Es war einmal ein glückliches Land, in dem die Sonne nie unterging. Es hieß Balkonien. Wir verraten nichts über es. Nur so viel: Die Neubauten waren weder schön noch günstig. Aber Balkonien hatte Balkone. Und die Balkonier (die Bewohner Balkoniens) liebten ihren Balkon. Sie liebten ihren Balkon so sehr, dass in vielen Städten jede neue Wohnung einen hatte. Und es waren große Balkone, die Balkonien baute: oft schon sechs Quadratmeter.Eines allerdings erstaunte die Balkonier selbst. Selten nur waren Balkonier auf ihren großen Balkonen zu sehen. In Zeitungen, in Interviews, auf Plattformen riefen die Mieter: „Wir lieben unseren Balkon.“ Und in Zeitungen, in Interviews, auf Plattformen riefen die Vermieter: „Sie lieben ihren Balkon.“ Aber die einen Balkonier waren tagsüber nicht zu Hause. Und die anderen Balkonier gingen einfach nicht auf ihren Balkon.Alle Balkonier wussten, dass Balkonier nicht auf ihren Balkonen saßen. Nur sprachen sie nicht so gern darüber. Balkone waren Ressourcen. Ach, wenn doch auf ihren Balkonen nur mehr Balkonier säßen. Es war Balkoniern ein Rätsel. Niemand konnte es lösen. Die Mieter konnten es nicht. Die Vermieter konnten es nicht. Die Politikerinnen konnten es nicht. Und auch die vielen Stadtplanerinnen und Immobilienfachleute konnten es nicht.Wohnungen in Dresden: Neue Balkone waren weder schön noch privat.dpaZu dieser Zeit arbeitete eine Praktikantin in der Stadt M, dem Sitz des Ministeriums für Balkone und heimliche Hauptstadt Balkoniens. Sie langweilte sich. Statt den neuesten Internetauftritt des Ministeriums zu redigieren, fiel ihr Blick auf die Häuser gegenüber. Und mit einem Mal sah sie: Neue Balkone waren weder schön noch privat. Sie hatten klobige, graue Geländerstreben in der Anmutung eloxierter Gefängnisgitter. Und sie waren gedankenlos arrangiert. Waren deshalb da kaum Balkonier zu sehen?Als Studierende der Immobilienwirtschaft wusste sie, dass es unschöne, unprivate Balkone mit grauen Gefängnisgittergeländern nicht geben durfte. Welcher Balkonier würde schon dafür zahlen? Aber sie fing an zu rechnen. Ein unschöner, unprivater Balkon kostete 10.000 Geldeinheiten. Zu einem Zins von vier Prozent und einer Laufzeit von 20 Jahren wollte die Bank monatlich 61 Geldeinheiten. Drei der sechs Quadratmeter des Balkons galten als Wohnfläche. Jeder musste 20 Geldeinheiten einspielen.Wie konnte das gelingen? Nach Büroschluss rief sie den Mietspiegel der Stadt auf. Dessen ortsübliche Vergleichsmiete lag selbst bei älteren Wohnungen schon fast bei 20 Geldeinheiten. Jetzt war alles ganz klar. Entwicklerinnen und Architektinnen bauten unschöne und unprivate Balkone, weil sich das gerade noch für sie lohnte. Und Balkonier bekamen unschöne und unprivate Balkone, die sie konsequent nicht nutzten, aber bezahlen mussten. Das balkonische Rätsel war gelöst.Bauen in Berlin: Gibt es Zuschläge für schöne Balkone?dpaOder vielleicht doch nicht ganz. Warum gaben sich Architektinnen und Ent- wicklerinnen Balkoniens so wenig Mühe mit ihren Balkonen? Unsere Praktikantin beschloss, schnell noch die Zuschläge des Mietspiegels für schön gestaltete, privat arrangierte, etwas teurere Balkone nachzuschlagen. Sie fing geduldig vorne an. Diese Zuschläge fand sie allerdings nicht. Gab es sie nicht? Wurden deshalb keine schönen, privaten Balkone gebaut? So sah es fast aus.Die Gedanken unserer Praktikantin flogen. Balkonien muss Balkone verbieten! 200.000 gestrichene Balkone jährlich gaben Ersparnisse von zwei Milliarden Geldeinheiten! Oder: Jeder Mieter sparte 61 Geldeinheiten im Monat! Ohne schöne und private Balkone zu verlieren! Schöne und private Balkone gab es auch bisher nicht. Und man denke an die Baukostenentlastung der Bauwirtschaft! Statt Balkonen baute die jetzt Wohnungen! Aufgeregt beschloss sie, der Ministerin für Balkone zu schreiben. Die Ministerin musste davon wissen!Aber während sie schrieb, ahnte sie schon die Antwort. Keine Ministerin für Balkone würde Balkone verbieten – schon gar nicht in Balkonien. Aber wie wäre es? Das war es. Der Luftbalkon. Ein Balkon, der keine Fläche hatte, aber mit zwei Quadratmetern zur Wohnfläche dazuzählte. Das ist ja wunderbar, rief am nächsten Morgen die Ministerin. Das ist ja wunderbar, riefen die Mieter. Und das ist ja wunderbar, riefen die Vermieter.Neubaugebiet in München: Wurde nichts mehr gebaut, was nicht im Mietspiegel stand?dpaDie Mieter wussten, dass sie weniger zahlen mussten. Die Vermieter verstanden, dass sie nur Luftbalkone bauen mussten. Die Ministerin für Balkone sah, dass sie Balkone nicht verbieten musste. Und die Praktikantin ahnte, dass Balkonien zwar nicht schön, aber doch weniger unschön würde. Schon bald würde sich das eine oder andere elegante (preiswerte) französische Fenster in die grauen, monotonen Neubauten Balkoniens schleichen.Doch über alles andere schwieg unsere Praktikantin. Denn ging es wirklich um Balkone? Welches Signal sandten die schweigsamen Mietspiegel Balkoniens an die engagierten Entwicklerinnen und Architektinnen Balkoniens? Wurde nur noch gebaut, was im Mietspiegel stand? Wurde nichts mehr gebaut, was nicht im Mietspiegel stand? Und was heißt das für Kosten und Preise des Wohnens?Die Praktikantin schob all das beiseite. Lieber freute sie sich, dass sich alle freuten. Und Balkonien durfte weiter Balkonien heißen!Der Autor des Gastbeitrags ist Professor für Stadtökonomie und Handelsimmobilien an der Universität Regensburg.