Sogar jetzt noch, wo die erfolgreichste Weltmeisterschaftsnation des Planeten nicht mehr im Nordosten der USA spielt, tauchen die berühmten gelben Trikots überall in den Straßen Manhattans auf. In den Sportsbars, an den Sehenswürdigkeiten, wenn die Norweger oder die Engländer den Times Square in Beschlag nehmen, wo sich übrigens auch Amerikas berühmtester Laden für Fußballgegenstände befindet: „Pele Soccer“.Hier Pele, dort Menschen mit Ronaldos Nummer 9 auf dem Rücken, dazu ein paar Ronaldinhos, auch ein Kaká, ein Rivaldo. Ganz schön viel Nostalgie, neben den Viní Júniors. Und vor allem: viele Neymars. Die meisten Stars von heute – Casemiro, Marquinhos, Gabriel – fehlen hingegen, was viel über die Identitätssuche erzählt, auf der sich diese besondere Nationalmannschaftsnation befindet.Irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Sehnsucht nach Schönheit und dem Bedürfnis nach Erfolg. Und genau an dieser Stelle befindet sich Neymar Jr. Der nicht besonders gut gealterte Weltstar hat noch mit Kaká und Ronaldinho zusammengespielt. In seiner besten Zeit verzauberte sein Spiel Liebhaber auf der ganzen Welt, und jetzt würde er so gerne gemeinsam mit Viní Júnior Weltmeister werden. Es wäre eine Art Vollendung.An den Wänden des Teamcamps in der Idylle von Basking Ridge leuchtet auch in den Tagen vor dem Sechzehntelfinal-Spiel gegen Japan das brasilianische WM-Motto: „É proibido sonhar pequeno“ – „Es ist verboten, klein zu träumen.“ Warum also nicht groß träumen? Zum Beispielso: Im Viertelfinale gegen England wird der zu Turnierbeginn noch an der Wade verletzte Neymar eingewechselt und zaubert einen entscheidenden Pass auf den Rasen. Im Halbfinale gegen Argentinien hat er gegen den müde gespielten Messi die siegbringende Idee. Träume sind hier erwünscht.Ohne Joga-Bonito zum Erfolg?Denn in der Realität des Jahres 2026 fehlt der alte Zauber, den viele mit Brasiliens Fußball verbinden. Auch unter dem italienischen Trainer Carlo Ancelotti. Rayan, 19 Jahre alt, ein Flügelstürmer, der am Tag vor dem Abflug zum Sechzehntelfinale in Houston auf dem Podium im Teamcamp sitzt, sagt über Ancelottis Ansatz: „Die Defensivarbeit beginnt bei uns im Sturm. Zuerst kommt die Defensive, dann die Offensive.“ Das klingt wie ein Kulturbruch. Doch jenseits des Joga-Bonito-Mythos, der Idee vom schönen Spiel, gehört zur Wahrheit, dass die vorerst letzten WM-Titel 1994 und 2002 mit einem Ansatz gewonnen wurden, der den Vorstellungen von Carlo Ancelotti durchaus ähnelt. Bei gegnerischem Ballbesitz wurde während der Erfolgsturniere strategisch gut sortiert, energisch und aufmerksam verteidigt. Während vorn die Superspieler Romario, Bebeto, Ronaldo, Ronaldinho und Rivaldo für die nötigen Tore sorgten. Das ist eine vereinfachte Betrachtungsweise, die allerdings im Grundsatz auch das Erfolgskonzept Ancelottis bei Real Madrid beschreibt, das zu drei Champions-League-Titeln führte.Wie 1994 und 2002 sind die Momente des kunstvollen Spiels bei dieser WM eher eine leise Begleitmusik im Hintergrund, es geht um die Balance.Noch lässt sich kaum beantworten, wie diese brasilianische Mannschaft in Duellen mit den ganz großen Nationen klarkommt, aber, im Gegensatz zur Lage bei der DFB-Elf, ist immerhin eine positive Entwicklung erkennbar, neben individuellen Fortschritten und einer Heldengeschichte.Partner gesucht: Vinícius Júnior überzeugt für die Seleção. Für den Platz an seiner Seite ruhen die Hoffnungen auf Neymar.AFPVinícius Júnior, der bei Real Madrid schon lange auf Weltklasseniveau spielt, im Nationalteam aber lange hinter den Erwartungen zurückblieb, ist jetzt endgültig auch in der Seleção und damit in den Herzen der Menschen angekommen. Was noch fehlt, ist der passende Partner. Wer träumt, landet auf der Suche bei Neymar.Roberto Carlos, der Weltmeister von 2002, sagt: „Wir haben noch nicht unseren besten Fußball gezeigt, aber das Team wächst allmählich. Wir wissen nicht genau, in welcher Form Neymar nach seiner Rückkehr sein wird, aber ich glaube, dass Brasilien mit ihm viel stärker sein wird.