PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenKulturelle Aneignung?„Die Karl-May-Spiele waren mein Weckruf“Stand: 12:19 UhrLesedauer: 6 MinutenThomas Koziol (r.) als Old Shatterhand an der Seite von Winnetou alias Jean-Marc BirkholzQuelle: Elspe Festival/Ninas ViewEin Besuch bei den Karl-May-Festspielen Elspe prägte den damals 16-jährigen Österreicher Thomas Koziol. Als Darsteller des Old Shatterhand kehrt er nun zurück. Zum Vorwurf der kulturellen Aneignung hat er seine eigene Meinung.In einem Gespräch mit Thomas Koziol merkt man rasch: Dieser Mann ist nicht nur irgendein Schauspieler, der sich in eine x-beliebige Rolle einfindet. Koziol ist vielmehr ein wahrer Experte des Wilden Westens und der einschlägigen Literatur. Er kennt nicht nur seinen Karl May aus dem Effeff, sondern hat auch alle Reisebücher und Bildwerke studiert, die dem fantasiebegabten Abenteuer-Schriftsteller aus Sachsen vermutlich als Inspirationsquelle gedient haben. Welt: Herr Koziol, Sie haben auf österreichischen Bühnen schon oft die Rolle des Winnetou gespielt. Jetzt, bei den Karl-May-Festspielen in Elspe, geben Sie erstmals den Old Shatterhand. Ist das ein Aufstieg oder ein Abstieg?Thomas Koziol: Weder noch. Das kann man nicht vergleichen. Für mich ist es vor allem eine schöne Herausforderung. Als Schauspieler ist es ja mein Job, verschiedene Rollen zu verkörpern.Welt: Aber die Herzen des Publikums fliegen doch eher Winnetou zu. Wie war das bei Ihnen als Kind oder Jugendlicher – für wen schwärmten Sie?Koziol: Ehrlich gesagt, war ich früher vor allem Fan der weniger edel- und sanftmütigen Indianer. Das habe ich schon bei meinem ersten Besuch in Elspe gespürt. Ich war 16. Damals spielte Pierre Brice den Winnetou. Aber Meinolf Pape trat in der Rolle des Apachenhäuptlings Red Mangas auf, das war ein böser Kontrahent von Winnetou. Ich kann mich genau daran erinnern, wie sehr mich der beeindruckt hat.Welt: Wie kommt man als 16-jähriger Wiener auf die Idee, die Karl-May-Festspiele im Sauerland zu besuchen?Koziol: In Österreich gab es so etwas nicht. Aber ich kannte natürlich Karl May. Bei uns in der Familie war das Standardliteratur, mein Großvater hatte alle Bände. Mich hat nicht nur Karl May interessiert, sondern alles, was mit dem Wilden Westen und der Geschichte Nordamerikas zu tun hatte. Durch Zufall erfuhr ich von Freunden, dass es in Deutschland Bühnen gibt, wo Karl May gespielt wird, mit Schauspielern und Pferden und allem drum und dran. Also bin ich mit meinem Vater nach Elspe gefahren. Das war mein Weckruf. Das hat mich so berührt, dass wir in Österreich etwas Vergleichbares aufziehen wollten. Welt: Gemeinsam mit ihrem Vater gründeten Sie die Karl-May-Festspiele im niederösterreichischen Gföhl. Später kamen andere Karl-May-Spiele hinzu.Koziol: Ja. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass May in Österreich nie den Stellenwert erreicht hat wie in Deutschland. Es gab Jahre, in denen mal zwei oder drei Karl-May-Bühnen aufgeploppt sind. Aber das Interesse ließ bald wieder nach. Heute kommt hinzu, dass die Jugend ganz andere Interessen hat.Welt: Aber das ist doch in Deutschland nicht viel anders.Koziol: Ich dachte das auch. Aber wenn ich mir die Besucherzahlen der großen Karl-May-Bühnen anschaue, bekomme ich doch einen anderen Eindruck. In Elspe läuft der Vorverkauf wie geschmiert, besser als die Jahre zuvor. Die Leute sind interessiert, sie wollen wissen, wer da welche Rolle spielt. So etwas haben wir in Österreich nicht.Welt: Wie schon erwähnt: Bei Ihren Festivals in Österreich standen Sie oft als Winnetou auf der Bühne. Einmal hatten Sie Raimund Harmstorf als Shatterhand an Ihrer Seite. Auch so eine deutsche Fernsehlegende …Koziol: … klar: der Mann, der als „Seewolf“ mit der bloßen Hand eine rohe Kartoffel zerquetschte.Welt: Ist er für die Gestaltung Ihrer Rolle ein Vorbild? Oder doch eher der Film-Shatterhand Lex Barker?Koziol: Ich verabschiede mich ganz bewusst von allen Vorbildern und versuche, meinen eigenen Weg zu finden.Welt: Verraten Sie uns, in welche Richtung Ihr Shatterhand geht?Koziol: Die Zeit, in der das spielt, war ja in Europa nicht die einfachste. Es gab Kriege und Unruhen. Und Shatterhand hat seine Heimat wegen solcher Probleme