Wie oft haben Sie heute in Ihr bevorzugtes soziales Netzwerk geschaut? Wann haben Sie sich zuletzt mit Ihren Wettbewerbern in einem Ranking verglichen oder ein Restaurant besucht, nur weil wildfremde Menschen im Internet davon geschwärmt haben? Wir leben in einer Welt, in der die hohe Informationsdichte und ständige Vergleichbarkeit bei vielen Menschen als verlässliche Orientierung gelten und regelrecht Vertrauen erzeugen.Von solchen Alltagsphänomenen ausgehend, eröffnet der Philosoph Christopher Thi Nguyen sein Buch „Der Score“ mit der Frage, warum wir spielen. Vom frühkindlichen Spiel über Brettspiele mit Freunden bis hin zum sportlichen Wettkampf – diese Formen stellen für den Philosophieprofessor an der Universität Utah keine Flucht aus dem Alltag dar. Sie bieten vielmehr das, womit sich Menschen in einer modernen Wissensgesellschaft tagtäglich konfrontiert sehen: die Vorgabe von Zielen, zumeist Interaktion mit einem sozialen Umfeld und unmittelbare Rückkopplung zum Leistungsstand. Im Sport kann die Motivation eine andere sein, wie Nguyen anschaulich an sich selbst und seinen Fortschritten als Hobbykletterer beschreibt: Das Ziel ist es, einen immer höheren Schwierigkeitsgrad zu meistern.Solche Querverweise zur „Gamification“ ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Unter Gamification versteht man den Einfluss spieltypischer Elemente – etwa Punkte oder Fortschrittsbalken – auf menschliches Verhalten in nicht spielerischen Kontexten. Die zahlreichen persönlichen Anekdoten, die der frühere Techjournalist einstreut, lockern die stellenweise analytisch-trockene Lektüre auf.Metriken können viele Phänomene nicht erfassenNguyen stellt verschiedene Spielertypen vor. Zunächst gibt es den „Achievement Player“: Er spielt, um zu gewinnen. Er möchte in der Rangliste aufsteigen. Andere wiederum spielen, um das Erlebnis als solches zu genießen. Für solche Personen, die der Autor „Aesthetic Player“ nennt, steht das Ergebnis nicht im Vordergrund, ihnen geht es um die Qualität des Erlebnisses. Doch das Buch zeigt, dass Techkonzerne und Plattformbetreiber unsere digitale Welt fast ausschließlich auf die Bedürfnisse des ersten Spielertyps zugeschnitten haben. Nguyen belegt dies mit Beispielen wie Fitnesstrackern und den für den wirtschaftlichen Aufstieg in Amerika unerlässlichen Rankings der Universitäten.Solche Thesen sind nicht neu, man findet sie in den vergangenen Jahren in unterschiedlich kritischer Bewertung bei diversen US-Autoren. Bereits im Jahr 2018 prägte die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff den Begriff des „Überwachungskapitalismus“, dem zufolge die großen Plattformen das Verhalten ihrer Nutzer systematisch in Datenpunkte verwandeln. Nguyen nimmt Bezug auf Zuboff, vermeidet es jedoch, in die gleiche pessimistische Kerbe zu schlagen. Auch er warnt davor, dass die Fixierung auf Zahlen, Meilensteine und Rekorde vieles von dem verdrängt, was uns als Menschen ausmacht. Er appelliert daran, nicht auf eine „Objektivitätswäsche“ hereinzufallen, also eine Welt, die uns mithilfe von Metriken als Wahrheit dargestellt wird. Damit umschreibt Nguyen auch den Zustand, wonach wir es zunehmend verlernt haben, unsere eigenen Werte und Emotionen zu fühlen. So schreibt er, dass Metriken Phänomene wie Weinen oder Trauer nicht erfassen können, weil diese „in hohem Maß dynamisch“ seien und je nach Kontext stark variieren.Quelle:C. H. BeckDas Buch ist aber keine geistige Bevormundung. Die vielen gut erläuterten Fallbeispiele verhindern, dass beim Lesen das Gefühl aufkommt, sich für Kategorien wie richtig oder falsch entscheiden zu müssen. Insbesondere in den letzten Kapiteln liefert der Autor – teilweise optisch vom Fließtext abgesetzt – Checklisten und konkrete Handlungsempfehlungen, besonders wenn es um Werte wie Objektivität und Klarheit geht. Um uns selbst vor einer „Monokultur“ zu schützen, in der messbare Ergebnisse über allem stehen, empfiehlt das Buch schlussendlich die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Kreativität – weil sie eben ungeordnet und fernab standardisierter Prozesse ist. Einmal aktiviert, könne jeder auf sein individuelles „Starterkit“ vertrauen, lautet eine Empfehlung, die ein weiteres Mal den erklärten Videospielfan Nguyen verrät. Dennoch: „Standardisierung muss nicht immer die Kreativität töten“, schreibt der Spiel- und Technikphilosoph.Nguyen ist ein geschickter Herleiter: Wie er vom Lieblingsgericht oder der Versorgung eines kranken Sohns zur berechtigten Existenz von Normen und Regeln gelangt, ist durchaus lesenswert. Dennoch kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich im letzten Teil des Buchs immer wieder Sätze des Zweifels einschleichen. Angesichts der Struktur und des Spannungsbogens kommt das überraschend. Das gipfelt darin, dass Nguyen seinem Leser nach mehr als 360 Seiten sogar zwei Enden präsentiert: ein äußerst destruktives. Und eins, in dem er versucht, die Hoffnung aufrechtzuerhalten.Eine Wohlfühllösung, mit der alle Leser des Buchs gut leben können, kann Nguyen nicht bieten. Als Autor muss er das auch nicht, er ist kein Therapeut. Letztlich bleibt eine seiner zentralen Empfehlungen, dass wir uns häufiger in jene Momente zurückversetzen sollten, die für die allermeisten Erwachsenen schon Jahrzehnte zurückliegen – an die Freiheit eines kindlichen Spiels, ohne dabei ständig Regeln im Kopf haben zu müssen.Christopher Thi Nguyen: Der Score. Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen. Verlag C. H. Beck, München 2026, 377 Seiten, 28 Euro.