Marco Fuchs hat noch einiges vor. Am Montag wird Deutschlands wichtigster Raumfahrtmanager 64 Jahre alt, doch die Rente ist für ihn derzeit kein Thema. „Wissen Sie, ich habe mein ganzes Berufsleben in der Raumfahrt verbracht. Jetzt habe ich den größten Boom, den wir je hatten. Diesen Boom will ich mitmachen“, sagt Fuchs im Gespräch mit der F.A.Z.Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert führt Fuchs das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB. Von seinen Eltern Anfang der Achtzigerjahre gegründet, ist aus einer Technikstube mit der Zeit ein börsennotierter Hochtechnologiebetrieb geworden. Im Satellitenbau in Europa spielt das Unternehmen vorn mit. Sowohl für zivile Systeme wie Galileo als auch militärische Systeme wie SARah kamen Satelliten aus Bremen. Diese Fähigkeiten machen OHB jetzt, wo Europa und insbesondere Deutschland ihre Weltraumausgaben stark erhöhen, zu einer gefragten Adresse.Mit einem Jahresumsatz von rund 1,2 Milliarden Euro und knapp 3800 Beschäftigten haben die Bremer nicht die Größe der europäischen, aus Frankreich gesteuerten Konkurrenten Airbus und Thales Alenia Space (TAS) – und Elon Musks mit rund zwei Billionen Dollar bewerteter SpaceX-Konzern schwebt ohnehin in anderen Sphären. OHB ist aber genauso Systemhaus, also in der Lage, Satelliten von A bis Z zu entwickeln und zu bauen. Das gilt auch für Nutzlasten, Raketenkomponenten, Bodensegmente sowie Dienste, um Weltraumsysteme zu nutzen.Durch Deutschlands Erwachen im All – 35 Milliarden Euro will die Bundesregierung bis zum Jahr 2030 für militärische Weltraumtechnik ausgeben – ist der OHB-Vorstandsvorsitzende zuversichtlich, in den kommenden Jahren stark zu wachsen. „Wir bauen weitere Standorte auf. Für die Bundeswehr-Programme werden wir noch einen weiteren Standort aufbauen. Wir wollen das Raumfahrtunternehmen Europas sein“, sagt Fuchs.Nun wendet sich das BlattEine Kapitalerhöhung soll den Wachstumskurs unterstützen. Dafür läutete Fuchs am Freitag auf dem Frankfurter Parkett die Börsenglocke. Etwas mehr als eine halbe Milliarde Euro frisches Geld erwartet er, indem neue Aktien an neue und bestehende Aktionäre verkauft werden. Die amerikanische Private-Equity-Gesellschaft KKR, die vor zwei Jahren rund 29 Prozent der OHB-Anteile erworben hatte, soll fortan nur noch 20 Prozent halten. Mehrheitsaktionärin bleibt die Familie Fuchs mit mehr als 60 Prozent.Fuchs gehört in der Raumfahrtszene nicht zu denen, die nur mit Fachbegriffen um sich schmeißen. Sein Werdegang ist auch nicht der von jemandem, der von klein auf nur Raketen und Satelliten im Kopf hatte. In Hamburg geboren, studierte Fuchs nicht wie sein Vater Manfred Luftfahrttechnik, sondern Rechtswissenschaften und war nach der Referendarzeit zunächst als Anwalt in Hamburg tätig. Nach der Zulassung als Attorney at Law arbeitete er für die US-Großkanzlei Jones Day in New York und später in Frankfurt. Erst 1995 kehrte Fuchs nach Bremen zurück und stieg im elterlichen Betrieb als Prokurist ein.Bis vor Kurzem ging bei dem Familienunternehmen nicht gerade die Post ab. Bis Anfang 2025 dümpelte sein Börsenwert bei weniger als einer Milliarde Euro vor sich hin. Über Jahrzehnte galt der Weltraum in Deutschland als Nischendomäne, ganz anders als in Frankreich mit seinem Weltraumbahnhof in Guayana, seiner Federführung bei den Ariane-Raketen und seinem Stolz auf die eigene Luft- und Raumfahrtindustrie.Nun aber wendet sich das Blatt. Deutschland will nicht nur