Berlin, Eberbach. Bei jedem anderen wäre es unangebracht, das Aussehen zu kommentieren. Bei Glow25-Chef Steven Mattwig vielleicht nicht. Mattwig, Anfang 40, hat auffallend glatte Haut, kaum Stirnfalten, nur eine kleine Zornesfalte zwischen den Augenbrauen. Woran genau das liegt, ist unklar. Aber fest steht: Er nimmt seit zweieinhalb Jahren Kollagenpeptide, die sein Unternehmen inzwischen großflächig vertreibt.Das Start-up wächst rasant. Glow25 wurde erst 2021 gegründet. 2022 setzte es 35 Millionen Euro um, im vergangenen Jahr 130 Millionen Euro. Nur mit Kollagen.Glow25-Geschäftsführer Steven Mattwig (links) und Arnd Mückenberger (rechts): Wundermittel für die Haut? Foto: Glow25Gerade ist das Unternehmen innerhalb Berlins umgezogen und hat seine Räumlichkeiten versiebenfacht. Auf 8500 Quadratmetern vertreibt es von hier aus das weiße Pulver aus Haut und Knochen von Schweinen und Rindern. Kollagen wird als Nahrungsergänzungsmittel im Internet oft als Wundermittel für bessere Haut, kräftigere Haare und zur Knochen- und Knorpelbildung angepriesen.Ein stark wachsender Trend. Glow25 vertreibt das Pulver nicht nur über digitale Kanäle, sondern auch über Einkaufsläden wie Galeria, Kaufland oder DM. Und selbst einer der weltgrößten Gelatinehersteller stellt um: „Wir richten unsere Produktionskapazität gezielt auf Kollagen und Peptide aus“, sagt Gelita-Chef Peter Hill.Und das, obwohl Verbraucherschützer und Wissenschaftler zur Vorsicht mahnen. „Aussagekräftige Belege dafür, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Kollagen die Haut von innen pflegen und dadurch Alterserscheinungen aufhalten oder sichtbar rückgängig machen, sind Fehlanzeige“, heißt es bei der Verbraucherzentrale.Auch Tobias Renkawitz, ärztlicher Direktor und Lehrstuhlinhaber der Orthopädischen Universitätsklinik Regensburg/Bad Abbach, sagt: „Kollagenpräparate können Knorpel- oder Knochenschäden nicht heilen und es gibt auch keine seriösen wissenschaftlichen Belege, dass die Einnahme von Kollagen Arthrose vorbeugen kann.“Wie kann es sein, dass der Kollagenmarkt trotzdem so rasant wächst?Ein Lehrstück über die Wirkung von Marketing, auch von unzulässigem. Und über die Macht von Studien, die Raum für Hoffnung lassen.Kollagen und sein MarktKollagen ist das im Menschen am häufigsten vorkommende Protein. Als Hauptbestandteil des Bindegewebes machen sie es widerstandsfähig und festigen zudem Knochen, Knorpel, Sehnen, Zahnbein und Haut. Das Gute: Der Körper bildet Kollagen selbst. Das Schlechte: Mit dem Alter produziert er immer weniger davon.Hier setzt die Industrie an. Ähnlich wie Gelatine lässt sich Kollagen aus Haut und Knochen von Schweinen und Rindern gewinnen. Verkauft werden allerdings Kollagenpeptide, also stark aufgespaltenes Kollagen, das sich auch in kaltem Wasser löst.Collagen Plus: Solche Packungen mit Kollagenpeptiden verkauft Glow25 auch in einer Art Abomodell. Foto: Glow252025 schätzte die indische Analysefirma Fortune Business Insights den globalen Kollagenmarkt auf 11,7 Milliarden US-Dollar, im Jahr 2034 soll er eine Größe von gut 30 Milliarden US-Dollar erreichen. Andere Marktforscher prognostizieren ein kleineres Volumen, Wachstum sehen sie jedoch alle.Das hat vor allem einen Grund, vermutet die Marketingprofessorin Simone Wies von der Goethe-Universität Frankfurt: „clevere, zielgruppengetriebene Werbung“. So spezifisch, dass sich tierschutzbewusste Konsumenten, die Anstoß an der Gewinnung aus Schlachtprodukten nehmen könnten, nicht unbedingt mit Beauty- und Fitnessbewussten überschneiden würden.Denn der Kollagentrend ist eingebettet in eine größere Entwicklung: die hohe Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmitteln, bei denen Social Media eine insgesamt große Rolle spielt. Jeder zweite Deutsche kauft Nahrungsergänzungsmittel, ergab eine repräsentative Befragung der Verbraucherzentrale und Forsa aus dem Jahr 2022.Längst verdienen auch Prominente am Kollagen. Die US-Schauspielerin Sarah Jessica Parker wirbt für Glow25 und die Reality-Prominenz Kylie Jenner bringt ein neues Getränk auf den Markt. Inhaltsstoffe sind Elektrolyte mit Hyaluronsäure und Verisol. Letzteres wiederum ist eine Kollagen-Marke von Gelita.Sarah Jessica Parker: Die US-Schauspielerin ist nicht nur Werbebotschafterin, sondern hat sogar den Titel Chief Creativ Officer bei Glow25. Foto: Glow25Gelita, ein Familienunternehmen aus Eberbach nahe Heidelberg, ist eigentlich für einen langjährigen Familienstreit und seine Gelatineproduktion bekannt – ein Kunde ist Haribo. Doch mittlerweile ist die Produktion des Unternehmens zu 20 Prozent mit Kollagen ausgelastet. Tendenz steigend. Gelatinewerke widmet das Unternehmen zunehmend um. Zwei weitere Fabriken mit einer Kapazität für je 6000 Tonnen allein für Kollagen sind geplant.Die Macht von Studien und ErzählungenDas Städtchen Eberbach liegt wie verwunschen zwischen bewaldeten Hügeln. Mittendurch schlängelt sich der Neckar – ein Wander- und Ruderparadies. An einer Stelle zwischen Fluss und Bundesstraße wehen fünf gelb-weiße Fahnen. Sie markieren, wo man hier gelandet ist: bei Gelita, einem deutschen Hidden Champion. Das Familienunternehmen macht rund eine Milliarde Euro Umsatz.Gelita: Das Gebäude wirkt von innen, als wäre es eben erst errichtet worden, dabei ist es mehr als 20 Jahre alt. Foto: Annika KeilenAn diesen Ort passt sie gut, die fast märchenhafte Erzählung, wie das Kollagen zu Gelita kam. Sie geht so: Ein Gelita-Mitarbeiter, Hobbyreiter und -leser, stieß auf naturheilkundliche Schriften von Hildegard von Bingen. Die Benediktinerin des Mittelalters riet, für Wachstum und Gedeihen, für Sehnen und Bänder eine Knochenbrühe einzunehmen. Der Mitarbeiter verstand, dass es sich hier eigentlich um Kollagen-Proteine handelte. Er gab diese seinen Pferden und bemerkte erhebliche Verbesserungen bei der Beweglichkeit.Das sei die Basis für spätere klinische Studien am Menschen gewesen, erzählt Marketingchef Michael Teppner. Gelita sei das erste Unternehmen gewesen, das die Wirkung von Kollagenpeptiden auf Gelenke, Knochen und Haut gezielt erforscht habe. „Damit wurde der Grundstein für den heutigen Erfolg der Kollagenpeptide in Eberbach gelegt“, sagt Teppner.
Kollagen-Hype: So wurde das Geschäft mit dem weißen Pulver zum Milliardenmarkt
Influencer preisen es für vermeintlich jüngere Haut, Start-ups verkaufen Kollagen im Abo. Den Ursprung des Hypes verbucht aber ein deutsches Familienunternehmen für sich. Ein Marketinglehrstück.






