Eine Frau sitzt im Golf Kombi und fährt einfach immer weiterEsther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die aus ihrem Leben flieht. «Grüne Welle» erzählt präzise und mit feiner Komik von einer Odyssee im Golf Kombi.28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenEsther Schüttpelz ist Autorin und Juristin.Julia SellmannHarmlos und unscheinbar beginnt dieser kompakte Roman: Eine Frau steigt nach dem Kinobesuch ins Auto, fährt los, Richtung Zuhause, verpasst die Ausfahrt und fährt einfach weiter. Die Protagonistin, namenlos und ohne bestimmtes Aussehen, fährt einen lädierten Golf Kombi. Weitere Äusserlichkeiten – die Handtasche, deren Inhalt sowie die Umgebung – werden nur knapp beschrieben. Dafür erfährt man bei jeder weiteren Abbiegung mehr über das Innenleben der Fahrerin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erst sind es Erinnerungen an das Jungsein, Reaktionen auf das Radiogedudel oder einen nächtlichen Stadtteil, die mehr über die Frau preisgeben – bald aber auch die inneren Monologe. Als sie nach einer Umleitung auf eine Landstrasse ohne Umkehrmöglichkeiten gerät, beruhigt sie sich mit bekräftigenden Gedanken; sie hadert mit dem Schuldbewusstsein gegenüber dem daheim auf sie wartenden, bedrohlichen Mann. Was er getan haben könnte, wird nicht ausgesprochen.Als würde man unbemerkt auf der Rückbank im Auto der Frau sitzen, verfolgt man gespannt, wie sich nach jeder grünen Ampel, die ein Innehalten verhindert, ein verschachteltes Szenario entfaltet. In Nebenrollen kommt bald ihre alte, über die Jahre distanzierte Freundin vor, dann auch andere Wesen und Generationen. Nach dem ausgezeichneten Debüt «Ohne mich» von 2023 legt Esther Schüttpelz – Jahrgang 1993, im Münsterland lebend – mit «Grüne Welle» nun einen packenden, intelligenten Zweitling vor. In langen Sätzen voller Einschübe, jedoch mit einer klaren Sprache, nimmt uns die Autorin mit auf diese anfänglich unspektakulär wirkende Odyssee.Esther Schüttpelz’ Stärke sind präzise psychologische Beobachtungen und Gedankengänge, die einem gelegentlich allzu vertraut vorkommen, aber auch ein Sinn für subtile, zuweilen trockene Situationskomik.Esther Schüttpelz: Grüne Welle. Diogenes Verlag 2026. 208 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel