Feuertaufe bestanden – Rachel Rinast kommentiert als erste Frau ein WM-Spiel der MännerFür Rinast war die Schweiz lange nur Feriendestination. Jetzt erklärt die ehemalige Nationalspielerin dem Land den Fussball. Sie ist daran, ihren eigenen Stil zu finden.28.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDurch die Grossmutter in Appenzell Ausserrhoden mit der Schweiz verbunden: Rachel Rinast.Daniela Porcelli / IPP / ImagoAusgerechnet Ägypten - Iran. Die erste WM-Partie, die Rachel Rinast für SRF in der Nacht auf Samstag kommentierte, war aufgeladen. Das Spiel war vom lokalen WM-Organisationskomitee in Seattle im Rahmen der Feierlichkeiten zum Pride Month zum «Pride Match» erklärt worden. Die Verbände beider Nationen protestierten, die Fifa erklärte jedoch, «Regenbogenflaggen und andere Flaggen, die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität repräsentieren», seien zulässig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rinast ordnete die Rahmenbedingungen zum Start der Übertragung nüchtern ein. Das erste Spiel, das eine Frau im Deutschschweizer Fernsehen kommentiert, endet 1:1, Komplikationen gibt es weder im Stadion noch bei Rinast am Mikrofon.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDie Geschichte, die Rinast in dieser Nacht zur Pionierin macht, beginnt im Frühling 2023. Rachel Rinast sitzt in einem Zürcher Café im Kreis 3 in der Nähe ihrer Wohnung und erklärt, warum sie wenige Monate vor der Frauen-WM ihren Rücktritt vom Fussball gibt. Sie ist 31, spielt bei GC und wäre wohl im Sommer als zuverlässige Ergänzungsverteidigerin zum Turnier in Australien und Neuseeland gereist.Doch Rinast ist ihrer Rolle überdrüssig geworden. Sie sagt: «Ich bin eigentlich nur dabei für die gute Stimmung und so. Als Kleber zwischen den Spielerinnen.» Sie, die sich gerne als «Lukas Podolski des Frauen-Nationalteams» bezeichnet hat, empfindet es zunehmend als belastend, für die anderen zu sorgen und selbst kaum zum Zug zu kommen. Der Abschied fällt ihr leichter, weil sie bereits eine Perspektive hat: Sie wird an die WM reisen und für SRF zusammen mit Calvin Stettler die Spiele der Schweizerinnen kommentieren.«Fuck, ich bin zu schnell aufgestanden»Seither feiert sie Premieren. Als erste Frau, die im Deutschschweizer Fernsehen Frauenspiele allein kommentiert, zuerst bei der Heim-EM der Frauen 2025. Seit dem vergangenen Sommer ist sie solo auch bei Männerspielen am Mikrofon, etwa in den europäischen Wettbewerben. Für Sky Deutschland begleitet sie Premier-League-Partien. Daneben ist sie als Co-Kommentatorin mit Stettler immer noch zuständig für das Frauen-Nationalteam.Die Rollen als alleinige Kommentatorin oder als Sidekick mit Expertise unterscheiden sich stark, sie bilden jeweils eine ganz andere Rinast ab. Mit Stettler ist sie die Rachel, die er im Juli 2025 im Doppelgespräch als «sehr herzlich, sehr quirlig» bezeichnet. Rinast ist witzig, schnell im Kopf und offen, man könnte sie auch hibbelig nennen.Manchmal ist sie im Überschwang auch fix mit dem Mund. «Fuck, ich bin zu schnell aufgestanden», klagt sie an der Frauen-EM nach dem Führungstor der Schweiz gegen Island. «Ein Krampf bei Rinast. Aber das ist egal», kommentiert Stettler. SRF rügt umgehend: «Anstössige Ausdrücke wie ‹fuck› gehören auf jeden Fall nicht ins SRF-Programm.» Es ist diese Flapsigkeit, die dem Duo gleichermassen Fans wie Kritiker beschert. Untypisch ist der Sound für den Sender allemal.Am deutlichsten wird Rinast aber kritisiert, wenn ihre Nähe zu den