Sie sind abends das Letzte und morgens viel zu oft das Erste, was wir sehen. Noch vor dem Aufstehen scrollen wir durch endlose Feeds, gehen durch Apps oder den Familienchat. Auch tagsüber sind sie meist nur einen Griff in die Hosentasche entfernt. Nichts begleitet uns so treu wie digitale Bilder durch unseren Alltag. Die permanente Konfrontation mit visuellen Reizen hat Auswirkungen: Nicht nur sehen wir die Bilder, reagieren vielleicht mit einem Like oder teilen sie – wir lassen uns von ihnen ablenken, beeinflussen, provozieren, täuschen. Sie prägen unsere Wahrnehmung, unsere Erinnerungen und unser Verständnis der Welt. Wir sind im Bann der Bilder.Die Ausstellung „The Lure of the Image. Wie Bilder im Netz verlocken“ im C/O Berlin widmet sich dieser Erfahrung. Die von Marco De Mutiis, Doris Gassert und Alessandra Nappo für das Fotomuseum Winterthur entwickelte und von Boaz Levin für Berlin adaptierte Ausstellung versammelt vierzehn künstlerische Positionen, die sich mit unterschiedlichen medialen Strategien den Mechanismen digitaler Bildwelten nähern – und findet für ein oft abstrakt diskutiertes Phänomen überraschend konkrete, sinnliche Darstellungsformen.Hito Steyerl greift zu Hammer und MeißelDer Titel ist präzise gewählt: „Lure“ bedeutet so viel wie „Lockmittel“, „Köder“ oder „Verführung“. Die Ausstellung fragt danach, wie digitale Bilder funktionieren, welche Macht, welche Wirkung sie haben – bevor sie fragt, was sie zeigen. Damit verschiebt sie den Fokus von den sichtbaren Motiven zu den unsichtbaren Strukturen wie Algorithmen, Datensätzen und Plattformlogiken, die ihre Wirkung erst ermöglichen.Ellie Wyatt, „cherrypicker“, 2021, VideostillEllie WyattBesonders eindringlich zeigt dies Zoé Aubrys Arbeit „#Ingrid“. Dafür betreten wir einen Raum, der von oben bis unten tapeziert ist mit Fotos von Sonnenuntergängen, Lavendelfeldern, Schmetterlingen und rosaroten Wolkenhimmeln. Kitschig und wenig beeindruckend, bis man sich mit dem Ausgangspunkt der Arbeit befasst: dem Femizid von Ingrid Escamilla Vargas und der medialen Zirkulation von Bildern ihres verstümmelten Körpers. Aubry dokumentiert die digitale Gegenbewegung, die den Hashtag mit träumerischen, friedlichen Bildern flutete, um die entwürdigenden Tatbilder aus dem Netz zu „schwemmen“. Bilder, so zeigt das Werk auf, sind nicht nur Objekte der Betrachtung, sondern soziale Handlungen, die Widerstand organisieren und Gegenöffentlichkeiten schaffen können.
Ausstellung im C/O Berlin: Warum ziehen uns digitale Bilder in ihren Bann?
Um Verlockungen und Köder geht es zurzeit bei C/O Berlin. Die Ausstellung „The Lure of the Image“ fragt, wie digitale Bilder funktionieren. Welche Wirkung haben sie? Welche Macht üben sie auf uns aus?






