Als Takahiro Anno vor zwei Jahren in die Politik ging, startete er gleich mit einer kleinen technischen Revolution. Sein Wahlprogramm für den Gouverneursposten in der japanischen Hauptstadt Tokio stellte er nicht nur wie alle anderen auf Marktplätzen und in Social-Media-Videos vor. Der Ingenieur für Künstliche Intelligenz (KI) entwickelte vielmehr einen Online-Avatar von sich selbst, mit dem interessierte Wähler Tag und Nacht über seine politischen Ansichten sprechen konnten.Äußerlich glich die Mangafigur ihrem menschlichen Vorbild mit schwarzen langen Haaren und sanften Gesichtszügen. Inhaltlich war der Chatbot AIAnno vorher mithilfe von KI mit dem umfangreichen Wahlmanifest des jungen Japaners ausgebildet worden, sodass er politisch ganz in dessen Sinne antworten konnte.Annos Agenda lässt sich sehr kurz zusammenfassen: Er will mehr Künstliche Intelligenz für Japan. Seiner Ansicht nach lassen sich mit der neuen Technologie so gut wie alle großen Probleme des Landes lösen. Neue KI-gestützte Computerprogramme könnten die Politik effizienter machen, dafür sorgen, dass auch Randmeinungen in ausreichendem Maße berücksichtigt und Sozialleistungen gerechter verteilt werden. Nicht zuletzt könnten viele Arbeiten mithilfe von KI automatisiert werden, was den Fachkräftemangel in dem rasch vergreisenden Land abfedern ließe.Aus dem Stand 3,5 Millionen Stimmen erhaltenEin für viele Japaner schöner Nebeneffekt: Das Land müsste dann weniger Migranten aufnehmen, um wirtschaftlich stabil zu bleiben. Obwohl in dem Inselstaat auf 127 Millionen Einwohner gerade einmal 3,4 Millionen Ausländer kommen, zählten die Begrenzung der Einwanderung und eine schärfere Kontrolle der Migranten zuletzt zu den beliebtesten Wahlkampfthemen.Ohne Unterstützung durch eine Partei konnte Anno in der Gouverneurswahl 2024 aus dem Stand mehr als 150.000 Stimmen gewinnen. Das reichte in der Megametropole Tokio freilich nicht für den Spitzenplatz, brachte dem 1990 geborenen KI-Ingenieur und Science-Fiction-Autor aber erste nationale Bekanntheit ein. Im Mai 2025 gründete er die Partei Team Mirai, zu Deutsch Team Zukunft. Nur wenige Wochen später erlangte die neue Kraft in der landesweiten Oberhauswahl ihren ersten Platz im Parlament. Bei der Unterhauswahl im Februar dieses Jahres reichte es sogar schon für elf Sitze.In der 465 Sitze zählenden Parlamentskammer ist Team Mirai damit nur eine kleine Gruppe. Aber: „Das waren 3,5 Millionen Stimmen“, sagte Anno stolz, als er unlängst mit ausländischen Journalisten in Tokio sprach. Die Partei sieht den erweiterten Einsatz von KI als Schlüssel zu einer grundlegenden Erneuerung der japanischen Gesellschaft.Sie fordert die Aufnahme von mehr hoch qualifiziertem ausländischem Personal und gleichzeitig eine Verschärfung der Einreisebeschränkungen. „Japan hat eine lange Tradition, in Wissenschaft und Innovation Weltspitze zu sein“, sagt Anno. Um in der KI-Welt weiterhin vorn zu bleiben, müsse heute kräftig investiert werden, in KI-Rechenzentren, in die Automatisierung und die Forschung. Weniger Regulierung solle die Einführung neuer Technologien erleichtern.Nach den jüngsten Wahlerfolgen ist Anno überzeugt, dass immer mehr Menschen sich eine umfassende Reform der Politik wünschten. „Japan ist in der Lage, der Welt eine neue Form der Demokratie zu zeigen“, sagt Anno.Warnung vor „digitalem Kolonialismus“Doch die Forderungen nach einem „Digital Update“ für die Politik und die Sozialsysteme stößt auch auf Kritik. Manche Kommentatoren befürchten einen „digitalen Kolonialismus“ durch die großen Techkonzerne, die größtenteils in den Vereinigten Staaten oder anderen Ländern säßen: Der Gesetzgeber könne dann nur noch innerhalb eines Rahmens handeln, der durch eine von bestimmten Unternehmen definierte „KI-Verfassung“ autorisiert wird.Dass die amerikanische Regierung gerade das KI-Programm Mythos des Konzerns Anthropic für Ausländer sperrte, dürfte solche Bedenken noch bestärken. Als Grund für den Exportstopp von Mythos gelten dessen umfassende Möglichkeiten, Cyberangriffe durchzuführen. Anno sieht in dem Vorgang eher eine Bestätigung dafür, dass die japanische Regierung ihre KI-Fähigkeiten dringend ausbauen müsse.Andere Kritiker äußerten die Sorge, dass die von Anno aus Effizienzgründen geforderte Zusammenführung der staatlichen Systeme in eine KI-gestützte Software die Gefahr von Angriffen auf dieses Programm oder auch Betrug erhöhe. Der Team-Mirai-Chef hält dagegen: Je mehr Daten der Regierung über ihre Bürger zur Verfügung stünden, desto besser könne sie doch gegen Betrug in den Sozialsystemen vorgehen, sagt er.Als rechte Partei will sich Team Mirai nicht verstanden wissen. Im Gegenteil: Anno und seine Mitstreiter betonen, dass sie weder rechts noch links seien. Damit haben sie auch Wähler angesprochen, die von den Flügelkämpfen der etablierten Parteien genervt sind.Neben dem Fokus auf den technologischen Fortschritt sieht sich die Partei auch als Verfechter für soziale Gerechtigkeit und die junge Generation. „Viele junge Leute machen sich Sorgen um die wirtschaftlichen Belastungen der alternden Gesellschaft“, sagt Anno. „Die Einkommen der Menschen steigen nicht mehr, weil sie immer mehr für die Sozialversicherungen zahlen müssen.“Im jüngsten Wahlkampf setzte sich Team Mirai als einzige Partei nicht für die Senkung der Mehrwertsteuer ein. Stattdessen warb Anno für die Senkung der Sozialversicherungsbeiträge. Das würde schließlich die arbeitende Generation und auch die Menschen mit niedrigen Einkommen gezielter entlasten.
Japan: Diese Partei will Migranten durch KI ersetzen
Die aufstrebende Partei Team Mirai will mehr Künstliche Intelligenz für Japan. Sie soll auch die Zuwanderung begrenzen.














