ball tief gespielt wird, muss ich den Lauf machen.“ Und der Ball wurde tief gespielt. Gut für alle, dass Österreich – „Bist! Du! Deppat!“ (Daniel Warmuth) – in der 96. Minute ausglich.Gegenwärtiges Spielgeschehen und Erzählungen der VergangenheitEntscheidend ist also nicht nur aufm Platz. Immer wieder einmal liegt über ihm ein Schatten der Vergangenheit. Die vielen verlorenen Elfmeterschießen der Engländer, die Schmach von Córdoba (wir empfehlen die Parodie auf Youtube), alle Spiele der Albaner gegen Serbien, Senegal gegen Frankreich, Argentinien gegen England 1986.Angesprochen auf solche Hypotheken, zucken die Spieler oft mit den Achseln. Von der Hand zu weisen sind sie trotzdem nicht. Würde Senegal auf Marokko treffen, was sehr unwahrscheinlich ist und frühestens im Halbfinale möglich wäre, kämen sicher die Erinnerungen an das chaotische Finale im Afrika-Cup auf. So wie bei einem Finale zwischen Frankreich und Argentinien das Endspiel von 2022. Bei einem Viertelfinale zwischen Deutschland und den Niederlanden – ebenfalls unwahrscheinlich – könnte man sich vor Erinnerungen wohl kaum retten.Das Ineinander von ganz gegenwärtigem Spielgeschehen und den vielen Erzählungen aus der Vergangenheit macht einen eigentümlichen Reiz des Fußballs aus. Alle, die sich dabei nicht aktiv an ältere Spiele erinnern können, bringen inzwischen die Mediatheken und Buchverlage auf den Stand der Legenden: die WM 1994, das Sommermärchen 2006, das Doku-Drama „Dear England“ über die Ära von Gareth Southgate einerseits. Andererseits die Monographien von Ronald Reng über die WM 1974 und von Tobias Escher über die Weltmeister von Bern, das Fußballdrama von Manuel Neukirchner über die Nacht von Sevilla und das Buch des unermüdlichen Dietrich Schulze-Marmeling über die WM 1990, „die alles veränderte“, statten das interessierte Publikum mit viel reflektierter Nostalgie aus. Und mit der Einsicht: Entscheidend war stets noch viel anderes.