Arnold Gehlen hat sich 1957 noch um „die Seele im technischen Zeitalter“ sorgen können. Glückliche Tage! Der Anthropologe und Soziologe stellte sich den Menschen bekanntlich als Laune der darwinschen Evolutionsbiologie vor: als ein „Mängelwesen“, das kraft seiner natürlichen Anpassungsschwächen von Anfang an zu Kompensationsleistungen verdammt war, das sich Kultur und Technik wegen einer unzureichenden Ausstattung seiner Instinkte, Organe und Körper Kultur aneignen musste – um zu überleben.Dabei versprach die Technik den Menschen von Anfang an größere Erfolge bei kleinerer Anstrengung, „und schon der roheste Faustkeil aus Feuerstein“, so Gehlen, trug „dieselbe Zweideutigkeit in sich“ wie die Atomenergie: „Er war ein brauchbares Werkzeug und zugleich eine tödliche Waffe.“Gehlen hat damals nicht immer ganz trennscharf unterschieden zwischen „Ergänzungstechniken“ (Waffen, Feuer), „Verstärkertechniken“ (Hammer, Mikroskop, Telefon) und „Entlastungstechniken“ wie dem Rad (oder auch Institutionen) – und sah zum Beispiel im Flugzeug alle drei Anthropotechniken mustergültig repräsentiert: Das Flugzeug ersetzt uns nicht gewachsene Flügel, überbietet alle muskelkraftbasierten Flugleistungen der Natur und erspart unserer Fortbewegung jegliche Mühe.Das Humane ist bedrohtGehlen erkannte an, dass neue Technologien Handlungsenergien freisetzen, sorgte sich aber, dass Automatismen, serielle Produktionen und maschinelles Arbeiten die Menschen vermassen, verkümmern, seelisch verarmen, von sich selbst entfremden könnten: ein gängiger Topos aller Technologie- und Fortschrittskritik seit Karl Marx und Max Weber.Mit der Entwicklung Künstlicher Intelligenz ist nun allerdings etwas kategorial Neues ins Spiel gekommen. Bedroht ist nicht mehr nur unser Seelenfrieden. Sondern überhaupt das Humane. Sprachmaschinen dringen ins Innerste dessen vor, was den Menschen als Menschen auszeichnet: in seine Sprache, sein Denken, sein Sein.Künstliche Intelligenz verspricht, uns kognitiv zu entlasten, uns auch das Wägen, Überlegen, Reflektieren und Entscheiden zu ersparen. Und insofern KI Verstandesleistungen auslagert und Vernunft simuliert, das Lesen, Schreiben, Planen, Entwerfen und Konzipieren automatisiert, das Erlernen, Aneignen und Einordnen von Wissen standardisiert, sich uns als Berater, Ideenkurator, Personal Assistant und Creative Director empfiehlt – insofern ist KI eben nicht nur eine neue Medientechnologie, sondern auch das Objekt-Subjekt einer gegenaufklärerischen Konterrevolution.Sie nimmt uns Kants „Sapere aude!“ von den Schultern und droht uns die Kraft abzutrainieren, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen.Stellenstreichungen Frisst die KI-Revolution ihre Ingenieure? Techunternehmen wie DeepL und Cloudflare, aber auch die Commerzbank wollen Mitarbeiter durch KI ersetzen. Müssen nun ausgerechnet die Menschen die KI fürchten, die sie großgemacht haben? von Andreas MennKein Geringerer als Mario Voigt hat dafür den initialen Beweis angetreten. Der thüringische Ministerpräsident hat sich zum Jahrestag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz von einer Sprachmaschine anlasserforderliche Betretenheit ins Manuskript diktieren lassen und der Öffentlichkeit hernach bedeutet, sie auch künftig mit Produkten ausgestellter Kopflosigkeit versorgen zu wollen.Und es ist Voigt zu danken, dass er die Praxis einer mathematischen Textgenerierung in seinem Haus, die allein das statistisch Wahrscheinliche für angemessen hält und semantische Felder rein rechnerisch beackert, ausgerechnet ins schöne Bild einer Enthauptung gefasst hat: Er werde jetzt und auch in Zukunft ganz sicher „keinem den Kopf abreißen“, so Voigt, der sich beim Verfassen eines Textes von einer KI zur Hand gehen lasse.Gewiss doch. Welchen Kopf auch?Speziell die Verlage, so die These, müssen möglichst klare Grenzen der KI-Nutzung im Informationshandel ziehen, um als „vierte Gewalt“ kein symbolisches Kapital zu vernichten, kein (weiteres) Vertrauen der ‚Öffentlichkeit‘ in die Seriosität publizistischer Quellenarbeit zu verspielen.Wird Denken zu einem Luxusgut?Diesmal soll es kurz um die wichtigste gesellschaftliche Nebenfolge der jüngsten Medienrevolution gehen, genauer: um die „Veränderung des Maßstabs, Tempos und Schemas“, die nach dem Radio, Fernsehen, Internet und den Sozialen Medien jetzt Sprachmaschinen „in menschliche Angelegenheiten einführen“ (Marshall McLuhan, 1964).Es geht darum, die Form und Struktur der „Large Language Models“ zu verstehen, die unsere Art zu leben, denken und handeln radikal umbilden und neu disponieren.Marshall McLuhan ist dafür immer noch ein guter Ausgangspunkt. Übrigens auch in Roberto Simanowskis „Sprachmaschinen“. Neun Monate ist das Buch nun schon alt, eine halbe Ewigkeit im KI-Zeitalter. Aber was Besseres als diese anspruchsvoll leichte „Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ bekommen Sie nicht zu lesen.Das liegt auch an der rhetorischen Sonderbegabung des Autors. Wenn ein Sprachkönner wie Simanowski die Chancen, Risiken und Umcodierungen der jüngsten Medienrevolution wägt, ist das geschliffene Wort immer auch ein listig mitlaufender Kommentar zur Frage, wie viel kognitiven Souveränitätstransfer wir uns leisten wollen.Wird Denken also zu einem bloßen Luxusgut, weil KI uns genau dabei entlastet? Für Simanowski rührt die Frage an den Wesenskern des Menschen, hat die Antwort den Rang einer (Über-)Lebensaufgabe.Papst-Enzyklika Gibt es Gott? KI: Diese Frage ist mir zu kompliziert Der Vatikan fordert, KI klar zu beschränken. Jetzt erklärt der Chef des Bunds Katholischer Unternehmer, wie bedeutsam diese Maßgabe für ihn ist – und wann er KI vertraut. von Thomas KuhnArgumentieren, interpretieren, diskutieren, philosophieren, sich in Skepsis üben, eine Kultur des Folgerns und Urteilens pflegen, Umwege lieben und natürlich der Verlockung kognitiver Abkürzungen widerstehen, das gelte es jetzt zu sichern, eine „Lust am Denken“, eine „Sprengung im Hirn, ein Kichern im Kopf“, so Simanowski, das große Erbe der Aufklärer und Romantiker verteidigen: „Subjekt bleiben, Subjekt unseres Lebens“ – und „Subjekt unserer Sprache“ natürlich, die er mit Martin Heidegger würdigend verteidigt und verteidigend würdigt als „Heimstatt des Seins“.Aber ist das nicht alles etwas hochgehängt? Zu viel Kulturpessimismus im Philosophiehimmel? Zu wenig Vertrauen in die menschliche Fähigkeit, auch diesmal dieselben Risiken einhegen zu können, die sie am laufenden Band maximiert? Nein, ist es nicht. Von Marshall McLuhan stammt der Satz: „Das Medium ist die Botschaft.“ Er meinte damit, dass Bücher, Radios und Fernseher nicht nur Informationen vermitteln, sondern dass jedes neue Medium gesellschaftlich wirkmächtig ist und kulturprägende Folgen hat, die Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern auch eine neue Realität schafft – auf Kosten ehemals geschätzter Kulturtechniken, Medien und Kompetenzen.Wir können seit der Einführung der Schrift überall die Gedanken eines anderen Menschen nachvollziehen, sie jederzeit prüfen, noch im Abstand von Jahrzehnten Einwände erheben; aber die Spontaneität, Geistesgegenwart und Gedächtnisleistungen des Mediums Mündlichkeit braucht es nicht mehr. Oder nehmen wir ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Seit der Erfindung des Fernsehens und der sozialen Medien sind Politiker, auch andere Personen des öffentlichen Lebens, vor allem Bühnenmenschen, die sympathisch erscheinen und ‚gut rüberzukommen‘ müssen; die klügsten Parlamentsreden müssen sie dagegen ganz gewiss nicht mehr halten.Für McLuhan war die Sache daher klar: Jede mediale Erweiterung des Menschen geht mit Verlusten einher – korrespondiert mit einer Amputation. Und weil unsere künftige Kultur von einer Technologie geprägt sein wird, die große Teile des menschlichen Denkens übernimmt, kann KI als eine Technologie zur Amputation des Gehirns verstanden werden. Sehr zu Recht rät Simanowski in diesem Zusammenhang zur Re-Lektüre Hegels, seiner Dialektik vom Herrn und Knecht: Die beiden tauschen ihre Rollen, sobald der Herr zu viel Arbeit delegiert und der Knecht sie recht exzellent zu erledigen versteht – bis zu dem Punkt, an dem der Herr nicht mehr Herr seiner selbst, sich vielmehr zum Knecht des Herrgewordenen erniedrigt hat: „So ist es auch mit der KI“, sagt Simanowski trocken: „Sie ist geistige Entmündigung durch Bequemlichkeit.“ Die Spuren, Phänomene und Folgen dieser Entmündigung? Dazu bald an dieser Stelle mehr.
Tauchsieder: Denken? Vergiss es!
Neue Technologien sind Werkzeuge, mit denen der Mensch sich entlastet und größere Erfolge bei kleinerer Anstrengung erzielt. Daher wirft KI vor allem eine Frage auf: Was, wenn wir uns vom Denken entlasten?
KI ersetzt nicht nur manuelle Arbeit, sondern automatisiert Denken – eine fundamentale Bedrohung für kritisches Urteilsvermögen. Für CTOs zentral: Ohne Schutzmaßnahmen wird strategisches Decision-Making an Algorithmen delegiert und organisationale Souveränität gefährdet.








