Ein Ex-Soldat droht Moskau, «die Waffen der Armee» gegen den Kreml zu richten. Sein Ausbruch ist ein Symptom für die vom Krieg zermürbte russische GesellschaftAlexander Lunin hat als Freiwilliger im Ukraine-Krieg gekämpft und will Putin «die volle Wahrheit» über Folter und Gewalt in der Armee sagen. Sein Clip wird millionenfach geklickt.29.06.2026, 13.31 Uhr5 LeseminutenMit Orden behängt, sich seiner Sache sicher: Der russische Ex-Soldat Alexander Lunin drohte dem Kreml mit Waffen. Nun ist er wegen einer Ordnungswidrigkeit in Haft.Alexander Lunin via Instagram / UGCDer Mann hat seine Armeejacke angezogen und sie mit Orden behängt. Er lässt die Mobiltelefon-Kamera laufen, der Wind stört den Ton, im Hintergrund bellt ein Hund. Er steht breitbeinig da, stellt sich als Alexander Lunin vor, 39 Jahre alt, Kriegsveteran, seit seinem 19. Lebensjahr im «Dienste der Interessen unserer russischen Heimat im Einsatz».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In seinem etwa eineinhalbminütigen Clip wendet sich der Ex-Soldat aus dem Dorf Lisinowka – knapp 800 Kilometer südlich von Moskau und etwa 30 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt – geradezu flehend an den russischen Präsidenten: «Wladimir Wladimirowitsch, nehmen Sie sich der Angelegenheit an, laden Sie mich in den Kreml ein.» Er wolle ihm «die ganze Wahrheit» darüber erzählen, «was bei uns im Land vor sich geht», sagt Lunin.Da seien Hunderte, ja Tausende Soldaten, die in Kellern ausharrten, die dort verrotteten, Folter und Gewalt ausgesetzt seien, weil sie sich weigerten, «dumme, selbstmörderische Befehle» auszuführen. Später würden sie von ihren «unfähigen Vorgesetzten» als vermisst gemeldet. Sollte ihm Putin «in nächster Zeit» keine «Audienz» und keinen «gemeinsamen Live-Auftritt im Fernsehen» gewähren, werde es «sehr ernste Folgen» geben, droht Lunin. Die Armee werde ihre Waffen gegen den Kreml richten. Dabei verweist er darauf, dass «hohe Funktionäre aus dem Verteidigungsministerium und anderen Diensten» ihn damit beauftragt hätten, diese Nachricht zu überbringen. Wer das sein soll, erwähnt er nicht.Ein neuer Prigoschin?Das Video, bei Instagram hochgeladen, wird innerhalb weniger Tage auf diesem in Russland nur über VPN abrufbaren Netzwerk millionenfach geklickt. Vorschnell wird Lunin als eine Art neuer Jewgeni Prigoschin gefeiert. Der skrupellose Chef der paramilitärischen Gruppe Wagner hatte im Juni 2023 seine Kämpfer für den Sturm auf Moskau mobilisiert und war zwei Monate später bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz tödlich verunglückt. Von seinen Anhängern wird der Mann, der Deserteure mit einem Vorschlaghammer töten liess, bis heute verehrt.Lunin, so erzählt er selbst, wurde offenbar unehrenhaft aus seinem Freiwilligenbataillon entlassen. Er habe seine Vorgesetzten zu viel kritisiert, sagt er in einem Video. Ihn mit dem unverfrorenen Mörder Prigoschin zu vergleichen, der ausserhalb jeglicher Rechtsordnung und an den staatlichen Strukturen vorbei eine Privatarmee mit zehntausend Mann führte und jahrelang im Auftrag des Regimes auf verschiedenen Kriegsschauplätzen operierte, ist äusserst gewagt. Der Ex-Soldat hat ausser seiner wortreich vorgetragenen Enttäuschung, seinem Betteln um soziale Gerechtigkeit und dem Pochen auf die Anerkennung seiner Taten «für die Interessen» Putins wenig zu bieten. Und doch zeigt die Popularität seines Instagram-Hilferufs vor allem eines: Sie ist ein Symptom für die vom Krieg zermürbte russische Gesellschaft.Im Land brennen Raffinerien, die Schlangen vor den Tankstellen sind selbst in der Hauptstadt kilometerlang. Auch Putin spricht mittlerweile von einem «Benzinproblem», gibt sich aber gewohnt zuversichtlich. Die «Schwierigkeiten» wolle er bis Juli gelöst haben, sagte er erst am Sonntag an einer Sitzung mit Regierungsvertretern und Ölproduzenten in Moskau. Nach zwei Quartalen im Minus befindet sich die russische Wirtschaft auch offiziell in der Rezession.Viele Russinnen und Russen können sich immer weniger leisten, die Cafés und Restaurants schliessen – weil ihnen das Geld fehlt, aber auch weil die Köche und die Bedienungen an der Front sind. Der Staat blockiert ausländische Messenger, stellt das mobile Netz selbst in grossen Städten teilweise wochenlang ab, bekämpft auch stärker die Umgehungsprogramme, die den Datenverkehr über ausländische Server leiten. Ukrainische Drohnen bringen Zerstörung an Orte, die fern der Grenze liegen. Die Menschen fragen sich: «Wie lange noch?», auch wenn sie die Verantwortung für die Verbrechen ihres Staates gegen ein anderes Land nicht wahrhaben wollen.Viele sind erschöpft von den Belastungen, die der Krieg mit sich bringt, zermürbt von den Repressionen, die der Staat immer weiter verschärft und dabei die angebliche Konsolidierung des Volkes anpreist. Derweil atomisiert sich die Gesellschaft, der jegliche Ventile fehlen, um ihren Unmut loszuwerden. Sie dürstet es geradezu nach Stimmen, die Missstände benennen.Die Mär vom «guten Zaren» und von den «schlechten Bojaren»Nicht umsonst verweist Lunin in seinem ersten Appell an Putin, wenige Tage vor seinem viral gegangenen Video, auf die russische Beauty-Bloggerin Wiktoria Bonja aus Monaco. Auch sie hatte sich vor wenigen Monaten per Instagram direkt an Putin gewandt, weil sie ihm die «Wahrheit» über das Leben in Russland nahebringen wollte. Auch sie sprach von den Sorgen der Russen, davon, dass der Präsident offenbar nicht darüber informiert werde, wie es den Menschen gehe. «Die Leute haben Angst vor Ihnen. Aber ich habe keine Angst», sagte sie und bekam, ebenfalls wie Lunin, Millionen Klicks für ihren angeblichen Mut, den Präsidenten herauszufordern.Weder Bonja noch Lunin stellen den Krieg gegen die Ukraine infrage. Sie äussern auch keine Kritik an Putin. Damit sind sie typische Vertreter der russischen Haltung, der Herrscher sei ein «guter Zar» und werde von seinen «schlechten Bojaren» übers Ohr gehauen. Bonja verwies auf das «Leiden der Menschen», Lunin spricht von der «Willkür der örtlichen Kleinzaren». Der Kreml kommentierte zwar die Videos der Möchtegern-Boten, nimmt das darin Gesagte aber kaum ernst.Bonja vermarktet aus Monaco weiterhin ihre Beauty-Tipps, Lunin liess über einen Bekannten ausrichten, er sei nun für elf Tage in Haft. Man werfe ihm eine Ordnungswidrigkeit vor. Mehr sagt der Bekannte nicht. Lunins Frau erklärte über Tiktok, ihr «Sanja», wie Alexander im Russischen abgekürzt wird, habe ihr geraten, in den kommenden Tagen ruhig zu sein und nichts mehr zu posten. Das Regime weiss, wie es seine Kritiker, auch die, die grundsätzlich den Kreml unterstützen, zum Schweigen bringt. Die Kritiker aber reagieren oft überrascht, wenn das Regime zuschlägt. Sie seien doch Patrioten, nur im Dienste Russlands unterwegs, heisst es dann oft.«Ist es das, was wir erreichen wollten, das, wofür wir gekämpft haben?», fragt Lunin in einem seiner Videos, weit vor seiner Drohung an den Kreml. Er beklagt darin die fehlenden Zahlungen an ihn als Kriegsveteran, der sich einst freiwillig für den «Kampf für den Sieg Russlands» verpflichtet hat. Er, der zwei Kinder habe und keinen Alkohol trinke, sei «das Fundament Russlands», aber sein Haus habe nicht einmal genug Strom, damit der Kühlschrank und der Teekessel gleichzeitig liefen. «Wladimir Wladimirowitsch, wir haben es satt. Wir haben es satt, in Angst zu leben.» Er fordert soziale Unterstützung für die Familien von Kriegsveteranen, spricht von Eigenmächtigkeit örtlicher Behörden – und erreicht damit viele, die genauso enttäuscht sind von der Regierung. «Haha, sie sind besorgt, sie haben Angst, jetzt, wo Putin von all dem erfahren wird», sagt er in einem Video. «Richtig so! Ich werde ihm berichten, wie es ist!» Sein Lachen klingt diabolisch.Seinen letzten Clip veröffentlichte Lunin vor drei Tagen. «Ich bin sicher, uns wird alles gelingen», sagt er, umarmt seine Frau, küsst sein Kind – und bricht auf, «nach Moskau».Passend zum Artikel
Folter und Gewalt: Ein Ex-Soldat will Putin die «Wahrheit» sagen und kommt in Haft
Alexander Lunin hat als Freiwilliger im Ukraine-Krieg gekämpft und will Putin «die volle Wahrheit» über Folter und Gewalt in der Armee sagen. Sein Clip wird millionenfach geklickt.










