Xu Zechen erzählt vom Leben am längsten Kanal der WeltXu Zechen schildert den Alltag am Kaiserkanal empathisch und poetisch. Bei der Darstellung des umstrittenen Boxeraufstandes zwischen China und dem Westen vermeidet er eine Stellungnahme.Wei Zhang28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer italienische Fotograf Felice Beato dokumentierte im 19. Jahrhundert den Kaiserkanal. Im Bild eine Brücke in Südchina, 1860.Heritage Images / Getty ImagesDer Kaiserkanal ist der älteste und längste Kanal der Welt. An dieser enormen Wasserstrasse spielt der Roman «Dayunhe», auf Deutsch «Der grosse Kanal», der in China 2018 fristgerecht zur staatlichen Kampagne für die Kandidatur des Kanals als Unesco-Weltkulturerbe erschien. Der Autor Xu Zechen wurde dafür mit dem Mao-Dun-Preis, einem der wichtigsten staatlichen Literaturpreise Chinas, ausgezeichnet. Der hohe Anspruch des kulturgeschichtlichen Monuments und die staatliche Allegorie sind ihm gleichermassen eingeschrieben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Xu Zechen verwebt die Schicksale zahlreicher Romanfiguren über diverse Erzählstränge, ähnlich wie die Wasserwege des Kaiserkanals. In seiner Struktur erinnert «Der grosse Kanal» an den traditionellen chinesischen Episodenroman, in dem sich jedes Kapitel diskret entfaltet und doch mit dem Ganzen verbunden ist. Seine besondere Atmosphäre entsteht aus der Sprache, deren Poesie sowie den eindringlichen Beschreibungen kultureller Details und volkstümlicher Bräuche.Umstrittener BoxeraufstandDer Autor schildert eindrücklich, wie die kleinen Bootsbesitzer, Händler und Transportarbeiter mit ihren Familien über Generationen hinweg am Kaiserkanal ihre Kinder grossziehen, täglich drei Mahlzeiten an Bord zubereiten und mit ihren Warentransporten, die Kanäle befahren und die Häfen anlaufen. Sie kennen keine andere Existenz als diejenige auf dem Schiff und fühlen sich wie Amphibien auf dem Wasser eher zu Hause als an Land. Ihnen ist der Kanal nicht nur Lebensader, sondern die ganze Welt. Der Verfasser kennt dieses Milieu bis in alle Feinheiten, ihm gilt seine ganze Empathie.NZZAS – Magazin Bücher am SonntagDiese Lebenswelt wird dann aber durch die rasche wirtschaftliche Entwicklung der Gegenwart bedroht. Die Transportwege werden zusehends auf Eisenbahnlinien und Autobahnen verlagert. Schliesslich will der Sohn des Protagonisten das Schiff seines Vaters nicht mehr übernehmen und seine Hochzeit nicht mehr darauf feiern; stattdessen gründet er mit seiner Braut ein neues Zuhause in einer städtischen Wohnsiedlung weitab des Kanals. Er versucht sogar, seine Eltern zur Aufgabe des Schifffahrtsbetriebs und zum Umzug in die Stadt zu bewegen, um das Leben auf und an dem Kanal ein für alle Mal zu beenden.Der Autor begnügt sich aber nicht mit der Schilderung der kleinen Dramen in der ihm so vertrauten Alltagswelt am Kaiserkanal der Gegenwart, sondern bereichert diese noch um eine exotische, pseudohistorische Vorgeschichte, die zur Zeit des Boxeraufstands um 1900 spielt. Nun ist aber der Boxeraufstand in China bis heute eine brisante historische Thematik geblieben.In westlichen Darstellungen werden der fremdenfeindliche Fanatismus der Boxerbewegung, ihre Gräueltaten an Missionaren und die Belagerung diplomatischer Vertretungen in Peking hervorgehoben. In China wird der Boxeraufstand hingegen als heldenhafter, patriotischer Volksaufstand betrachtet, der sich gegen die Aggression, Ausbeutung und Demütigung durch die imperialistischen Mächte des Westens richtete. Xu Zechen hält sich in seiner Schilderung nicht unbedingt an das chinesische Narrativ des «Bauernaufstands», vermeidet aber eine klare Stellungnahme dazu.In den Wirren des Boxeraufstands lässt er einen Italiener namens Polo di Marco, genannt Polino, auf dem Kanal nordwärts reisen, um seinen Bruder zu suchen. Er wird dabei von einem Übersetzer und einer Gruppe von Chinesen begleitet, unter ihnen ist auch ein Anhänger der Boxer. Auf dem Schiff bilden die Männer eine Schicksalsgemeinschaft, deren Nachkommen dereinst im 21. Jahrhundert anhand von Hinterlassenschaften wie einem Kompass oder einem Manuskript von Dantes «Göttlicher Komödie» die Geschichte Polinos und seiner Begleiter rekonstruieren werden.Klischee des FremdenPolino wandelt nicht nur auf den Spuren Marco Polos, sondern stammt als Veroneser auch noch aus der Stadt von Romeo und Julia. Die Anspielungen auf den berühmten venezianischen Reisenden wirken allerdings bemüht, und die mannigfachen weiteren italienischen Assoziationen lassen kaum ein Klischee aus. Es ist hier also nicht so sehr das historische Minenfeld, durch welches der Romanautor stolpert, als vielmehr dasjenige des konstruierten Fremden. Die Übersetzung von Daniel Faster umgeht diese Fallgruben der Peinlichkeiten, indem sie diesen Erzählstrang in einer angemessen sachlichen deutschen Sprache wiedergibt.Wei Zhang ist Autorin der Romane «Eine Mango für Mao» und «Satellit über Tiananmen» sowie des Sachbuchs «Zwischen den Stühlen: Geschichten von Chinesinnen und Chinesen in der Schweiz».Xu Zechen: Der grosse Kanal. Übersetzt von Daniel Fastner. Matthes & Seitz 2026. 480 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel