Die Schnelllebigkeit dieses Formel-1-Jahres, eines der abwechslungsreichsten und spannendsten seit Langem, lässt sich an zwei Momentaufnahmen beim Großen Preis von Österreich festmachen. Samstag Nachmittag, kurz vor fünf: Max Verstappen verliert die Kontrolle über den Rennwagen seines Teams Red Bull und schießt in die Barriere.Knapp 24 Stunden später steht der Niederländer nach einer famosen Aufholjagd vom fünften Startplatz aus auf der zweithöchsten Stufe des Podestes, sein bislang bestes Saisonresultat. Vielleicht mit wackligen Knien, von der Hitze und dem vorausgegangenen Crash geschwächt, aber mit erhobenem Haupt. Fast noch hätte er George Russell erwischt, dem ein großes Comeback im Mercedes gelingt. So stiehlt der Zweite dem Sieger etwas die Schau.Verstappen wittert MorgenluftRussell referiert nach seinem zweiten Saisonsieg mit gewohnter Klassensprecher-Attitüde zur mentalen Belastung, mit der er in den Auf-und-Ab-Phasen seiner Saison klarkommen musste: „Solche Rennen fordern dich psychologisch heraus, deshalb waren die vergangenen beiden Wochenenden so wichtig für mich, denn sie haben mich erinnert, zu was ich fähig bin.“ Nach acht Rennen liegt er mit 40 Punkten Rückstand auf seinen Teamkollegen Kimi Antonelli (Dritter in Österreich) wieder auf dem zweiten Platz der Gesamtwertung, und das gibt dem Herausforderer Selbstvertrauen vor seinem Heimrennen am Wochenende in Silverstone.Gegenspieler Max Verstappen ist keiner, der über seine Psyche gern öffentlich Auskunft gibt. Allerdings lässt sich leicht an seinem Gesicht ablesen, wie es um den Gemütszustand bestellt ist. Am Sonntagabend war Erleichterung zu erkennen, aber auch ein wenig Frust. Wäre ein Boxenstopp etwas früher gekommen, hätte das Heck seines Boliden nicht in der zweiten Hälfte wieder Zicken gemacht, dann wäre der große Triumph drin gewesen. So bleibt immerhin ein Trost: „Ich hatte zum ersten Mal wieder das Gefühl, aus eigener Kraft um einen Sieg fahren zu können.“Allein die Aussicht, nach diesem Befreiungsschlag einen Verstappen mit Chancen im Titelrennen begrüßen zu können, beflügelt die Phantasie. Er liegt mit 73 Punkten auf Rang sieben der WM-Tabelle, 98 Punkte hinter Spitzenreiter Antonelli. Im Vorjahr, als der Red-Bull-Pilot seine Aufholjagd startete, waren es 104 Punkte auf Lando Norris, der am Ende mit nur zwei Pünktchen Vorsprung Weltmeister wurde.Red Bull fehlt KonstanzVerstappen pariert die entsprechende Frage mit einem Lächeln: „Ich hätte ein paar Rennen mehr zur Verfügung als im letzten Jahr, aber es ist trotzdem ein ziemlich großer Rückstand.“ Doch es kann ja nicht schaden, schon mal auf das hinzuweisen, was auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff ehrfurchtsvoll den „Max-Faktor“ nennt.Um behaupten zu können, dass Red Bull Racing schon wieder zurück ist, fehlt noch die Bestätigung der Leistung auf anderen Rennstrecken. Allein mit dem stärksten Verbrennermotor im Feld wird der Angriff nicht gelingen. Red Bull muss mehr Konstanz bieten. Das aerodynamische Upgrade zum Heimspiel des Getränkekonzerns hat funktioniert, mit gut 0,3 Sekunden Zeitgewinn pro Runde.Vor Ferrari, dem zweiten Mercedes und McLaren: In Österreich taucht Verstappen mit dem verbesserten Rennwagen dort auf, wo er sich wohlfühlt.dpaAuch wenn die Piste am Hang von Spielberg eine ganz eigene Charakteristik hat, wirkt sich der Gewichtsverlust des Autos generell positiv aus. Teamchef Laurent Mekies spricht von „Bastelarbeit“ und meint das durchaus respektvoll: „Wir haben einen großen Schritt nach vorn gemacht.“ Jetzt gelte es, den sogenannten „Sweet Spot“ zu finden. Das ist jener Punkt, an dem dauerhaft die größtmögliche Leistung freigesetzt wird, ohne das Fahrzeug oder die Reifen zu überlasten.Max Verstappen bleibt ebenfalls vorsichtig: „Um in den Kampf um den Titel einzugreifen, müssen wir uns insgesamt noch in mehreren Bereichen verbessern. Wir haben immer noch zu viele Probleme, angefangen beim Start bis zu den Abläufen im Hintergrund. Ich will nicht überkritisch sein, aber wir streben nun mal danach, die Besten zu sein. Also müssen wir uns auf all diese Dinge konzentrieren. Wir wissen, was geht, wenn alles stimmt, das haben wir in der Vergangenheit schon gezeigt.“PersonalquerelenDass sich Ende 2027 sein wichtigster Vertrauensmann, Renningenieur Gianpiero Lambiase, zu McLaren verabschieden wird und dass Chefingenieur Paul Monaghan auf dem Absprung zum Cadillac-Team steht, wirkt nicht unbedingt beruhigend. Haben Mekies und Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff darüber so heftig diskutiert in der Boxengasse von Spielberg, oder ging es nur um die nicht perfekte Rennstrategie?Nach den vielen Personalquerelen und -wechseln in der Vergangenheit ist ein kompletter Neuaufbau nötig, im Idealfall mit Max Verstappen als Leitfigur, an der sich alle aufrichten können. Der Achtundzwanzigjährige muss über die kurzfristige Planung hinaus seine langfristige Perspektive entwickeln. Sein Vertrag mit Red Bull Racing läuft noch bis Ende 2028. Allerdings soll er an das Leistungsvermögen des Rennwagens und die Platzierung in der WM-Wertung gekoppelt sein. Kolportiert wird daher, dass in diesem Sommer bereits eine Ausstiegsklausel greifen könnte. Was will der viermalige Weltmeister noch erreichen?Dass der Niederländer auch mit einem nicht perfekten Auto der schnellste Mann im Feld ist, hat das Rennen gezeigt. Dass er seinen Frust über den Ehrgeiz kompensieren kann, auch. Ihm stehen daher die Türen bei allen Teams offen, die bereit sind, seinen Marktwert zu bezahlen. Der liegt – geschätzt – bei einem Jahressalär von rund 70 Millionen Euro. Spätestens zum Ende der kommenden Saison, falls Max Verstappen dann noch Lust auf die Formel 1 verspürt und nicht in die Sport- oder Tourenwagenszene abwandert, dürfte er ein Kandidat für McLaren, Aston Martin oder auch wieder Mercedes sein. Die Genugtuung nach dem zweiten Platz reicht weit über die Steiermark hinaus. Da geht noch was.
Formel 1 in Spielberg: "Bastelarbeit" beflügelt Max Verstappen
Auf dem Weg zu Rang zwei in Österreich sieht sich der viermalige Weltmeister erstmals wieder in der Lage, Rennen zu gewinnen. Was fehlt für ein Überholmanöver?