verlassen, er sucht im Wilden Westen nach etwas anderem. Und er ist sich nicht so sicher, ob das, was er als Landvermesser im Auftrag der Eisenbahngesellschaft tut, richtig ist. Er ist jedenfalls keiner, der da hinkommt und sagt: Ich bin unverwundbar, mir kann sowieso nichts passieren. Ich glaube, dass das fürs Publikum spannender ist. Man kann für eine solche suchende Figur mehr Empathie empfinden, als wenn von vornherein alles klar ist.Welt: Dennoch, sind nicht die Filme mit Pierre Brice und Lex Barker das Maß aller Dinge in diesem Genre – trotz der holzschnittartig gezeichneten Charaktere?Koziol: Ja, auf eine nostalgische Art. Was Ausstattung und Machart angeht, sind diese Filme natürlich nicht mehr zeitgemäß. Aber sie haben so einen Charme und eine so positive Energie, dass man sie sich noch gerne ansieht. Ich denke, dass es das ist, was Karl May generell ausmacht. Man taucht ein in eine Art Wildwestmärchen und lässt sich darin verzaubern.Welt: Es gab schon Darsteller in Elspe, die erst einmal reiten lernen mussten. Bei Ihnen ist das anders.Koziol: Ich sitze seit meinem achten Lebensjahr im Sattel. Mein Schauspielstudium habe ich mir zum Teil in einer Truppe für Pferde-Stunts verdient. Wir sind an den Wochenenden zu Reitshows gefahren. Da gab es immer wieder schlimme Stürze, bei denen ich mir auch mal die Nase und alle möglichen Knochen und Gelenke gebrochen habe.Welt: Sind Sie in Elspe auch so halsbrecherisch unterwegs?Koziol: Ich würde gerne diese Saison mit ihren 57 Vorstellungen zu Ende spielen – da kann ich mir nicht erlauben, die ganz riskanten Stunts hinzulegen. Das überlasse ich den jüngeren Leuten.Welt: Und dann ist Shatterhand natürlich bekannt für seinen Faustschlag, der ihm auch seinen Namen einbrachte. Ist es schwer, eisenharte Knock-outs zu mimen?Koziol: Ob das gut rüberkommt, hängt ja eher von den anderen ab als von mir. Bei einer Bühnenschlägerei kommt es darauf an, wie die Jungs auf die angetäuschten Schläge reagieren. Entscheidend sind Tempo und Timing – und die Perspektive, aus der das Publikum das Ganze zu sehen bekommt. Ich kann aber versprechen, dass man den Kampf zwischen Winnetou und Old Shatterhand, der bei „Winnetou I“ eine große Bedeutung hat, noch nie so gesehen hat. Ich mache das jetzt seit 30 Jahren, aber die Idee für diese Szene halte ich für genial. Mehr darf ich nicht verraten.Welt: Kommen wir zu einem ernsten Thema. Kostümspiele à la Karl May stehen seit einiger Zeit in der Kritik. Stichwort: kulturelle Aneignung.Koziol: Meinen Sie jetzt damit, dass ich als Österreicher einen Deutschen spiele? (Er lacht) Aber im Ernst: Lange bevor bei uns das Thema aufkam, arbeitete ich mit Leuten zusammen, die man heute First Nations People nennt. Weil es mir immer ein bisschen peinlich war, fragte ich sie, ob sie es nicht seltsam finden, wenn wir Österreicher in Indianerklamotten rumlaufen und einen auf Wildwest machen. Ein Angehöriger der Cheyenne, der bei seinem Volksstamm eine herausgehobene Stellung als eine Art Schamane hatte, antwortete mir, dass wir die Indianer ja nicht als die Dummen darstellen würden. Vielmehr würden wir aufzeigen, was damals passiert ist; welche Ungerechtigkeiten und Verbrechen begangen wurden. Er fand gut, dass wir die Erinnerung daran wachhalten. Daran orientiere ich mich. Thomas Koziol, 55, ist in Wien aufgewachsen. Erste Bühnenerfahrung sammelte er schon als Jugendlicher bei den Karl-May-Festspielen in Gföhl (Niederösterreich). Später studierte er Schauspiel und nahm Unterricht als Pferde-Stuntman. Bei vielen Aufführungen übernahm Koziol die Rolle des Winnetou. Bei den Festspielen Elspe (27. Juni bis 13. September) ist er im Stück „Winnetou I – Häuptling der Apachen“ als Old Shatterhand zu sehen – an der Seite von Jean-Marc Birkholz, der seit 2013 den Winnetou spielt. Termine und Karten: elspe.deafa
Karl-May-Festspiele: Warum Old-Shatterhand-Darsteller Thomas Koziol das Genre so liebt – und warum er keine Probleme mit kultureller Aneignung hat - WELT
Ein Besuch bei den Karl-May-Festspielen Elspe prägte den damals 16-jährigen Österreicher Thomas Koziol. Als Darsteller des Old Shatterhand kehrt er nun zurück. Zum Vorwurf der kulturellen Aneignung hat er seine eigene Meinung.










