AnalyseLindt & Sprüngli hat viel Arbeit vor sichDer Schokoladenhersteller kämpft mit der schwachen Kundennachfrage und verliert Marktanteile. 2026 muss er zeigen, dass der Balanceakt zwischen Volumenwachstum und Margenentwicklung gelingt. Dann sind die Voraussetzungen für eine weitere Erholung der Aktien gut.Wie viel darf Premiumschokolade kosten?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicht derart viel, so lautete die Antwort der Kunden auf die hohen Preise von Lindt & Sprüngli im Jahr 2025: Erstmals seit mindestens 2010 – mit Ausnahme der Covid-Pandemie – verkaufte das Unternehmen aus Kilchberg am Zürichsee weniger Schokolade als im Vorjahr. Davor hatte der Konzern gemäss einer Schätzung der Investmentbank Jefferies die Verkaufspreise seit 2021 kumulativ um 50% erhöht. Zuletzt wuchs er nur noch dank dieser Preisschritte.Mehr als ein Jahrzehnt lang entwickelten sich die Preise von Lindt in etwa parallel zur Teuerung, schreibt Jefferies. Gleichzeitig gelang es dem Unternehmen, in der Regel, schneller als der Markt zu wachsen. Der Nachfrageboom und die Inflation nach der Pandemie und der starke Anstieg des Kakaopreises ab Oktober 2024 infolge schlechter Ernten in Westafrika verleiteten das Management dann zu deutlicheren Preiserhöhungen. So konnte Lindt & Sprüngli die Marge in den vergangenen Jahren gar noch steigern.Für ein Premiumprodukt seien die Kunden bereit, einen Premiumpreis zu bezahlen, zeigte sich das Management rund um den exekutiven Verwaltungsratspräsidenten Ernst Tanner lange überzeugt. «Weniger, dafür bessere Schokolade», lautete die Losung.Preissenkungen kamen bei Investoren schlecht anNun aber ging diese Strategie wohl zu weit. Die Schwäche von 2025 setzt sich dieses Jahr fort, das Ostergeschäft soll geradezu deprimierend verlaufen sein, berichteten deutsche Detailhändler. Lindts Goldhasen blieben in den Regalen zurück. Das Unternehmen reagierte mit Preissenkungen von bis 20%; zuerst in Deutschland, dann in der Schweiz. Ein Schritt, den vor den Preisexzessen viele Analysten und Investoren für sehr unwahrscheinlich gehalten hatten.Hinzu kam der Krieg im Nahen Osten. Lindts Umsatzanteil in der Region ist laut CEO Adalbert Lechner sehr klein. Wesentlich stärker treffen den Konzern die indirekten Folgen des Konflikts, da sich die Zurückhaltung der Touristen auf das Geschäft an Flughäfen und in wichtigen Städtedestinationen auswirkt.Anlässlich der Präsentation des Gesamtergebnisses senkte das Management das Zielband für das organische Wachstum folgerichtig von 6 bis 8% auf 4 bis 6%. Das kam am Markt nicht gut an, die Aktien verloren deutlich. Seit dem Zwischenhoch Mitte Juni 2025 hatten die Partizipationsscheine teilweise rund ein Drittel an Wert verloren.«Lindt prognostiziert traditionell eher konservativ», relativiert Frank Pfeiffer, Portfoliomanager bei Tareno, die gedämpften Wachstumserwartungen. Den starken Kursrückgang hat er mit seinem Fonds Schweizer Aktienperlen deshalb zum Kauf genutzt. Als Katalysator für eine Trendwende beim Aktienkurs sah er zudem das Anfang Mai angelaufene Aktienrückkaufprogramm über 1 Mrd. Fr.Der Weg zurück zum einstigen Wachstums- und Profitabilitätsprofil dürfte aber harzig werden. Beispiele aus der Lebensmittelindustrie zeigen laut Jefferies, dass das Volumenwachstum nach solchen Perioden der Übertreibungen in der Regel nur auf Kosten von temporären oder gar langfristigen Margeneinbussen zurückkehrt.Die Wahrnehmung der Kunden ist entscheidend2026 ist ein Übergangsjahr. Doch muss sich bereits abzeichnen, dass es in die richtige Richtung geht. Die Wahrnehmung von Lindt bei den Kunden ist für die kommenden Monate entscheidend. «Das diesjährige Wachstum muss angesichts der Preissensibilität grösstenteils aus höheren Volumen stammen», sagt Pfeiffer. Er geht davon aus, dass sich die Konsumenten schrittweise an das höhere Preisniveau gewöhnen werden. Klar sei aber auch, dass Luxusprodukte wie teure Schokolade in einem Umfeld allgemein steigender Lebenshaltungskosten eher einmal im Regal liegen bleiben. Entsprechend wichtig für die Nachfrage ist die allgemeine Inflationsentwicklung.Die Aktienanalysten haben ihre Wachstumserwartungen für 2026 deutlich auf 4,7% reduziert. Wichtig ist, dass das Unternehmen mit den Zahlen für das erste Halbjahr (Präsentation am 21. Juli) in die Nähe kommt. In der zweiten Jahreshälfte wird die Vergleichsbasis einfacher: Zum Ende von 2025 hatte sich der Rückgang bei den verkauften Volumen beschleunigt.Regional dürfte das Wachstum vor allem von Nordamerika und den übrigen Weltregionen getragen werden, wie sowohl Bank of America als auch UBS erwarten. Dort wirken die im vergangenen Jahr eingeführten Preiserhöhungen erstmals über eine längere Periode, während sich der Druck auf die Absatzmengen dank einer einfacheren Vergleichsbasis in Grenzen halten dürfte.In Europa hingegen rechnen die Analysten mit einem leichten organischen Umsatzrückgang. Belastend wirken das schwache Ostergeschäft, die hohe Vergleichsbasis aus dem Vorjahr sowie insbesondere die schwache Entwicklung in Deutschland, dem wichtigsten europäischen Markt. Das markiert einen Bruch mit den vergangenen Jahren, in denen Europa zu den verlässlichsten Wachstumstreibern des Konzerns gehörte. Gleichzeitig zeigt sich, dass Lindt heute regional breiter diversifiziert ist.Ein Thema unter Analysten ist die zunehmende Verbreitung von Abnehmmedikamenten. Zwar sprechen klinische Studien dafür, dass diese den Appetit und den Konsum kalorienreicher Lebensmittel dämpfen. Ob dies Premiumschokolade nachhaltig belastet, ist bislang offen. Lindt selbst verweist auf US-Marktdaten, wonach GLP1-Nutzer zwar bewusster konsumieren, dafür aber häufiger zu hochwertiger Schokolade greifen.Lindts Rentabilität bleibt vergleichsweise hochDie Margenexpansion der vergangenen Jahre hat auch die Rentabilität befeuert. Entsprechend dürfte diese in den kommenden zwei Jahren leicht rückläufig sein. Zu diesem Schluss kommen die Analysten von Jefferies. Mit einem Einbruch ist aber nicht zu rechnen. Die Rendite auf das investierte Kapital von mehr als 14% spiegelt im Vergleich mit anderen Lebensmittelherstellern das Premiumprofil des Schokoladenherstellers.Entlastung gibt es von der Investitionsseite: In den Jahren 2022 und 2023 musste Lindt kräftig in die Produktionskapazität investieren, um der grossen Nachfrage gerecht zu werden. Dieser Zyklus ist beendet, bereits 2024 zeichnete sich ab, dass sich die Investitionen auszahlen.Lindts Erfolgsgeschichte war immer wieder ein Balanceakt zwischen Margen- und Volumenwachstum aber auch zwischen Rendite und Investition ins Geschäft. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es dem Unternehmen dank dynamischer Produktentwicklung immer wieder gelang, die Kunden zu überzeugen – zuletzt etwa mit der schnellen Einführung der Dubai-Schokolade.Das spiegelt sich auch im Auf und Ab des freien Cashflows. Spürbar war hier zuletzt zudem der Effekt der Rekordpreise für Kakao, der sich durch Absicherungsgeschäfte erst mit einiger Verzögerung auf das Umlaufvermögen auswirkt. Lindt & Sprüngli sichert den Rohstoffpreis jeweils für die kommenden zwölf Monate ab.Auch mit Blick auf die Inputkosten wird sich die Lage 2026 und 2027 zwar tendenziell entspannen; der Kakaomarkt hat sich zwischenzeitlich stabilisiert, und der abgesicherte Einkaufspreis sinkt derzeit. Kakao macht zudem nur einen kleinen Teil der Kosten aus. So wird aber ein Teil der Einsparungen auf der Rohstoffseite wohl direkt ins Marketing fliessen müssen, um zweifelnde Kunden zurückzugewinnen.Ein grosser Risikofaktor bleibt das Wetter, gerade angesichts der starken Konzentration des Anbaus in Westafrika. In den vergangenen Wochen sorgte die Angst, dass das Wetterphänomen El Niño die kommende Erntesaison (Oktober 2026 bis März 2027) beeinträchtigen könnte, erneut für einen steigenden Preis, nachdem dieser deutlich unter die Höchstwerte gefallen war.Laut Jörn Iffert, Aktienanalyst bei der Grossbank UBS, könnte das gar ein Vorteil für Lindt sein. Da viele andere, insbesondere Hersteller günstigerer Schokoladenprodukte, die Rohstoffkosten nur für kürzere Perioden absichern, würden in diesem Szenario die Schweizer dank ihrer längerfristigen Absicherungsgeschäfte und der guten Visibilität, was die Kosten angeht, relativ gesehen profitieren. «Dies dürfte die Wahrnehmung der Kunden hinsichtlich der Preise für Lindt-Produkte schrittweise etwas verbessern.»Eine andere Herausforderung bleibt: Ernst Tanner, Ex-CEO, heute exekutiver Verwaltungsratspräsident und seit über dreissig Jahren an der Spitze von Lindt & Sprüngli, wird Ende Juli 80 Jahre alt. Operativ führt zwar seit fast zehn Jahren nicht mehr er das Unternehmen, sondern erst Dieter Weisskopf, und heute Adalbert Lechner. Strategisch bleibt Tanner aber die prägende Figur. Angesichts seines Alters stellt sich zunehmend die Frage, wann Lindt den letzten Schritt der Entflechtung zwischen Unternehmensführung und dem Patron vollzieht.Die Aktien sind fair bewertet, es gibt aber mehrere TreiberMit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30 für 2026 und 29 für 2027 scheinen die Aktien im langfristigen Vergleich zwar günstig. Die Historie ist jedoch stark durch den Boom nach der Pandemie verzerrt.Auf dem gegenwärtigen Niveau reflektierten die Aktien laut den Analysten von Jefferies bereits Premiumrenditen. Um das zu rechtfertigen, müsse Lindt in den kommenden Jahren organisch um durchschnittlich 7% wachsen und eine Ebit-Marge von 17% erreichen. Dabei argumentieren sie, dass beides zusammen unwahrscheinlich ist: ein derart starkes Wachstum und ein weiterer Schritt bei der Profitabilität. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt man beim Blick auf das Verhältnis des freien Cashflows zum Unternehmenswert. Die Rendite beträgt gegenwärtig 3,6%.Aus Sicht von The Market ist mittelfristig ein jährliches operatives Wachstum innerhalb der Prognose von 6 bis 8% erreichbar. Der globale Schokoladenmarkt soll gemäss einer Studie des Researchunternehmens Mordor Intelligence in den kommenden Jahren um mehr als 5% jährlich wachsen, im Premiumbereich gar noch etwas schneller.Zudem ist dem Management zuzutrauen, dass der Balanceakt zwischen Volumenwachstum, Margenentwicklung und Verbesserung des freien Cashflows einmal mehr gelingt und Marktanteile (zurück)gewonnen werden können. Damit würde auch die aktionärsfreundliche Ausschüttung mit Aktienrückkaufprogrammen und der progressiven Dividendenpolitik weitergeführt.Rückenwind erhofft sich Fondsmanager Pfeiffer ausserdem von geopolitischer Seite: «Bleibt die Situation im Nahen Osten ruhig, dürfte sich dies positiv auf die Tourismusnachfrage auswirken.» Hinzu kommt der tiefere Ölpreis, der insbesondere im zuletzt schwachen Europa die Inflation dämpfen und damit die Kauflaune der Konsumenten stützen dürfte.Zum anderen verändert sich die Wahrnehmung der Aktien. In einem Umfeld, in dem Tech-Werte und Profiteure des KI-Trends gesucht waren, haben es Aktien wie jene von Lindt & Sprüngli schwer. Doch die Bewegung vergangene Woche hat gezeigt: Sobald Zweifel aufkommen, wie nachhaltig der KI-Boom ist, suchen Anleger Schutz in vernachlässigten Qualitätswerten. Und Qualität bringt Lindt mit.