zu Land und See, sondern auch in der Luft und im All massiv aufrüsten. OHB macht das zu einem Schlüsselakteur. Der Börsenwert war im Mai auf mehr als elf Milliarden Euro gestiegen. „Deutschland hat die ökonomischen Möglichkeiten und will gestalten. Deutschland will Verantwortung übernehmen“, sagt Fuchs. Betrugen die militärischen Weltraumausgaben zuvor nicht einmal eine Milliarde Euro im Jahr, sollen es nun um die sieben sein. Das führe „natürlich zu einer Verschiebung der Kräfte, denn Frankreich gibt weniger aus“.„Die Hubschrauber gehören doch auch der Bundeswehr“Fuchs weiß um die kritischen Reaktionen, die Deutschlands massive Aufrüstung auf der anderen Rheinseite mitunter hervorruft. In Frankreich sieht man eine wachsende Tendenz zu Alleingängen. Das gilt für die militärische Luftfahrt, wo Berlin bei FCAS dem deutsch-französischen Kampfflugzeug den Stecker gezogen hat. Das gilt aber für die Raumfahrt, wo es mit SATCOMBw 4 eine rein deutsche Satellitenkonstellation für die militärische Kommunikation geben soll – obwohl mit IRIS2 schon eine europäische Satellitenkonstellation für Kommunikation geplant ist.„SATCOMBw 4 und IRIS2 werden interoperabel sein“, erklärt Fuchs und stellt klar, dass das deutsche Projekt kein Alleingang sei. Es handele sich um „heterogene Konstellationen, die zusammenwirken werden“. Und IRIS2 sei nun mal vom französischen EU-Kommissar Thierry Breton als eine privatwirtschaftliche Lösung strukturiert worden, mit den Unternehmen Eutelsat (Frankreich), Hispasat (Spanien) und SES (Luxemburg) als Konsortialpartner. „Das kann doch nicht für militärische Dinge eine Lösung sein“, sagt Fuchs. Man könne nicht ausschließlich mit privatwirtschaftlichen Betreibern militärische Infrastrukturen aufbauen. „Die Hubschrauber gehören doch auch der Bundeswehr, da sagt man auch nicht: Miete ich mir eben bei einem kommerziellen Betreiber“, so Fuchs.Kritik an der deutschen Aufrüstung weist der OHB-Vorstandsvorsitzende im Gespräch dezidiert zurück. „Die europäische Raumfahrt würde ohne Frankreich gar nicht existieren. Frankreich hat die europäische Raumfahrt aufgebaut, geführt und immer am meisten investiert“, ist Fuchs wichtig zu betonen. Aber jetzt investiere eben Deutschland mehr. „Das ist eine Riesenchance, was ist daran uneuropäisch?“, so Fuchs. „Das schützt doch Europa. Das verbessert doch in der Gesamtheit die europäischen Fähigkeiten.“Deutschland habe sich aus einer intensiver empfundenen Bedrohungssituation heraus zur Aufrüstung entschieden, lautet Fuchs’ Diktum. Das tue man nicht, weil man Frankreich die Führung wegnehmen wolle. „Es ist ja offensichtlich so, dass die Verteidigungsquote der Ausgaben von Ost nach West abnimmt“, sagt er. Das habe Folgen für die Priorisierung von Vorhaben. „Deutschland und Europa haben einen unglaublichen zeitlichen Druck und müssen bis 2029 etwas haben. Jetzt gucken Sie sich FCAS an, jetzt gucken Sie sich IRIS2 an, das sind doch keine Vorbilder für zeitkritische Realisierung“, merkt er an.