“ Die Erinnerungen an die große Zeit dieses Hochbegabten sind noch lebendig, an seine dominanten Auftritte beim Confed-Cup 2013, an seine Rolle im legendären „Dreizack“ mit Messi und Luis Suárez beim FC Barcelona. Das Problem: All das ist zehn Jahre her.Unter den Journalisten im Teamcamp habe daher jeder seine eigene und oft sehr dezidierte Meinung zum großen Neymar-Thema, sagt ein Fernsehreporter. Manche finden seine Berufung in den Kader falsch, schließlich hat Neymar nach einer langen Formkrise und mehreren Verletzungen vorige Woche gegen Schottland erstmals seit mehr als zweieinhalb Jahren wieder ein paar Minuten für Brasilien gespielt. Ohne Spuren zu hinterlassen. Seinen Alltag verbringt er in der brasilianischen Liga beim FC Santos.„Wir reden hier über ein Genie auf dem Platz.“Andere meinen, Neymars Momente würden kommen, in den ganz großen Spielen. Trainer Ancelotti sagte vor Turnierbeginn: „Eine fitte Version von Neymar kann zur WM fahren. Wir reden hier über ein Genie auf dem Platz. Seine bloße Präsenz in der Kabine und seine Erfahrung verändern die Statik unseres gesamten Spiels und geben den jüngeren Spielern wie Vinícius extreme Sicherheit.“Immer wieder ist zu hören, dass Neymar im Team sehr beliebt sei, dass er von vielen Jüngeren als Idol verehrt werde und zur guten Seele des Mannschaftsalltags geworden sei. Der ehemalige Nationaltorhüter Emerson Leão findet die Nominierung hingegen schlichtweg „absurd“. Neymar erfülle lediglich die Funktion einer „Marketing-Maschine“, während Ronaldinho sagt: „Ney ist noch immer einer der Talentiertesten der Welt.“ Ein Talent mit 34 – das hat auch etwas Tragisches.Irgendwie hatte dieser besondere Spieler viel Pech mit den Umständen.Während seiner großen Turniere fehlten ihm andere Angreifer, die ähnlich viel Einfluss auf das Spiel nehmen können. 2014 stürmte er mit Fred, Hulk und Oscar. 2018 mit Gabriel Jesus sowie Willian. 2022 versuchte er, an der Seite von Richarlison und dem noch sehr jungen Duo Raphinha / Viní Júnior zu reüssieren. Einen kongenialen Partner hat er nie gehabt. Und in seiner größten Zeit begannen Kräfte zu wirken, von denen seine Vorgänger verschont blieben: die Dynamiken der sozialen Medien, die Neymars Umfeld geschickt zum Geldverdienen nutzte.Und dann war da noch diese übermenschliche WM 2014, die Neymar ungefähr in der Position begann, in der sich die Jesusstatue über Rio de Janeiro befindet: als Heilsversprechen, als übermenschliche Kraft, die es schon richten wird. Neymar war der Messias in Fußballschuhen, er schulterte die Last, brach dann aber unter einem üblen Foul in einem überharten Viertelfinale gegen Kolumbien zusammen: Wirbelfraktur, Turnier-Aus.Auch jetzt steht er irgendwie im Mittelpunkt, aber nicht mehr als Spieler, der die Hauptverantwortung für ein gelingendes WM-Projekt trägt. Sondern als Superkraft, die die Stimmung im Team heben und ganz vielleicht ein paar besondere Aktionen auf dem Platz erzeugen kann.Jetzt ist es so, dass Vinícius Jr., dem Superstar der Gegenwart, ein kongenialer Partner fehlt. Es gibt keinen naheliegenderen als Neymar Jr.– jedenfalls im Traum.