Thomas Bernhards Werk ist eine grosse Kakofonie der MonologeEin dunkler Mythos, aus dem helles Lachen kommt: Das Wiener Literaturmuseum zeigt den österreichischen Schriftsteller, wie er wirklich war.Paul Jandl, Wien30.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenTheatermacher in eigener Sache: Thomas Bernhard um 1955.Fotoarchiv Anny Madner / Stadtarchiv SalzburgIst es möglich, dass das wahre Hauptwerk Thomas Bernhards bisher nicht bekannt war? Ein Lebensmöbel für all die unglücklichen Geistesriesen, die aus seinen Büchern herausschimpfen? Es ist ein vom Schriftsteller selbst entworfener Ohrensessel, der auf sadistische Weise jede Idee eines Ohrensessels konterkariert. Die samtbezogene Lehne ragt hoch auf, die Sitzfläche allerdings befindet sich nur dreissig Zentimeter über dem Boden. Wer hier sitzt, ist Zwerg und König zugleich und wird augenblicklich zur Bernhardschen Figur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Siebenunddreissig Jahre nach seinem Tod kann sich der Autor ins himmlische Fäustchen lachen. Die grossartig subtile Ausstellung «Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen. Thomas Bernhard heute» im Wiener Literaturmuseum zeigt Thomas Bernhard, wie er wirklich war. Vor allem aber: was aus ihm geworden ist. Ein dunkler Mythos, aus dem helles Lachen kommt.Karikatur eines Ohrensessels: von Thomas Bernhard entworfen.Erika Schmied / Katharina ManojlovicDie Kindheit hat der spätere Schriftsteller in Armut verbracht. Unehelich wurde er 1931 in den Niederlanden geboren, wo die Mutter Arbeit hatte, um ihren eigenen Vater zu Hause in Österreich mit Geld zu versorgen.Das Grösste an Johannes Freumbichler, Thomas Bernhards Grossvater, war sein Ego. Er war Familiendespot und lange verkannter Dichter. «Wer durch diese Welt kommen will, muss sich mit einem Panzer an Rohheit umgeben», lautete die Devise eines Mannes, der geradewegs dem späteren Werk des Enkels entstiegen sein könnte. Auf die Rückseite eines Klassenfotos von Thomas Bernhard schreibt Freumbichler: «Die Idiotengesichter!»Für die frühen Gedichte gibt es Schelte, wenn zu oft das Wort «Ich» vorkommt. Ein «Gut» steht neben dem orthographisch nicht ganz sauberen Poem «Die Königin der Städte»: «Du schönste Stadt am Salzachfluss, / Ich schloss dich in mein Herz, / trotz täglich starkem Regenguss, / und kindlich harten Schmerz.»Kindheit in Armut: Thomas Bernhard in Seekirchen, 1938.Thomas Bernhard NachlassverwaltungMan wird das bei Bernhard später anders lesen. Im autobiografischen Buch «Die Ursache» nennt er Salzburg einen «menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden».Anrührend und auf quälende Weise unterwürfig ist ein Brief, den der Siebzehnjährige an seinen Grossvater schreibt. Ohne dass es die Familie wusste, hat sich Thomas Bernhard an der Wiener Hochschule für Musik zur Gesangsausbildung beworben, und ihm wurde ein Stipendium zugesagt. «Für meine Kunst brauche ich Ruhe, Einsamkeit. Wien wird mich zum Sänger machen», schreibt der Enkel an den «allerliebsten Grossvater», der dieser Chance seinen Segen geben soll.In seiner Kinderschrift schreibt er auch: «Bitte gräme Dich nicht, sei fröhlich, denke, mein Glück ist gekommen.» Allein der Gedanke, der Patriarch Freumbichler könnte sich über das Glück anderer grämen, lässt tief blicken. Vielleicht hat Freuds Psychoanalyse die schattenhafte Wirkmacht der Grossväter zu wenig beachtet. War dieser starrsinnige, triebfeindliche und egomane Geistesmensch ein Glücksfall für Thomas Bernhards Kunst?Im Hinblick auf die Gesangskarriere war die Sache auf fatale Weise egal. Der junge Mann erkrankte schwer an der Lunge. Dieses Ereignis verengte den Raum der Möglichkeiten, war aber auch im buchstäblichen Sinn ein Katalysator für Bernhards räumliches Empfinden. Man sieht in der Wiener Ausstellung Bilder aus den Zimmern der Lungenheilanstalt Grafenhof.Es sind Einzelhaftkammern zum Nachdenken über Leben und Tod und vielleicht schon dem verwandt, was später die typischen Refugien in der Prosa sein werden: gebaute Gehirnzellen, in denen die Protagonisten die Enge durch absurde wissenschaftliche Studien transzendieren. Sehr schön sind die Modelle, die man in Wien von dem architektonischen, mitten im Wald stehenden Kegel sehen kann, den Thomas Bernhard für die Figur Roithamer im Roman «Korrektur» erfunden hat.GeldfragenBernhards Werk ist eine grosse Kakofonie der Monologe. Ein hundertstimmiger Fluch, der über die Welt hereinbricht. Voller Rhythmus, voller Wiederholungen. Man erkennt das so sehr am Ton, dass es naturgemäss zur Imitation reizt. Vollends ausgereizt ist diese Idee im Wiener Thomas-Bernhard-Chatbot, dem man Fragen stellen kann, und er antwortet dann in der bekannten Diktion. Fragt man zum Beispiel, was er von der «Neuen Zürcher Zeitung» halte, zu seinen Lebzeiten Bernhards Lieblingsblatt, bekommt man sinngemäss zur Antwort: das allerbeste Schlechte. «Je verlogener sie schreibt, desto wahrer trifft sie, ungewollt, den Zustand der Welt.»Man kann in der von einem fulminanten Katalog begleiteten Ausstellung den echten Bernhard finden. Man findet ihn in jugendlichen Notizbüchern, denen er seltsamerweise Namen wie «Marguerite» und «Oleander» gab. In Reisebürorechnungen, die den Schriftsteller als Dauertouristen zeigen. Seinen letzten Spanienaufenthalt bucht er über Siesta Reisen und wohnt im Hotel «Barracuda» und im Hotel «Flamingo». Ein teures Vergnügen, aber wenn es einen nicht geschriebenen, sondern gelebten Roman bei Thomas Bernhard gegeben hat, dann müsste er «Geld» heissen.Thomas Bernhards Notizbuch «Oleander» aus der Jugendzeit.Literaturarchiv ÖNB / Katharina ManojlovicBerühmt ist sein Briefwechsel mit Siegfried Unseld. Der Suhrkamp-Verleger war die Klagemauer des Schriftstellers, wenn es um Belange projektierter Bücher ging, um Marketing und vor allem um Geldfragen. Mit bewundernswert geduldiger Selbstzurücknahme reagiert Unseld auf die immer neuen Wünsche seiner schreiberischen Nemesis. Die Höhe der geforderten Beträge steigert sich allmählich und kann in späteren Jahren bei Einzelüberweisungen auch bei über 100 000 Mark liegen.Bernhards ökonomische Selbsteinschätzung, die saloppe Art, wie er den eigenen ideellen Wert und den behaupteten Verkaufswert miteinander verbindet, muss Unseld Albträume beschert haben. Der Autor will immer mehr und behauptet, sein Lebensstil sei für das kreative Schaffen unabdingbar. Man könnte so etwas auch Erpressung nennen. Schon 1965 kommt eine Nachricht, die den Verleger nicht gerade froh machen kann. Bernhard gibt bekannt, dass er jetzt «im Bauch eines oberösterreichischen Riesen hause, aus dem ich nicht herauswill, der aber nicht bezahlt ist». Der oberösterreichische Riese: ein Vierkanthof.Noch ist er Ruine, aber mithilfe Suhrkamps wird sich das alte Gemäuer in eine exquisite Mischung aus Wohnraum und Museum verwandeln. Es bleibt auch nicht der letzte Bauernhof, den sich der traktorfahrende Hobbyfolkloristiker zulegt. Und immer zahlt der Verlag. Bernhards Bittbriefe sind Kabinettstücke manipulativer Unerbittlichkeit. Noch dem grippekranken Unseld habe er einmal 40 000 Mark abgerungen, wird sich der Schriftsteller später erinnern. «Für jeden Fiebergrad des Verlegers tausend Mark.»