Spielerinnen durchscheint. Viele sind Ex-Kolleginnen und Freundinnen. Sie sei zu verständnisvoll, schone sie. Rinast lässt den Vorwurf nur beschränkt gelten. Im Juli 2025 sagte sie: «Auch wenn ich ein Premier-League-Spiel kommentiere und keinen Spieler persönlich kenne, denunziere ich niemanden. Ich weiss ja, dass keiner den Fehler absichtlich macht.» Draufhauen für die Quote widerstrebt ihr.Wo sie nicht in Gefahr kommt, sich zu verschwestern, gibt ihr ihr Hintergrund fachliche Tiefe. Sie kann Laufwege auf dem Rasen erklären, weil sie diese gegangen ist. Sie ist gut vorbereitet, begleitet das Geschehen auf eine nüchterne Art und verfügt über eine hohe Sprachkompetenz. Ist das wirklich die gleiche Frau, fragt man sich, die ihrem Buddy Stettler bei einem Frauenspiel von ihrer Grossmutter erzählt?Purer Hass für Frauen am MikrofonDas Image als Ulknudel hat sich Rinast auch selbst zuzuschreiben, gerecht wird es ihr nicht. Ihre verletzliche Seite zeigte sie, als sie im Februar auf Instagram öffentlich machte, dass im vergangenen November ihr Vater gestorben war, mit dem sie sehr verbunden war. Die schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen, Mutter und Vater waren Psychologen. Lange waren es nur die Besuche zweimal im Jahr in Appenzell Ausserrhoden bei der Oma, die sie mit der Schweiz verbanden. Bis sie eher zufällig auf ihren Schweizer Pass angesprochen wurde und 2014 ins Nationalteam rückte.Sie schrieb Anfang Jahr, wie sehr sie das Lob für ihre Arbeit in dieser schweren Zeit trage. Das Gegenteil, die Beschimpfungen, kennt sie auch. Als sie bei Sky anfing, war sie sexistischen Kommentaren ausgesetzt; sie wehrte sich auf den sozialen Netzwerken. Vor einem Jahr sagte sie, Frauen, die allein kommentierten, würden viel mehr kritisiert; oft sei es purer Hass, der ihnen entgegenkomme. «Es ist zu viel weibliche Stimme», sagt Rinast, «wenn aber eine Männerstimme dabei ist, ist es nicht mehr so schlimm.»Noch ist sie nicht dem Ritual ausgesetzt, das die deutsche Kommentatorin Claudia Neumann bei jedem Turnier trifft. Die Anwürfe sind so gewaltig, dass sich der ZDF-Sportchef Yorck Polus schon Monate vor dem Turnier bemüssigt fühlt, eine Schutzmauer aufzubauen. Er sagte im Mai, die sexistischen Anfeindungen machten ihn fassungslos. Genützt hat die Intervention nichts. Neumann ist nicht fehlerlos, man kann ihre Art ablehnen. Das gilt auch für alle ihre Kollegen. Doch keiner gerät regelmässig in einen Shitstorm.Rinast hat den Vorteil, dass ihr eine angenehmere Stimme zugeschrieben wird. Während der WM-Partie lässt sie Pausen, sie ist eine Begleiterin, die einen nicht dauernd auf Trab hält, indem sie zum Beispiel im Stakkato Spielernamen herunterrattert. Sie zeigt Emotionen, erdrückt einen aber nicht mit ihnen.Manchmal schimmert die andere Rachel Rinast durch, die flapsige: Wenn sie sagt, der Zwillingsbruder des ägyptischen Nationaltrainers Hossam Hassan, der ebenfalls auf der Bank sitzt, sehe diesem «verdammt» ähnlich. Oder wenn sie einen 36-jährigen Spieler für seinen Einsatz lobt, wo sie selbst doch schon mit 35 Probleme habe, die Treppe hinaufzukommen in den 3. Stock. Einmal nennt sie einen Standard «dämlich» in der Ausführung.Das Brechen der Nüchternheit zeigt, dass Rinast dabei ist, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Wohin ihr Weg noch führt? Vielleicht gar bis zum prestigeträchtigsten Kommentatoren-Job, dem Männer-Nationalteam? Traue sie sich zu, sagt Rachel Rinast.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel