Lídia Jorge setzt den Helden der Nelkenrevolution ein literarisches DenkmalDie portugiesische Autorin fragt in ihrem kunstvollen Roman nach der Erinnerung an die Revolution. Und nach den verlorenen Illusionen derjenigen, die für das Ende der Salazar-Diktatur gekämpft haben.Holger Heimann28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenAls die Menschen in Portugal plötzlich mit einer Nelke protestierten: Vier Matrosen der portugiesischen Marine während der Demonstrationen zum 1. Mai 1974 in Lissabon.Sven Simon Archives / United Archives /Getty ImagesAm 25. April 1974 beendete die Nelkenrevolution die Salazar-Diktatur, die Portugal jahrzehntelang in Armut gehalten hatte. Dreissig Jahre danach soll ein Film über das Ereignis entstehen. Die junge Portugiesin Ana Maria Machado kommt aus den USA in ihr Heimatland zurück, um für CNN die Protagonisten von einst zu interviewen. Die Journalistin trifft nicht auf strahlende Sieger, sondern auf desillusionierte Helden des Rückzugs.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Jede Revolution ist eine grosse Freude, die grosse Traurigkeit ankündigt», sagt einer im neuen Roman von Lídia Jorge. Zwischen den Träumen und der Realität liegt ein Ozean. Wie seine Gefährten ist der ehemalige Offizier ein Enttäuschter, dem es nicht gelungen ist, sich an die Banalitäten des Alltags anzupassen. Für die Karriere oder die Beförderung zu kämpfen, erschien ihm kleinlich, wo er doch für grössere Ziele angetreten war.«Eine Revolution ist ein utopischer Moment. Aber die Utopie bleibt immer unerreicht», sagte Lídia Jorge beim Treffen kürzlich an der Algarve. «Die Reichen bleiben reich, die Armen bleiben arm. Es ist mehr als nur etwas Soziales. Es ist etwas Ontologisches», meint die Schriftstellerin, die in Portugal eine Legende ist.Im Original heisst der von Marianne Gareis kunstvoll übersetzte Roman «Os Memoráveis», was auf Deutsch «Die Erinnernswerten» bedeutet und die Intention des Buches auf den Punkt bringt. Jorge setzt den Männern der Revolution ein Denkmal. Sie betrachtet sie voller Sympathie, aber sie stellt sie auf kein Podest. Vielmehr zeigt sie mit feinem Humor und psychologischem Scharfsinn ihre Begrenztheiten. Es sind fehlbare Menschen. Dass es trotzdem wichtig ist, an ihren Mut und ihre Entschlossenheit zu erinnern, davon ist am Ende auch die junge Reporterin überzeugt.Lídia Jorge: Die Stunde der Nelken. Ü: Marianne Gareis. Secession 2026. 450 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
«Eine Revolution ist ein utopischer Moment. Aber die Utopie bleibt immer unerreicht»: Die portugiesische Autorin Lídia Jorge über die Nelkenrevolution
Das Ende Salazar-Diktatur: Die portugiesische Autorin Lidia Jorges würdigt die Helden der Nelkenrevolution und zerbrochene Illusionen