«Ehrliche» Arbeit: Thomas Bernhard (links) mit Arbeitern vor der «Krucka» am Grasberg bei Gmunden.Erika Schmied1985 geht ein Brief an den «Lieben Doktor Unseld», worin sich der Autor beklagt, dass für seinen Roman «Alte Meister» zu wenig getan werde. Hunderttausend Exemplare hätten verkauft werden können, «wenn Sie den ‹Alten Meistern› genau denselben Werbeschub gegeben hätten wie dem absoluten Kleinbürgerschmarren von Martin Walser», Und dann weiter: «Sie haben in meinen Rolls-Royce nur einen Liter Normalbenzin gegossen und ihn stehen lassen, während Sie in den Opel Kadett Ihres Freundes vier bis fünf Zusatztanks haben einbauen und mit Superbenzin haben anfüllen lassen.»Bernhard kauft Häuser, um sich zum Schreiben anzutreiben. Sie müssen ja bezahlt werden. Aber er erkennt auch einen symbolischen Nutzwert der alten Gemäuer. Das Image des Unnahbaren, für das schon seine menschenfeindlichen Figuren vorgearbeitet haben, lässt sich in der Öffentlichkeit auch durch die eigene Wohnsituation pflegen. Da schreibt einer im «Vierkantarbeitskerker» und in einer rustikalen Geisteskomfortzone: «Mein Hof verbirgt, was ich tue. Ich habe ihn zugemauert, ich habe mich eingemauert. Mit Recht. Mein Hof schützt mich.»Kleider und BerufeThomas Bernhard war ein Theatermacher in eigener Sache, ein Rollenspieler, dessen Kostümierungen man in der Ausstellung auch sehen kann. Feinste Tweedsakkos, Loden und Massschuhe, die fast ungetragen wirken. Die Selbstübertreibungen des literarischen Übertreibungskünstlers haben keine Klassenschranken gekannt.Vom Landwirt über den Aristokraten bis zum Proletarier war alles drin, und manche Berufe wurden tatsächlich auch ausgeübt. Nach dem Erscheinen des Romans «Frost» im Jahr 1963 war Thomas Bernhard seltsamerweise vom Gedanken befallen, vom «ungeheuerlichen Betrug» der Literatur Abschied zu nehmen und sich als ehrlicher Lastwagenfahrer zu verdingen.Für die Gösser-Brauerei fährt er Bier aus und rammt im Rückwärtsgang einmal eine Zapfsäule und einmal einen Gemüsestand. Auch einen «Afrikaposten» in Ghana kann sich Bernhard vorstellen. Etwas Caritatives. Thomas Bernhards von ihm so benannte «Selbstspekulationen» lassen ihn von einem Exil in Amerika träumen und vom Posten des Burgtheaterdirektors.Mitte der siebziger Jahre ist es der damalige österreichische Kunstminister Sinowatz, der sich angeblich vorstellen kann, den Autor als Wiener Bühnenchef einzusetzen. Der freut sich schon, «aus der theatralischen Bruchbude am Ring wieder ein Theater zu machen».Daraus wird nichts, aber über ein Jahrzehnt später gibt es an der Burg den grössten Skandal ihrer Geschichte. Die Uraufführung von Bernhards Österreich-ist-ein-Naziland-Drama «Heldenplatz». Kurz darauf, im Februar 1989, stirbt Thomas Bernhard an seiner nie verheilten Lungenkrankheit.«Was reden die Leute über mich?», fragt im Roman «Frost» der Maler Strauch, «sagen sie: der Idiot? Was reden die Leute?» Die internationale Nachwirkung Thomas Bernhards ist ungebrochen. Susan Sontag, Paul Auster, Péter Esterházy, David Albahari und László Krasznahorkai haben ihn zum Hausheiligen erhoben, und auch noch nach rund tausend Buchausgaben in anderen Sprachen kämpfen die Übersetzer mit übermächtigen Wortungetümen.Wie heisst das auf den Philosophen Heidegger gemünzte Wort «Voralpenschwachdenker» auf Englisch? «Feeble thinker from the Alpine foothills». Das klingt dann schon nicht mehr nach Beleidigung, sondern nach Lexikoneintrag.Thomas Bernhard beim Kartenspiel «Siebzehn und Vier».Erika Schmied«Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen. Thomas Bernhard heute», Literaturmuseum Wien, bis 21. Februar. Katalog: Herausgegeben von Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic und Juliane Werner. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien. 384 S., Fr. 51.90.Passend zum Artikel