Drei Formel-1-Rennen in drei Wochen bringen drei verschiedene Sieger hervor – die Weltmeisterschaft bleibt unberechenbarGeorge Russell triumphiert am Grand Prix von Österreich – doch auch der vierfache Weltmeister Max Verstappen überzeugt und schlüpft in seine liebste Rolle: jene des Jägers.28.06.2026, 19.56 Uhr4 LeseminutenStrapaziöse Bedingungen für Mensch und Material: George Russell entscheidet das Formel-1-Rennen in Österreich für sich.Denes Erdos / APDrei Formel-1-Rennen innerhalb von drei Wochen haben drei unterschiedliche Sieger hervorgebracht. Der Start in das zweite Drittel der Saison ist damit nicht nur rein statistisch gelungen. Der Grosse Preis von Österreich mit dem knappen Triumph von George Russell vor Max Verstappen und dem WM-Tabellenführer Kimi Antonelli bei höchst strapaziösen Temperaturen für Mensch und Material deutet auf eine fortgesetzte Unberechenbarkeit hin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.War es zuletzt Ferrari, dass dem Branchenprimus Mercedes stark zugesetzt hatte, meldet sich nun überraschend Red Bull Racing zurück. Bei Asphalt-Temperaturen jenseits der 50 Grad in Spielberg waren die Reifen und der richtige Umgang damit beim achten WM-Lauf ein wichtiger Faktor, entscheidender aber war die Reife der Piloten. Russell, der in der Gesamtwertung jetzt seinem Teamkollegen Antonelli auf 40 Punkte nahe gekommen ist und der vierfache Champion Verstappen mit seiner besten Platzierung in diesem Rennjahr sind dafür die besten Beispiele.Vor dem Wochenende in der Steiermark hatte Russell noch mit leichtem Neid auf den wiedererstarkten Lewis Hamilton erklärt, was einen glücklichen und einen unglücklichen Formel-1-Piloten unterscheidet: «Man verlernt das Rennfahren nicht über Nacht. Du brauchst die richtige Mannschaft, das richtige Set-up, alles muss passen. Wenn es dann ,Klick' macht, fliegst du allen davon.» Rossel hat das über den anderen gesagt, und dann selbst danach gehandelt.Russell legt den Grundstein mit einem cleveren QualifyingDen Grundstein zu seinem Erfolg auf der kurzen Berg- und Talbahn legte der 28 Jahre alte Brite in der chaotischen letzten Minute der samstäglichen Qualifikation, als Verstappen in die Barrieren gekracht war. Beide Mercedes-Fahrer, die auf ihrer schnellsten Runde unterwegs waren, wurden durch gelbe Warnflaggen eingebremst, der geplante Sprung in die erste Startreihe schien durch das Schicksal verhindert. Antonelli brach seinen Versuch ab und landete auf dem vierten Platz, Russell aber hatte die Situation besser gedeutet, hatte nur kurz das Pedal vor der Gefahrenstelle gelupft und dann noch einmal richtig Gas gegeben – und raste zur Pole-Position.Erfahrung, Cleverness und ein unerschütterlicher Glaube an sich selbst nähren ein solches Reaktionsvermögen. In den Wochen zuvor hatte der nun siebenfache Grand-Prix-Gewinner Russell reihenweise Pech gehabt, mal mit der Technik, mal mit unglücklichen Konstellationen im Rennen, dadurch noch gedemütigt durch den aufgegangenen Stern seines jungen Teamkollegen Antonelli. Dementsprechend gestand er nach dem Erfolg am Sonntag ein, eine harte Zeit hinter sich gebracht zu haben, die ihn psychologisch doch sehr auf die Probe gestellt habe.Umso grösser die Erleichterung, dass Russell auf seine Resilienz vertrauen kann: «Die letzten beiden Rennen waren sehr wichtig, denn sie haben mir gezeigt, wozu ich fähig bin.» Russell gilt in seiner Heimat als die derzeit verlässlichste Hoffnung auf einen britischen WM-Sieg, noch vor Weltmeister Lando Norris und auch Hamilton. Das persönliche Momentum kommt für ihn zur rechten Zeit, bereits am nächsten Wochenende steht mit dem Grossen Preis von Grossbritannien in Silverstone das prestigeträchtige Heimspiel auf dem Programm.Auch Verstappen beherrscht die Psycho-SpielchenWie sehr es gilt, im schnelllebigen Formel-1-Geschäft auch nur die kleinste Chance sofort beim Schopf zu ergreifen, dafür steht in der Steiermark aber vor allem Verstappen. Der Niederländer ist nicht nur der grösste Kritiker des Hybrid-Motorenreglements, er haderte auch fortgesetzt mit dem Red-Bull-Rennwagen, der so gar nicht zu seinen Ansprüchen passen wollte. Aber einen ehrgeizigen Fahrer wie den Niederländer ob seiner wochenlang an den Tag gelegten schlechten Laune abzuschreiben, den Fehler darf keiner machen. Er beherrscht die Psycho-Spielchen mindestens so sehr wie das Lenkrad.Jede öffentlich geäusserte Kritik war auch ein Fingerzeig für seine Mannschaft, in der Rennfabrik noch stärker an Verbesserungen zu arbeiten. Über den richtigen Zeitpunkt für die sogenannten Updates und Upgrades entscheidet sich die Form eines Teams und der Fahrer über den Saisonverlauf hinweg.Red Bull mag zwar mit dem Eigenbau den stärksten Motor besitzen, aber aerodynamisch waren die Defizite gross. Verstappen lebte mit einem vierten und einem dritten Platz in den letzten drei Rennen seinen eigenen Ehrgeiz vor. Die Fähigkeit, gegen seinen eigenen Fahrstil und damit gegen sein eigenes Auto fahren zu müssen, beherrscht keiner im aktuellen Fahrerfeld so wie der 28-Jährige.Bleibt Verstappen bei Red Bull?Sein eigentliches Druckmittel für eine Leistungssteigerung ist aber noch ein anderes. Offenkundig ist sein bis Ende 2028 laufender Vertrag mit Red Bull an die Leistungsfähigkeit des Autos geknüpft, demnach kann er in diesem Sommer selbst entscheiden, ob er in dem personell geschwächten Team bleibt und an eine grandiose Aufholjagd wie die in der letzten Saison glaubt, als er einen Rückstand von 104 Punkten zur Saisonmitte auf Norris am Ende auf zwei Pünktchen verkürzen konnte. Oder ob er sich perspektivisch zu McLaren, Aston Martin oder doch noch zu Mercedes umorientieren möchte.Dieser psychologische Druck wirkte Wunder auf die Techniker und die Führungsspitze von Red Bull Racing. Die für die konzerneigene Strecke generalüberholte Aerodynamik machte spannende Manöver möglich, und auf den letzten 30 der 71 Runden verkürzte Verstappen seinen Rückstand von über zehn Sekunden auf George Russell auf 1,6 Sekunden.Zum ersten Mal in diesem Rennjahr, bilanziert er später zufrieden, habe er wieder das Gefühl verspürt, siegen zu können. Und das, obwohl zur Hälfte der Distanz das Heck des Autos nicht mehr ganz so wollte wie der Fahrer. In der Rolle des Jägers, das hat dieser Grand Prix unterstrichen, fühlt sich Verstappen am wohlsten. Technisch, fahrerisch – und vor allem mental.Passend zum Artikel