PfadnavigationHomeKulturLiteraturScores und RankingsZahlen, Klicks, Bewertungen – Wie wir unsere eigenen Maßstäbe verlierenVeröffentlicht am 01.03.2026Lesedauer: 3 MinutenWie gut steht Deutschland wirklich da?Quelle: picture alliance/ZB/Sascha SteinachMessbare Werte lügen nicht? C. Thi Nguyen, Experte für Metriken aller Art, warnt vor der Verführungskraft der Zahlen in Zeiten allgegenwärtiger Scores und Sternchen. Worauf wir dabei achten sollten, weiß er auch.Alles ist Zahl, wusste bereits Pythagoras. In „Der Score – Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen“ entwickelt der amerikanische Philosoph C. Thi Nguyen eine eingängige Diagnose der Gegenwart: Wir leben in einer Welt der Scores. Rankings, Klickzahlen, Noten, Follower, Benchmarks, sie alle versprechen Klarheit in Bezug auf die Frage, was Erfolg ist.Doch gerade in dieser Eindeutigkeit verändern die Metriken der Welt unmerklich, was wir wollen und wonach wir streben. Nguyen nennt dieses Phänomen „Wertübernahme“: Wir verinnerlichen von außen gesetzte Maßstäbe und mit dieser Übernahme verlieren wir schleichend den Kontakt zu unseren eigenen, komplexeren Motiven. Die Folge davon ist, dass die Grenzen zwischen dem, was uns wichtig ist und der Art und Weise, wie wir unseren Fortschritt messen, nach und nach verschwimmt.Dabei sind Scores für Nguyen nicht per se schlecht. Im Spiel können sie befreiend wirken. „Spiele erzählen einem, was man sich wünschen soll“, schreibt der Philosophieprofessor, der an der University of Utah lehrt. Wer klettert, sammelt Punkte, nicht weil Punkte an sich wichtig wären, sondern weil sie eine Form von Erfahrung ermöglichen: Konzentration, Flow, Selbstvergessenheit. Nguyen spricht vom „strebensorientierten Spiel“, einem Modus, in dem wir Ziele akzeptieren, um im Prozess aufzugehen.Als roter Faden in „The Score“ fungiert Nguyens eigene Biografie, die vom computerspielenden Nerd in schlechter körperlicher Verfassung zum fitten Sport-Kletterer reicht. Im Klettersport, in dem der Schwierigkeitsgrad von Strecken und Wänden in Punkten ausgedrückt wird, erlebt Nguyen zum ersten Mal die positiven Aspekte der „Scores“. Er lernt die Verführungskraft der Zahlen kennen und steigert sich in ein Optimierungsdenken rein, bei dem schließlich nicht mehr die Freude am Klettern, sondern die Jagd nach der höchsten Punktzahl im Fokus steht.Doch – so die Nguyen-These – dieselbe Mechanik, die im Spiel beglückt, wird in staatlichen Strukturen gefährlich. Schon Aristoteles warnte in seiner Nikomachischen Ethik davor, zu viel Exaktheit zu verlangen, wo sie unzweckmäßig ist. In einigen Bereichen wie Technik und Wissenschaft sei eine große Präzision erstrebenswert, aber in Politik und Ethik könne man nicht das gleiche Maß an Exaktheit erwarten.Wo institutionelle Rankings herrschen, entsteht laut Nguyen jene „Lücke“ zwischen dem, „was gemessen wird, und dem, was wirklich wichtig ist“. Unter der Knute der Metriken wird so aus Freiheit schnell Zwang, der den Zweck der Tätigkeit korrumpiert. Diesen Ungeist trifft man laut Nguyen in der Gegenwart vielerorts: Universitäten optimieren auf Zitationsindizes, Jurastudenten lernen stur auf das Prädikatsexamen hin oder – in konsequenter Fortführung von Nguyens Gedanken – der Staat macht in Pandemiezeiten die Ausübung von Grundfreiheiten von Inzidenzwerten abhängig.Dieses Beispiel für unkritische Verehrung von Kennzahlen ermöglicht das, was Nguyen als „Objektivitätswäsche“ bezeichnet: Bürokraten verschleiern ihre Einflussnahme auch auf politische Entscheidungen, indem sie „die Zahlen“ als unparteiische Schiedsrichter heranziehen.Lesen Sie auchNguyen plädiert für eine Rückkehr zu einem „Geist der Verspieltheit“, denn – und hier wird er zum Schluss erfreulich bündig: „Was bedeutsam ist, lässt sich unmöglich von Metriken fixieren.“ Doch hier liegt auch das Problem des Buches. Nguyen schreibt anschaulich, leicht verständlich, aber er schreibt einfach zu viel. Die Lektüre schwankt zu oft zwischen Erkenntnis und Redundanz.Seine zentrale These – dass mechanische Bewertungssysteme unsere Werte formen – ist nach hundert Seiten klar und verliert sich im anekdotischen Einerlei. Und so wirkt dieses Buch bisweilen, als habe Nguyen seine auf Essaylänge klugen Gedanken auf ein mehr als 300 Seiten starkes Buch ausdehnen wollen, um den „Score“ der Seitenzahl nach oben zu treiben.C. Thi Nguyen: Der Score. Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen. C.H. Beck, 377 Seiten, 28 Euro.
Scores und Rankings: Zahlen, Klicks, Bewertungen – Wie wir unsere eigenen Maßstäbe verlieren - WELT
Messbare Werte lügen nicht? C. Thi Nguyen, Experte für Metriken aller Art, warnt vor der Verführungskraft der Zahlen in Zeiten allgegenwärtiger Scores und Sternchen. Worauf wir dabei achten sollten, weiß er auch.