„Wer zahlt, schafft an“Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass von Deutschlands 35 Milliarden Euro für die militärische Raumfahrt ein beträchtlicher Teil OHB zufließt. Für das allein bis zu zehn Milliarden Euro teure Vorhaben SATCOMBw 4 hat sich das Unternehmen gerade mit Rheinmetall verbündet. Geplant ist eine dreistellige Zahl an Satelliten im erdnahen Orbit, die Auftragsvergabe wird Richtung Jahresende erwartet. In der Raketenentwicklung wiederum mischt OHB über seine Tochtergesellschaft Rocket Factory Augsburg (RFA) mit. „Dass Deutschland eigene Raketen baut mit Isar Aerospace, RFA und Hyimpulse, das wäre vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen“, sagt Fuchs.Der Raumfahrtmanager spricht von einer „Emanzipation“. Deutschland baue jetzt Raketen und möchte nicht nur immer Juniorpartner sein. „Die Zeiten haben sich geändert“, konstatiert Fuchs. „Deutschland ist nach meiner Beobachtung nicht auf dem Weg, zu sagen, wir machen alles selber. Aber bei der Konzeptionierung wollen wir mitgestalten“, sagt er.„Ich glaube, dass es am Ende auch viel französischen Return gibt und französische Zulieferer dabei sein werden“, beschwichtigt Fuchs in Richtung Paris. „Aber es kann ja nicht sein, dass Deutschland bezahlt und dann nicht führt. Wer zahlt, schafft an, so ist die Welt doch“, betont er. Auch in Frankreich gebe es eine Präferenz der nationalen Beschaffung.Ganz harmonisieren lassen sich die Sichtweisen und Interessen zwischen Deutschen und Franzosen nicht, das weiß auch Fuchs. Das gilt auch für die Frage, wie viel Konkurrenz es auf dem Satellitenmarkt überhaupt geben soll: Während Airbus und TAS mit Unterstützung aus Paris und Rom dabei sind, ihr Satellitengeschäft unter dem Projektnamen Bromo zu fusionieren, sieht man die Konsolidierung in Deutschland und bei OHB kritisch.„Monopolisierung in der Lieferkette“„Ich finde Bromo problematisch“, sagt Fuchs unumwunden. Er verstehe die Gründe aus Konzernsicht. „Aber es ist doch nicht gut für die europäischen Steuerzahler, wenn es nur noch zwei Systemhäuser gibt“, betont er. Angesichts des derzeitigen Booms sei die Idee „aus der Zeit gefallen“. Und das Argument, dass es einen europäischen „Champion“ brauche, um SpaceX Paroli zu bieten, will er nicht gelten lassen. „SpaceX verfolgt doch gar nicht das Geschäftsmodell, Satelliten ins Ausland zu verkaufen“, sagt er. Es gebe keinen offenen, globalen Satellitenmarkt.Die allergrößte Nachfrage nach Raumfahrt in Europa sei „auf die eine oder andere Art und Weise staatlich“. Deshalb hätten im Grunde doch alle Interesse daran, dass es Wettbewerb auf der Angebotsseite gebe. „Als OHB fühlen wir uns durch diese Monopolisierung in der Lieferkette bedroht“, erklärt Fuchs mit Blick auf Bromo. Er erwartet, dass die EU-Kommission diese Bedenken in der laufenden wettbewerbsrechtlichen Prüfung berücksichtigt.Wie auch immer das in den kommenden Wochen erwartete Ergebnis der Brüsseler Prüfung lautet: OHB dürfte Deutschlands „Champion“ in der Raumfahrt bleiben – mit Fuchs an der Spitze. Sein Sohn Konstantin, Jahrgang 1997, hat vor ein paar Wochen in der M&A-Abteilung angefangen. Er könnte OHB eines Tages in dritter Generation führen. Noch aber ist das Zukunftsmusik, noch hat der Vater kein Interesse am Ruhestand. Die Vorschläge der Rentenkommission gingen ja in Richtung Rente mit 68,5 Jahren. „Das ist so eine Zahl, die auch ich mir vorstellen kann“, sagt Fuchs.
OHB-Chef: „Deutschland möchte nicht nur immer Juniorpartner sein“
Deutschland rüstet stark auf, auch im All. Das Bremer Unternehmen OHB macht das zu einem Schlüsselakteur. Dessen Chef äußert sich auch zur Kritik der Franzosen.
OHB profitiert von Deutschlands Rüstungs-Pivot: 35 Mrd. € für Militär-Space bis 2030 (vs. <1 Mrd.); Börsenwert von <1 auf 11 Mrd. € gesprungen. Signal für Manager: Deutschland schafft Space-Unabhängigkeit von Frankreich; ~500 Mio. € Capital Increase finanziert Bundeswehr-Kapazitäten.









