Berta Zuckerkandl, eine der angesagten Salonnièren im Wien der späten Kaiserzeit, hat Herrn Hofoperndirektor Mahler für den 7. November 1901 zum Abendessen geladen. Kein leichtes Amt; der Mann gilt als schwierig und ungesellig. So bekommt er seine verlangte Diätkost und eine sorgfältig ausgewählte kleine Gesellschaft. Damen sind neben der Gastgeberin nicht vorgesehen, außer einer jungen Frau Anfang zwanzig: Alma Schindler. Beim Kaffee kommt es zwischen ihr und Gustav Mahler zum Eklat.Franz Willnauer (Hrsg.): „Gustav Mahler“ZsolnayEs geht um die Qualitäten Alexander von Zemlinskys, Mahlers jüngerem Komponistenkollegen, der sich – was Mahler wahrscheinlich nicht weiß – gerade in einem heftigen erotischen Clinch mit Alma befindet. Schließlich schließt man einen brüchigen Frieden, doch bei der Verabschiedung lädt Mahler, schon in der Tür, neben der Gastgeberin auch das Fräulein Schindler, „wenn es interessiert“, zu seiner Offenbach-Generalprobe am übernächsten Tag ein. Drei Wochen später ist man verlobt.Die Eckdaten dieser Initialbegegnung zwischen Gustav Mahler und Alma Schindler waren bekannt. Doch es ist noch etwas ganz anderes, wenn das Geschehen samt Vorgeschichte von einer direkt Beteiligten geschildert wird: Diese Beschreibung findet sich in einem der mehr als sechzig Erinnerungs-Schreibhefte der damaligen Gastgeberin, die inzwischen ins Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek gelangt sind. Dort hat sie nun Franz Willnauer auf einer seiner passionierten Mahler-Spurensuchen für sein jüngstes einschlägiges Buch erjagt und – als Weltpremiere, wie so vieles in den Jahrzehnten seit seiner ersten Mahler-Publikation 1979 – öffentlich gemacht.Bisher unveröffentlichte BriefwechselEinen kleinen Eindruck von Umfang und Intensität der Recherchen des Autors bekommt man in der Danksagung, einer Art verkapptem Adressverzeichnis der aktuellen Mahler-Forschung und -Archivierung. Dass sie fast zwei komplette Druckseiten einnimmt, liegt freilich nicht zuletzt an der respektvollen und dabei herrlich gravitätischen Art, wie hier kein einziger Name ohne vorgesetztes „Frau“ oder „Herr“ durchgeht, gegebenenfalls zuzüglich aller akademischen Halb- und Volltitulaturen; darin ist Willnauer Österreicher alter Schule.So verbinden sich im ganzen Buch penible Quellenrecherchen und -nachweise mit hoher Freude an den Wegen und Irrwegen alles Menschlichen, wobei dann der Autor in knappen, kursiv abgehobenen Kommentaren die Rolle des quasi von der Seitenlinie her möglichst gerecht, aber keineswegs leidenschaftslos urteilenden Unparteiischen gibt. Das betrifft insbesondere die in einem Falle bisher nur teilweise und an entlegener Stelle, in den beiden anderen Fällen noch gar nicht veröffentlichten Briefwechsel mit dem Konzert-Impresario Norbert Salter und den beiden Sängern Willi Birrenkoven und Theodor Reichmann.Die Wiener Hofoper als menschliche KomödieIm Falle Salters, den Mahler besonders nach dem Rückzug aus der Wiener Leitungsposition vor allem für die Organisation von einnahmeträchtigen Konzerten mit seinen eigenen Werken in Anspruch nahm, wundert man sich über den bisweilen geradezu hoffärtigen Ton des Komponisten („Schicken Sie mir bitte auch einige Couverts mit Ihrer Adresse. Schreiben ist mir immer lästig“) gegenüber einem Mann, auf den er sich doch zumindest zeitweise angewiesen fühlte. Bei Birrenkoven und Reichmann hingegen – den Erstgenannten wollte er von der bisherigen gemeinsamen Wirkungsstätte Hamburg nach Wien „nachziehen“, den anderen fand er schon im Ensemble vor – versteht man den Buchtitel „Vom Elend eines Genies“ besonders gut.Was sich da in Engagements-, Urlaubs- und Gagenverhandlungen zwischen Chef und (durchaus berühmten) Angestellten an hausinternen Eifersüchteleien, kleinen Mogeleien, Gefühlsseligkeiten (Birrenkoven versucht ein vereinbartes Probegastspiel mit Rücksicht auf den häuslichen Heiligabend – „ich bin in solchen Angelegenheiten ein großes Gemüthsmensch“ – zu verlegen) und beleidigten Anwürfen (Reichmann: „Sie scheinen eine Art Glückseligkeit darin zu finden, mich speziell zu mißhandeln“) zusammenfindet, ist bis in die Anrede- und Grußformeln hinein eine in manchmal auch beklemmender Weise amüsante menschliche Komödie. Mahler reagiert regelmäßig trocken-amtlich und gelegentlich auch schneidend kühl („Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Ihre Leistung als Hans Sachs überaus hoch schätze … Ich habe Ihnen aber nicht gesagt, dass ich Ihnen ein Monopol für diese Rolle einräume“).Der Autor schlägt in dieser Sammlung des noch nicht Abgearbeiteten oder neu Gefundenen einen weiten Bogen von den Vor-Wiener-Jahren seines Protagonisten bis zum Tag seines Todes, auf den Hermann Bahr als Augenzeuge nüchtern-protokollarisch im Tagebuch, Karl Kraus mit einem flammenden Donnerwetter über auf Vorrat geschriebene amtliche Nachrufe reagiert. Unter streng wissenschaftlicher Sicht wären kleine editorische Unschärfen wie das nicht ganz vollständige Siglen-Verzeichnis der benutzten Quellen oder beim Umgang mit Interpunktions- und Orthographiefehlern (das bekannte „sic“) zu monieren; das Lesevergnügen hemmen sie kaum.Auf alten Altarbildern sind zu Füßen der verherrlichten Heiligen oft kleine Stifterfiguren zu sehen. Nun ist zwar klar, wer hier die Gebenden, wer die Empfangenden sind, nur: ohne die kleineren Figürchen und deren Anstrengungen wären auch die großen niemals derart ins Licht der Nachwelt getreten. Franz Willnauer hat mit dem vorliegenden Buch seine zehnte Publikation über Gustav Mahler und dessen Umfeld herausgebracht. Das sind genau so viele, wie dieser Sinfonien geschrieben hat, und der Autor, inzwischen im 93. Lebensjahr, könnte und dürfte es mit gutem Recht dabei belassen. Sollte er aber doch wieder Allerneuestes nach dem Neuesten finden: Es gibt ja noch, quasi als Mahlers 11. Sinfonie, das „Lied von der Erde“.Franz Willnauer (Hrsg.): „Gustav Mahler“. Vom Elend eines Genies. Unbekannte Briefe, Dokumente, Erinnerungen. Zsolnay Verlag, Wien 2026. 336 S., Abb., geb., 30,– €.