Frankfurt und das gesamte Rhein-Main-Gebiet zählen zu den Regionen mit der höchsten Hitzebelastung in Deutschland. Das hat sich erst dieser Tage wieder gezeigt, auch wenn die bundesweiten Spitzenwerte wahrscheinlich andernorts gemessen werden. So erwartet der Deutsche Wetterdienst für diesen Samstag an der Messstelle am Frankfurter Flughafen einen Rekordwert von rund 41 Grad. Schon in der Nacht zum Freitag ist die heißeste Nacht aller Zeiten am internationalen Drehkreuz der Mainmetropole registriert worden: Stolze 25,5 Grad wurden am Morgen des 26. Juni um fünf Uhr als niedrigste Temperatur der Nacht gemessen. Und das war nicht einfach nur eine Rekordnacht, sondern in diesem Juni schon die siebte Tropennacht in Folge. Das sind Nächte, in denen die Temperaturen nicht unter die 20-Grad-Marke sinken. Dann ist das Schlafen kaum möglich, die Hitzebelastung für den menschlichen Körper auch in der Nacht extrem hoch.Und damit nicht genug: Es kann gut sein, dass dieser Sommer eine Rekordzahl sogenannter heißer Tage bringen wird, also solcher, an denen die Höchsttemperaturen auf 30 Grad und mehr steigen. Denn in Frankfurt, aber nicht nur dort, herrschen schon seit Donnerstag, 18. Juni „heiße Tage“ mit entsprechenden Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes. Laut seiner Prognosen klingt diese Hitzewelle erst am nächsten Dienstag ab. Damit würden sich die Hitzetage allein bei dieser Hitzewelle seit Mitte Juni auf zwölf summieren. Das wäre dann eine der längsten solcher Perioden seit Einführung des Hitzewarnsystems des Deutschen Wetterdienstes im Jahr 2005, und die früheste im Jahr überhaupt. Insgesamt summieren sich die Hitzetage in Frankfurt in diesem Jahr auf 18. Das ist nach Angaben der Fachleute etwas Besonderes für diesen frühen Zeitpunkt im Jahr. Schließlich beginnt der Sommer erst.Hitze und Trockenheit – „das neue Normal“Die gesamte aktuelle Hitzewelle ist nach Angaben der Meteorologen „in ihrer Länge und dem frühen Auftreten im Sommer außergewöhnlich und in der Hitzebelastung für die Menschen ungewöhnlich hoch“, Ihr Fazit: Gerade beim Thema Hitzewellen zeige sich der Einfluss des Klimawandels sehr deutlich. Es sei absehbar, dass die Hitzewellen häufiger und heißer würden und zudem länger andauerten. „Wir müssen uns für die Zukunft auf weitere Zunahmen vorbereiten“, warnt der Deutsche Wetterdienst. Die Frankfurter Umwelt- und Klimadezernentin Tina Zapf-Rodríguez (Die Grünen) nennt die derzeitige Hitzewelle „einen Vorboten, was uns blüht“. Eine solche Phase sei „das neue Normal – darauf müssen wir uns einstellen“.Überraschend ist diese Entwicklung nicht. Wissenschaftler haben sie seit Jahren prognostiziert. Nicht ohne Grund hatte die Weltgemeinschaft bei der Klimakonferenz im Jahr 2015 vereinbart, alles zu tun, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Das Ziel ist längst gerissen worden. Thomas Schmid, Präsident des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie, stimmt die Bürger schon seit Längerem darauf ein, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr einzuhalten sei. Derzeit liegt der Jahreswert für Hessen bei 2,3 oder 2,4 Grad Erderwärmung. Die Worst-Case-Prognose, bei der man davon ausgeht, dass keine zusätzlichen Anstrengungen zur Minderung des CO₂-Ausstoßes unternommen werden, sehen in Hessen für das Jahr 2100 Temperaturen von plus vier oder fünf Grad im Jahresmittel vor. „Vier Grad wärmer, das will man nicht erleben“, sagt Schmid.Fachleute sind sich jedoch einig, dass es trotz aller Informationen und Prognosen schwierig ist, sich diese Klimaveränderungen insbesondere mit Blick auf die Temperaturen vorzustellen. In dieser Hinsicht ist die derzeitige Hitzewelle gut, weil sie die Veränderungen spürbar macht. Der Meteorologe Karsten Schwanke erläutert das Phänomen so: „Wir Menschen sind in der Lage, Temperaturunterschiede zu fühlen“, sagt er. Die Wärme des Wassers aus dem Wasserhahn könnten wir deutlich spüren und beurteilen. „Doch unsere Umgebungsluft in einer Genauigkeit von einem Grad mehr oder weniger einzuschätzen – das können wir nicht.“ Es sei in der Evolutionsgeschichte für die Menschen nicht wichtig gewesen zu unterscheiden, ob die Außentemperatur bei sechs oder sieben Grad liege.Wasserspiele: In Zeiten des unaufhaltsamen Klimawandels sollten Kommunalpolitiker bestrebt sein, möglichst viele feuchte und kühle Orte in ihren Städten zu schaffen.Ben KilbDas könnte erklären, warum für viele auf den ersten Blick die Information, dass in Hessen die Temperaturen im Jahresmittel schon um 2,3 Grad gestiegen sind, nicht als Katastrophenmeldung wahrgenommen wird. Zudem lieben die Deutschen sonnige Tage, und wenn es mehr davon gibt, ist das für viele keine schlechte Nachricht. Im Gegenteil. Und was bedeutet es schon, wenn Temperaturen im Jahresmittel steigen? Erst wenn am Tag die 40- oder vielleicht sogar 41-Grad-Marke geknackt wird, nachts die Temperaturen nicht unter 25 Grad sinken, Ozonwerte steigen, das Wasser knapp wird, Waldbrände zunehmen und die meist mit der Hitze verbundene Trockenheit Bäume absterben lässt, wird Klimawandel für die allermeisten spürbar. Aus Sicht von Karsten Schwanke ist die fehlende Vorstellungskraft der Menschen für die Temperatur der Umgebungsluft eine zentrale Herausforderung für all diejenigen, die den Klimawandel und damit einhergehende Veränderungen vermitteln wollen.Mitarbeiter des Umweltbundesamts haben sich auch deshalb mit anderen Wissenschaftlern zusammengesetzt und gemeinsam überlegt, wie die Klimaveränderungen anschaulich dargestellt werden könnten. Dazu sind sie der Frage nachgegangen, ob sich mithilfe der Analyse von Klimadaten wenigstens bis zum Ende dieses Jahrhunderts in die klimatische Zukunft deutscher Städte schauen lasse.Denn um die Veränderungen anschaulich zu machen, sei es hilfreich, so die These, nach sogenannten klimatischen Zwillingen zu suchen. Zwillingsstädte, die von den Temperaturen, aber auch von den Niederschlägen her annähernd vergleichbar sind. Als Referenzperiode haben die Wissenschaftler die Klimadaten im Zeitraum von 1961 bis 1990 genommen und zunächst mit dem Zeitraum von 1986 bis 2015 verglichen. Dabei haben sie immer nur die mittleren Klimaveränderungen und keine Extremwetterereignisse berücksichtigt.Das Ergebnis war auch für die Forscher verblüffend. Zunächst hat sich nämlich gezeigt, dass sich schon jetzt das Klima in allen Regionen Deutschlands verändert hat. Viele Städte, so die Forscher, haben heute ein Klima, das vor 50 Jahren mindestens 100 Kilometer, mitunter sogar bis zu 600 Kilometer weiter im Südwesten herrschte. Frankfurt beispielsweise hat demnach derzeit ein Klima, wie es im französischen Lyon üblich ist. Köln entspricht derzeit schon der Region nordöstlich der französischen Stadt Tours. Hamburg ist zu Köln geworden.Doch die Wissenschaftler wollten ja in die Zukunft schauen, und so haben sie die Entwicklung in zwei weitere Zeiträume verschoben. Wo finden sich die deutschen Städte im Zeitraum von 2031 bis 2060 wieder, und welchen klimatischen Zwillingsstädten entsprechen sie in den Jahren 2071 bis 2100? In der ersten Zeitphase, also zwischen 2031 und 2060, soll sich das Klima beispielsweise von Frankfurt weiter in Richtung Südwesten und damit in den Süden von Frankreich verschieben. Die klimatische Zwillingsstadt wäre in dieser Phase Montauban in der Region Okzitanien, nördlich von Toulouse. In ganz Deutschland würden sich die Temperaturen deutlich erhöhen, so das Ergebnis der Analyse, die Niederschläge verändern sich hingegen nur wenig. Die klimatischen Bedingungen würden sich also weiter in Richtung Südwesten verschieben, größtenteils nach Zentralfrankreich, teilt das Umweltbundesamt mit.Im Jahr 2100 würde in Frankfurt ein Klima wie im heutigen Kroatien herrschen, etwa entsprechend einer Region nördlich von Split. In Berlin gäbe es dann klimatische Bedingungen wie im italienischen Fermo, einer Stadt südlich von Ancona. Köln hätte seine klimatische Zwillingsstadt ebenfalls in Kroatien, in Hamburg herrschten klimatisch vergleichbare Bedingungen wie heute in Bordeaux.In Magdeburg wie in PamplonaDie Klimadatenanalyse hat nach Angaben des Bundesamts gezeigt, dass die Städte, die heute für deutsche Verhältnisse relativ kühl und feucht sind – wie Hamburg –, klimatisch gesehen künftig in der Nähe der Atlantikküste liegen. Die eher heiß-trockeneren bis heiß-feuchten Städte würden sich dagegen im Adria-Klimaraum wiederfinden. Relativ heiße und sehr trockene Städte wie Brandenburg, Magdeburg oder Cottbus könnten dann sogar ein Klima wie in Nordspanien haben, etwa wie in Pamplona.Selbst dies wird für viele nicht abschreckend klingen, schließlich handelt es sich bei den klimatischen Zwillingsstädten vielfach um beliebte Urlaubsregionen der Deutschen. Doch um beim Frankfurter Beispiel zu bleiben, hilft vielleicht die Einordnung, dass das kroatische Frankfurt wohl kaum das beliebte Meerklima hätte, sondern eher eines, das im Landesinneren herrscht. Und dort, etwa in der Region um Knin, werden derzeit in jedem Sommer mehr als 50 Hitzetage registriert.Zum Vergleich: In Frankfurt liegt der Rekord an Hitzetagen bisher bei 43 Tagen, und zwar im Jahr 2018. Ein Jahr, das durch seine lang anhaltende Hitze und Trockenheit die Diskussion über die Folgen des Klimawandels in Deutschland nachhaltig angestoßen hatte. 2018 ist denn auch als das bisher wärmste Jahr in Frankfurt in die Geschichte eingegangen. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre wurden 24 Hitzetage registriert. Die kroatische Zwillingsregion hat mehr als doppelt so viele.
Klimawandel: Wenn Frankfurt in Kroatien liegt
Lange Hitzewellen und immer mehr Tage mit mehr als 30 Grad. Fachleute warnen, dass solche Extremphasen zur Normalität werden – mit Folgen, die das Klima der Region langfristig in Richtung Kroatien verschieben könnten.













