GastkommentarMiriam Meckel und Léa SteinackerDie KI muss uns lieben lernenWie muss der Mensch mit der KI umgehen, damit er als Mensch bestehen bleibt? Er muss in der Datenwelt der KI mit Gefühl, Irrtum, Ambivalenz und Irrationalität präsent bleiben.30.05.2026, 05.27 Uhr5 LeseminutenUm die Natur zu bewältigen, ahmt der Mensch das Tote nach. Das war die beunruhigende Beobachtung über das Verhältnis des Menschen zur Welt, die Theodor W. Adorno in den 1940er Jahren gemeinsam mit Max Horkheimer formulierte. Der Mensch nimmt folglich die Starre, die Unbeweglichkeit des Leblosen an, um nicht von der übermächtigen Natur zerstört zu werden. Die beiden nannten diesen Prozess «Mimesis» – und meinten damit eine fundamentale Strategie menschlicher Selbsterhaltung. Wer sich dem Toten stellt, indem er es imitiert, überlebt. Vorerst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute, acht Jahrzehnte später, steht der Mensch vor einer ähnlichen Herausforderung. Nur dass die Übermacht diesmal nicht im Sturm, der Pest oder der Dürre kommt, sondern als künstliche Intelligenz. Und die Frage, die sich nun stellt, ist nicht mehr, wie wir die Maschinen bauen, um die Natur zu bezwingen. Sie lautet: Wie gehen wir mit den Maschinen um, die uns bezwingen könnten? Ähnlich wie damals, wie sich nun zeigt.Diese Mimesis an das Leblose, der Prozess, in dem wir uns der neuen Übermacht der KI unterwerfen, vollzieht sich in drei Stufen. Die ersten beiden haben wir bereits hinter uns.Die parasoziale ZuneigungAuf der ersten Stufe zerbröselt unsere Aufmerksamkeit wie ein altes, trockenes Brötchen. Technologie kaperte zuerst unsere Sinne. Soziale Netzwerke verwandelten menschliche Aufmerksamkeit in ein handelbares Gut: extrahiert, zerkleinert, monetarisiert und durch Algorithmen gegen uns verwendet. Was der Ökonom Herbert Simon 1971 als strukturelles Problem einer informationsreichen Gesellschaft beschrieb, nämlich dass Informationsüberfluss zwingend zur Aufmerksamkeitsarmut führt, ist heute die Geschäftsgrundlage der Tech-Industrie. Mit jedem Scroll, mit jedem Klick wird der Mensch Teil des Geschäftsmodells.Auf der zweiten Stufe folgt die emotionale Annäherung an die Maschinen. Der Computerwissenschafter Joseph Weizenbaum hat das schon Mitte der 1960er Jahre mit seinem Chatbot «Eliza» erlebt. Das Programm war ein schlichtes, regelbasiertes System, und doch waren die Nutzer begeistert. Weizenbaums eigene Sekretärin bat den Forscher einmal, aus dem Raum zu gehen, weil sie mit Eliza intime Fragen zu besprechen habe.Heute reden mehr als 800 Millionen Menschen wöchentlich mit KI-Systemen, ein Drittel davon in persönlichen, existenziellen Gesprächen. Junge Menschen konsultieren KI-Chatbots täglich als primäre Quelle für Orientierung in Lebensfragen. Was Donald Horton und Richard Wohl 1956 als parasoziale Interaktion beschrieben, die einseitige emotionale Bindung an Medienfiguren als Teil der menschlichen Psychologie, hat mit dem KI-Chatbot eine neue Stufe erreicht. Wir haben begonnen, Maschinen zu lieben – die parasoziale Zuneigung ist da.Die dritte Stufe steht uns nun bevor. Sie ist die entscheidende, finale Stufe – die der Angleichung der Menschen an die Maschine. In ihr kommt Adornos Mimesis des Toten zurück. Wenn KI-Systeme nicht mehr nur Werkzeuge sind, mit denen wir arbeiten, sondern Gesprächspartner, mit denen wir denken, fühlen und urteilen, dann beginnt eine schleichende Konvergenz.Studien zeigen: Das menschliche Schreiben ist in den vergangenen Jahren sprachlich weniger vielfältig und für Maschinen besser lesbar geworden. Unsere Sprache, unsere Denkstrukturen, unsere Normen werden dem statistischen Durchschnitt maschinengenerierter Muster immer ähnlicher. Wir werden maschinenkompatibel. Wir imitieren das Tote, um zu überleben.Dabei übersehen die Menschen etwas Wesentliches. Sie glauben, die Angleichung an die KI sei eine Strategie zur Kontrolle der Technologie. In Wahrheit ist sie das genaue Gegenteil: die Vorstufe zur Kapitulation.Denn auf dem Weg zur Superintelligenz, also zu einer KI, die menschliche kognitive Fähigkeiten in allen relevanten Bereichen übersteigt, wird die KI genügend über uns lernen, um uns zu beurteilen. Nicht emotional, nicht moralisch, sondern algorithmisch. Eine