PfadnavigationHomeGesundheitDialyse und Organspende„Wir sehen jeden Tag, welche Schäden spät entdeckte Nierenkrankheiten haben“Stand: 15:07 UhrLesedauer: 4 MinutenQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/SEBASTIAN KAULITZKI/SCIENCE PHOTBei Nierenkrankheiten bleibt am Ende oft nur die Dialyse oder eine Transplantation. Eine frühzeitige Diagnose könnte schwere Verläufe verzögern oder sogar vermeiden – und das Gesundheitssystem an anderer Stelle entlasten.Chronische Nierenerkrankungen beginnen häufig unbemerkt. Und genau darin liegt ihr Risiko: Wenn Betroffene Beschwerden entwickeln, ist die Erkrankung oft schon weit fortgeschritten. Forscher des Universitätsklinikums Freiburg haben nun Blut- und Urinproben von insgesamt 230.000 Erwachsenen ausgewertet, wie sie in der Fachzeitschrift „Deutsches Ärzteblatt“ berichten.Bei vielen Teilnehmern fanden die Forscher Hinweise auf eine eingeschränkte Nierenfunktion oder eine Nierenschädigung, ohne dass den Betroffenen eine entsprechende Diagnose bekannt war. In der Teilgruppe mit Urinuntersuchungen hatten 6213 von 35.461 Teilnehmern einen oder mehrere auffällige Werte. Das entspricht 17,5 Prozent, also etwa jeder sechsten Person. Doch nur rund vier Prozent der Betroffenen berichteten, dass bei ihnen eine passende ärztliche Diagnose gestellt worden sei. Auch bei den Blutuntersuchungen zeigte sich eine deutliche Lücke. Rund 5000 von 195.000 Teilnehmern hatten auffällige Werte der Nierenfunktion, aber nur 875 von ihnen gaben an, von einer entsprechenden Diagnose zu wissen. Lesen Sie auchDie Analyse erfolgte im Rahmen der sogenannten Nako-Bevölkerungsstudie, der bislang größten Langzeituntersuchung, mit dem Ziel, die Ursachen von Volkskrankheiten zu verstehen und die Vorbeugung zu verbessern. Jan Halbritter, Professor für Nephrologie am Universitätsklinikum Freiburg, sieht die aktuelle Untersuchung als Beleg für eine mangelhafte Situation im Bereich der Nierengesundheit: „Wir sehen jeden Tag in der Klinik, welche Schäden spät entdeckte Nierenkrankheiten haben.“ Die Ursachen müssten möglichst frühzeitig aufgedeckt werden, um einen Patienten spezifisch behandeln zu können. Lesen Sie auchNieren filtern nicht nur Abfallstoffe aus dem Blut. Sie regulieren den Wasser- und Salzhaushalt eines Menschen, beeinflussen seinen Blutdruck und spielen über die Bildung des Hormons Erythropoetin sowie die Aktivierung von Vitamin D eine wichtige Rolle bei Blutbildung und Knochenstoffwechsel. Lesen Sie auchWerden chronische Schäden nicht erkannt, kann die Nierenfunktion über Jahre zunächst unbemerkt abnehmen. Wird dann eine Diagnose gestellt, bleibt für manche Patienten als Therapie nur noch eine Dialyse oder eine Transplantation. Damit berührt die aktuelle Studie ein weiteres Problem des deutschen Gesundheitssystems: den Mangel an Spenderorganen.Schon heute stehen in Deutschland deutlich mehr Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan, als tatsächlich verfügbar sind. Anfang Januar 2026 waren es nach Angaben des Portals organspende-info.de rund 8200; die meisten von ihnen warteten auf eine Niere. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland insgesamt knapp 4000 Organe transplantiert.Die Niere ist dabei das zentrale Organ der Transplantationsmedizin. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) entfällt nahezu die Hälfte aller Organtransplantationen in Deutschland auf die Nieren; Ende 2025 warteten mehr als 6200 Menschen auf eine Spenderniere. Für Betroffene bedeutet das oft jahrelange Abhängigkeit von der Dialyse. Diese kann die Nierenfunktion aber nur teilweise ersetzen und ist auf Dauer mit erheblichen Belastungen verbunden.Warnzeichen werden übersehenDie Studie der Freiburger Forscher zeigte nun, wie wichtig es ist, chronische Nierenerkrankungen frühzeitig zu erkennen. Nicht jede auffällige Messung bedeutet bereits eine chronische Erkrankung. Doch viele mögliche Warnzeichen werden von den Betroffenen oft nicht wahrgenommen oder nicht konsequent weiterverfolgt.Bessere Früherkennung könnte deshalb doppelt wirken. Sie könnte einzelnen Patienten helfen, rechtzeitig behandelt zu werden – etwa durch Blutdruckkontrolle, Diabetesbehandlung, nierenschützende Medikamente oder Vermeidung nierenschädlicher Substanzen. Gleichzeitig könnte sie langfristig den Druck auf die Transplantationsmedizin mindern. Wenn weniger Menschen ein terminales Nierenversagen entwickeln oder dieser Zeitpunkt um Jahre hinausgezögert wird, könnte auch die Zahl derjenigen sinken, die einmal auf eine Spenderniere angewiesen sind. Die aktuelle Analyse hat diesen Effekt zwar im Detail nicht untersucht; sie liefert aber Hinweise auf eine relevante Versorgungslücke.Professorin Anna Köttgen, Direktorin des Instituts für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg, spricht von Hinweisen auf Nierenerkrankungen bei einem erheblichen Teil der Studienteilnehmer. Das könne auf Defizite bei der Früherkennung oder schlechte Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten hindeuten. Eine einmalige Messung reiche noch nicht für eine Diagnose. Entscheidend ist, ob aus auffälligen Werten weitere Diagnostik, verständliche Aufklärung und eine wirksame Behandlung folgen.dia
Dialyse und Organspende: „Wir sehen jeden Tag, welche Schäden spät entdeckte Nierenkrankheiten haben“ - WELT
Bei Nierenkrankheiten bleibt am Ende oft nur die Dialyse oder eine Transplantation. Eine frühzeitige Diagnose könnte schwere Verläufe verzögern oder sogar vermeiden – und das Gesundheitssystem an anderer Stelle entlasten.
Eine Studie mit 230.000 Teilnehmern zeigt, dass 17,5% eine Nierenschädigung aufweisen, davon aber nur 4% diagnostiziert wurden. Früherkennung könnte Dialysebedarf reduzieren und die Warteliste für Transplantationen entlasten (8.200 Patienten in Deutschland).








