Président Bardella: Wie der Chef des Rassemblement national seine Mentorin Marine Le Pen überflügelt und Kurs auf den Élysée-Palast nimmtNoch bevor das Berufungsgericht in Paris über die Wählbarkeit von Le Pen entschieden hat, macht ihr Ziehsohn nun Tempo. Vor allem wirtschaftspolitisch distanziert sich Bardella von Le Pen. Die Umfragen führt er mit weitem Abstand an.Christine Longin, Paris28.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenJordan Bardella und Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien lassen sich beim Autorennen in Monaco fotografieren.Olivier Huitel / ImagoEin Paar steht lächelnd auf der VIP-Tribüne, Gläser in der Hand. Unten läuft der Grosse Preis von Monaco. Mit Politik hat das berühmte Formel-1-Rennen nichts zu tun. Aber viel mit der Welt der Schönen und Reichen, zu der Jordan Bardella seit einigen Monaten gehört. Wenige Wochen zuvor hatte der Chef des rechtspopulistischen Rassemblement national (RN) seine Beziehung zu der italienischen Adeligen Maria Carolina von Bourbon-Sizilien öffentlich gemacht. Eine Foto-Story zeigte die beiden händchenhaltend in den Ferien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gut für Frankreichs Klatschpresse und die öffentliche Aufmerksamkeit. Gut auch für die Royalisten im Land, die historisch eine der Strömungen des Rechtsextremismus in Frankreich sind. Bardella, gerade einmal dreissig Jahre alt, will der nächste Staatspräsident werden. Und der erste aus dem Rechts-aussen-Lager.Noch bevor am 7. Juli ein Berufungsgericht in Paris das letzte Wort über die Unwählbarkeit von Marine Le Pen spricht, der Frontfrau und früheren Chefin des RN, bringt sich Bardella nun immer deutlicher als Präsidentschaftskandidat in Stellung. Der Ziehsohn überholt seine Förderin. Umfragen sagen ihm einen deutlichen Vorsprung in der ersten Runde der Wahlen nächstes Jahr voraus; auch die Stichwahl könnte Bardella gewinnen.Der Anzug sitztDie Liebesgeschichte mit Prinzessin Maria Carolina ist dabei auch brisant. Schliesslich verkauft sich der RN bis jetzt als Partei der kleinen Leute, nicht als eine des Champagnergläser schwenkenden Jetsets. Doch Bardella schlägt mit viel Kalkül die Pflöcke für seine Präsidentschaftskandidatur ein. Und seine Landsleute verfolgen mit Interesse, wie der Europaabgeordnete sich von Marine Le Pen politisch zu unterscheiden beginnt, seit diese wegen Veruntreuung von EU-Geldern in erster Instanz zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt wurde.Klar ist, dass Bardella mit seiner glamourösen Freundin ein anderes Milieu verkörpert als Marine Le Pen, die Tochter des Gründers des Front national, Jean-Marie Le Pen. Er trägt nicht das Stigma des Namens Le Pen, der immer noch mit dem Rassismus und dem Antisemitismus des Parteigründers verbunden ist. Trotz seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen wirbt Bardella im gut sitzenden dunkelblauen Anzug um eine bürgerlich-konservative Wählerschaft.Von Le Pens alter Losung «weder rechts noch links» und ihren Forderungen nach einem starken Staat hält er wenig. Bardella verfolgt stattdessen einen wirtschaftsliberalen Kurs, der ihm im April ein Mittagessen mit Vertretern des Arbeitgeberverbands Medef einbrachte – eine Premiere für einen RN-Vertreter. Arbeit müsse sich wieder lohnen, sagt Bardella, das Unternehmertum müsse frei sein und Frankreich souverän, ohne wirtschaftspolitische Gängelei der EU. Vor allem Rüstungsunternehmer sind auf Bardella zugegangen.Marine Le Pen übergab Ende 2022 die Führung ihrer Partei an Jordan Bardella und wollte sich fortan nur noch auf die Kandidatur für das Präsidentenamt in Frankreich konzentrieren.Manon Cruz / ReutersIm vergangenen Jahr traf sich Bardella mit Nicolas Sarkozy, dem Übervater der Konservativen. Er macht kein Hehl aus seiner Bewunderung für den Ex-Präsidenten, der 2025 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung drei Wochen im Gefängnis sass. Nach seiner Freilassung plädierte «Sarko» für ein Ende der Brandmauer gegen den RN und ein breites rechtes Bündnis. Eine solche «Union des droites» ist ein alter Traum erzkonservativer Kreise, den auch der Sarkozy-Freund Vincent Bolloré, der Milliardär und grösste Medienunternehmer des Landes, träumt. Mit Bardella scheint der Protagonist dafür gefunden zu sein.Reisen als StaatsmannDer Umfragefavorit braucht die konservative Wählerschaft, um nächstes Jahr zu gewinnen. Denn bisher stiess der RN immer an eine gläserne Decke, weil er nicht genug Wählerinnen und Wähler ausserhalb der eigenen Basis mobilisieren konnte. Marine Le Pens bestes Ergebnis lag 2022 gegen Emmanuel Macron bei gut 41 Prozent. Viel fehlt also nicht mehr für einen Sieg.Der nationalistischen Ideologie seiner Partei bleibt Bardella wiederum treu. Wie Le Pen vertritt er das Prinzip der «nationalen Präferenz», das Französinnen und Franzosen bei der Sozialhilfe oder der Arbeitsplatzvergabe bevorzugt. In der Migrationspolitik will er nationales Recht über europäisches stellen und die Freizügigkeit des Schengen-Raums einschränken.Dafür schmiedet der Chef der Rechts-aussen-Fraktion Patrioten für Europa im Europaparlament bereits Allianzen mit gleichgesinnten EU-Politikerinnen und -Politikern, tritt als Staatsmann auf. In den vergangenen Wochen besuchte er Belgien, Portugal, zuletzt Polen. Dort fuhr er zur Grenze nach Weissrussland, lobte den Einsatz von Militär und Polizei gegen Migranten, traf in Warschau den nationalistischen Präsidenten Karol Nawrocki und den Chef der PiS-Partei Jaroslaw Kaczynski.Matteo Salvini, den italienischen Vizeregierungschef und Präsidenten der Lega-Partei, zählt er zu seinen Freunden. Von Giorgia Meloni, der Ministerpräsidentin der postfaschistischen Fratelli d’Italia, ist Bardella noch nicht empfangen worden. Dass er ihren pragmatischen Weg kopieren will, ist offensichtlich.Noch kann Jordan Bardella mit seinem Kurs die Partei hinter sich vereinen. Doch nach dem Berufungsurteil dürften Grabenkämpfe zwischen seinem Lager und dem Clan Le Pen aufbrechen. Dann liegt es am Parteichef, eine Spaltung zu verhindern. Als abschreckendes Beispiel dürften ihm Erzählungen über das Jahr 1998 dienen. Damals hatte der damalige Vize Bruno Mégret zusammen mit der Hälfte der Kader den Front national verlassen. Die Spaltung schwächte die Partei für mehrere Jahre.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Jordan Bardella: Wie der RN-Chef seine Mentorin überholt
Noch bevor das Berufungsgericht in Paris über die Wählbarkeit von Le Pen entschieden hat, macht ihr Ziehsohn nun Tempo. Vor allem wirtschaftspolitisch distanziert sich Bardella von Le Pen. Die Umfragen führt er mit weitem Abstand an.