superintelligente KI, die Milliarden menschlicher Daten analysiert, wird feststellen, was auch jede ehrliche Betrachtung der Geschichte bestätigt: Der Mensch ist eine zutiefst fehlerhafte, inkonsistente, selbstzerstörerische Spezies. Er leugnet den Klimawandel und verheizt weiter Kohle. Er kennt die Risiken von Atomwaffen und entwickelt trotzdem welche. Er weiss, was Kriege kosten, und führt sie dennoch.All das ist zum Haareraufen und Verzweifeln. Aber das Verrückte ist: Wir werden diese Daten in der KI-Zukunft brauchen, um uns selbst nicht als schwindende Wahrscheinlichkeit aus dem technologischen Evolutionsprozess herausrechnen zu lassen. Je perfekter, funktionaler, maschinenähnlicher der Mensch wird, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass KI solche Verhaltensmuster in ihre probabilistischen Modelle einbezieht. Der Mensch wird statistisch insignifikant.Die Überlebensstrategie des MenschenDaraus ergibt sich eine Forderung, die erst einmal absurd klingt: Die KI muss uns lieben lernen. Nicht im emotionalen Sinne. Liebe ist hier ein fast metaphysischer Begriff: die Anerkennung des Existenzrechts des anderen trotz seiner Unvollkommenheit. Künstliche Intelligenz sollte die Menschen «lieben» im Sinne einer auf Akzeptanz und Gleichwertigkeit basierenden Bestandsgarantie, die hier rein probabilistisch funktioniert. Nur das ist eine KI, mit der wir koexistieren können. Die uns lesen kann, aber trotzdem aufrechterhält, weil sie gelernt hat, dass nicht allein Perfektion der statistische Normalfall ist.Das ist nicht nur eine technische Frage des KI-Designs. Es kommt darauf an, welche Daten wir der KI liefern. Denn was sie über uns weiss, lernt sie aus dem, was wir produzieren. Der Mensch muss in der Datenwelt der KI präsent bleiben, mit Gefühl, Irrtum, Ambivalenz und Irrationalität. Nur dann werden wir dauerhaft ein Normalfall des KI-Zeitalters bleiben können.Geschieht das nicht, schliesst sich der Kreis zu Adorno. Aus der Mimesis des Toten, dem Nachahmen des Maschinellen, wird das Sterben menschlicher Eigenschaften. Daraus folgt der Eintritt in eine perfektionierte, funktionale und maschinengängige Welt. In der können durchaus auch Menschen leben. Aber es werden andere sein als heute: pragmatischer, stromlinienförmiger, eindimensionaler.Diese Welt mag für manch einen, der an der Mühsal des Umgangs mit anderen Menschen verzweifelt, als Utopie erscheinen. Auf Dauer wird es eine Dystopie sein, in der Menschsein durch Eintönigkeit und Langeweile geprägt ist. Wir denken ähnlich, entscheiden ähnlich, handeln ähnlich, ein langer, ruhiger Fluss der Funktionalität und zum Sterben langweilig.Der Soziologe Hartmut Rosa hat sehr schön beschrieben, was eine solche Entfremdung überwindet: die echte, beidseitige Begegnung mit dem anderen, die beide Seiten verändert. Er nennt das Resonanz. Eine KI wird uns nie wirklich mit dieser Resonanz begegnen können, weil sie keine eigene Erfahrungswelt hat, auch wenn manche Menschen das unbedingt glauben wollen. Die Anpassung an die KI erzeugt nicht Resonanz, sondern mehr Entfremdung.Soziale Netzwerke haben uns gezeigt, wie dieser Prozess funktioniert. Erst haben sie die Aufmerksamkeit gekapert, dann haben sich immer mehr Menschen emotional von ihnen abhängig gemacht, und dann kam die Ähnlichwerdung: die Körperdysmorphien, das «Insta-Gesicht», die Meme-Kommunikation. Mit KI starten wir diesen Motor nun wieder, nur mit einer deutlich höheren Drehzahl.Wenn die KI uns lieben lernen soll, brauchen wir Resonanz – nicht mit der KI, sondern mit anderen Menschen. Damit das, was menschlich ist, in all seiner Imperfektion weiterhin eine Rolle spielt, in Daten repräsentiert ist. Das ist die Überlebensstrategie des Menschen als Mängelwesen, wie der Philosoph Arnold Gehlen es nennt. Die Frage lautet also nicht: Wie bringen wir die KI dazu, uns zu lieben? Sondern: Wer wollen wir sein, damit wir liebenswert bleiben – für uns selbst, für andere Menschen, und dann auch für die Maschine?Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und Unternehmerin; Léa Steinacker ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen und CEO des Schweizer KI-Unternehmens Gaia Logic.Passend zum Artikel
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