Schwergewichtig und trotzdem leicht: Der Bachmann-Wettbewerb zeigt, wie man sich von der tagespolitischen Last grosser Themen befreitZum 50. Mal hat das berühmte Klagenfurter Lese-Unding stattgefunden. Keiner der Texte war wirklich schlecht, und Juroren-Hahnenkämpfe gab es auch.Paul Jandl28.06.2026, 16.50 Uhr4 LeseminutenIn einem zarten Furor erzählte Geschichte zweier adipöser junger Frauen: Lena Schätte, die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2026.Boris BreuerFrüher war alles besser. Auch das Schlechtreden. «Das Fürchterlichste, was es im Literaturgeschäft gibt, ist der Bachmann-Preis», schrieb der österreichische Philosoph Franz Schuh in den achtziger Jahren. Nicht ganz grundlos. Das Wettlesen von Klagenfurt war damals noch ein Aufmarschgebiet für die feuilletonistischen Lordsiegelbewahrer. Die Schriftsteller produzierten Texte, und die Juroren produzierten sich. Gleich im ersten Jahr, 1977, wurde die Schriftstellerin Karin Struck für ihren Beitrag von Marcel Reich-Ranicki abgekanzelt: «Das ist ein Skandal, wie sie schreibt. Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fünfzig Mal hat das Klagenfurter Lese-Unding jetzt stattgefunden. Die Juroren kommen heute nicht mehr in Richterroben daher, und die qualitative Kriminalitätsrate unter den Texten ist deutlich gesunken. Nach fünf Tagen und achtzehn Stunden hitzetriefendem 3sat-Live-Fernsehen stand diesmal fest: Da wurde nichts wirklich Schlechtes gelesen.Dicksein als SelbstermächtigungZumindest bei den Preisträgern hat die Literatur einen Handlungsort gefunden, der gleichermassen mit gesellschaftlichen Wirklichkeiten verbunden ist, wie er ein freies ästhetisches Spiel ermöglicht. Klagenfurt ist kein Engagement-Contest mehr, wie in den letzten Jahren auch schon. Hier ächzt nichts unter der Last der Themen, obwohl sie schwer genug sind. Den Ingeborg-Bachmann-Preis hat man zu Ehren des 100. Geburtstags der Dichterin auf 30'000 Euro erhöht. Er geht an die 1993 in Lüdenscheid geborene Lena Schätte. Einen Roman gibt es bisher von ihr («Das Schwarz an den Händen meines Vaters», 2025), und es hat ihr als Schriftstellerin wohl nicht geschadet, Psychiatriekrankenschwester gewesen zu sein.Ihr Text «Was wir tragen» ist die Geschichte zweier adipöser junger Freundinnen, und sie ist in einem zarten Furor erzählt. Zwischen Sinnlichkeit und Brutalität. Von der «Ambivalenz des Opferdaseins» spricht der Juror Thomas Strässle, der Schätte nach Klagenfurt eingeladen hat. Das Dicksein ist bei Schätte nicht nur ein physisches oder psychosomatisches Symptom, sondern auch eine Metapher der Selbstermächtigung. Indem die Ich-Erzählerin buchstäblich über die eigene grausame Mutter hinauswächst, entgeht sie ihren Schlägen.«Was wir tragen» ist ein grandioser, in feinen Schichten aufgebauter Empathie-Text, der dennoch jeden Kitsch vermeidet. Da ist die fürsorgliche Zweckgemeinschaft zweier schulischer Aussenseiterinnen, aber da sind auch ausgeklügelte Rachephantasien: Es der Welt heimzahlen, als wäre das alles ein böses Märchen. Das ist hoch literarisch, und mit dem Begriff «Unterschichtsgeschichte», den die Jurorin Mara Delius eingebracht hat, nicht annähernd beschrieben.Der zweite wirklich gute und in Klagenfurt mit dem KELAG-Preis ausgezeichnete Text kommt von der gebürtigen Ungarin Kinga Toth. Es ist ein vielstimmiges und witziges Grenzland-Grusical mit dem Titel «OstblockMädl». Eine abgründige Sprachsymphonie, die von der Autorin auch mit allen möglichen Klangeffekten vorgetragen wird. Das Ungarische ist die Kammermusik der Sprachen. Das kommunikative Instrumentarium ist begrenzt, weil es so wenige Sprecher gibt, aber genau deshalb gibt es den Drang nach draussen. Oder ist es ein Zwang?Vielstimmiges und witziges Grenzland-Grusical: Autorin Kinga Toth.Verena MayrhoferÜber die Epochen hinweg, vom Habsburgerreich über den Fall des Eisernen Vorhangs bis in die Gegenwart, erzählt Kinga Toth von kulturellen Nachbarschaftsverhältnissen. Von Stolz und Anpassung, von arbeitsmigrantischen Demütigungen und der Sehnsucht nach Europa. Pathetischeres hätte man über den Bachmann-Wettbewerb vielleicht gar nicht sagen können, als es die Schriftstellerin in Klagenfurt tat. Mit ihrer Einladung hierher sei sie endlich in der deutschen Sprache angekommen.Heiligkeit und HandgreiflichkeitDer Deutschlandfunk-Preis ging diesmal an Ozan Zakariya Keskinkilic für eine Geschichte über einen schwulen Vater, dem der kleine Sohn abhandenkommt, während er sich für junge Männer interessiert. Symbole der Heiligkeit und eine handgreifliche Erotik durchziehen dieses Stimmungsbild. Deutlich abgedunkelter geht es in Magdalena Schrefels Brustkrebs-Text zu, der den 3sat-Preis bekam. Der Publikumspreis ging auch an Lena Schätte.Und sonst? Alles da. Surreale Selbstbespiegelungen der Hauptfiguren. Flecken, die plötzlich zu Katastrophen führen. Einmal ein Schimmelfleck an der Wand (Fiona Sironic), einmal Blutschwamm in Gesicht (Kurt Prödel). Bei Jovana Reisinger wird eine ganze Familie von einer rätselhaften Todesserie dahingerafft, bis die Ich-Erzählerin ein Problem hat: Viel Erbmasse, aber innerliche Leere. Carolin Rosales klärt über den «Female Gaze» auf, indem sie eine Callboy-Geschichte erfindet.Literaturbetriebssatiren gibt es von Wolfgang Popp und Slata Roschal. Die Schweizerin Seraina Kobler paraphrasiert Max Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän». Ein Gebirgstal, eine Heimkehr, viel Geraune. Wenig Zuspruch aus der Jury. In der Jury ist es manchmal doch wie früher. Hahnenkämpfe der grössten Selbstdarsteller. Klaus Kastberger gegen Philipp Tingler. Brutal ist das nicht. Höchstens peinlich.Passend zum Artikel