Zohran Mamdani war scheinbar erst der Anfang. Vielerorts triumphieren nun Kandidaten der Demokraten, die weit links stehen. Aber wie realistisch sind die Pläne von Vergesellschaftung und Co.? Die US-Wirtschaft reagiert mit Sorge auf die Wahlerfolge.Vor einem Jahr kannte den Mann niemand. Heute sprechen Medien von ihm als „König von New York“: Zohran Mamdani, 34 Jahre und Bürgermeister der größten Stadt der USA. Längst denkt der selbsterklärte demokratische Sozialist über die Grenzen der Stadt hinaus. Denn Amerika erlebt gerade eine politische Revolte – und sie kommt von innen. Weniger die Republikaner sind es, die den alteingesessenen Demokraten in ihren Wahlkreisen gefährlich werden, sondern die eigenen Leute.Eine neue Generation Linker läuft bei den Vorwahlen von einem Erfolg zum nächsten, schickt langjährige Amtsinhaber in den Vorruhestand und stellt die Parteiführung vor eine Frage, auf die sie bislang keine Antwort hat: Ist das der Aufbruch, den die Partei braucht, um das Weiße Haus zurückzuerobern, oder der Anfang ihres nächsten Absturzes? Die Midterm-Wahlen im November werden die Antwort liefern. Bis dahin zeigt sich die Demokratische Partei gespalten wie seit Jahren nicht mehr – und rückt weiter nach links.Das Ausmaß der Erschütterung wird aktuell besonders in New York City sichtbar. Alle drei Linksaußen-Kandidaten, die Mamdani in umkämpften Kongressvorwahlen unterstützt hatte, gewannen ihre Rennen, darunter zwei, die gegen amtierende Demokraten angetreten waren. Brad Lander verdrängte den Abgeordneten Dan Goldman im 10. Wahlkreis mit fast zwei Dritteln der Stimmen – Goldman galt Mamdanis Leuten als zu israel-freundlich. Lesen Sie auchDarializa Avila Chevalier, eine 32-jährige Gemeindeorganisatorin, schlug den fünfmaligen Kongressabgeordneten Adriano Espaillat mit knapp vier Punkten Vorsprung. Und Claire Valdez gewann den 7. Wahlkreis, obwohl die scheidende Abgeordnete Nydia Velázquez einen anderen Kandidaten unterstützt hatte. Alle drei werden im November in sicheren demokratischen Distrikten antreten. Ihr Einzug in den Kongress gilt als Formsache.Wochen zuvor hatte sich in Maine eine ähnliche Kampfabstimmung abgespielt. Graham Platner, ein 41-jähriger Veteran und Austernzüchter, gewann die demokratische Senatsvorwahl mit 72 Prozent der Stimmen – ein Rekordergebnis. Sein Gegner war dabei nicht irgendwer: Die amtierende Gouverneurin Janet Mills war von Senate Minority Leader Chuck Schumer persönlich ins Rennen geschickt worden. Mills gab auf, bevor auch nur ein einziger Stimmzettel ausgezählt war. Im November tritt Platner gegen die republikanische Senatorin Susan Collins an – in einem der meistbeachteten Rennen des Jahres.Denn Platner ist eine Figur, die polarisiert. Kein Karrierepolitiker, kein Akademiker, eher einer, der das Verlangen der Demokraten nach einem Anti-Establishment-Kandidaten bedient. Der Mann mit dem markanten Schnauzbart wuchs an der Küste Maines auf, meldete sich nach der Highschool bei den Marines, diente dreimal im Irak und einmal in Afghanistan – und rang danach laut eigenen Angaben mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Dann wurde er Barkeeper, dann Vertragsarbeiter für das State Department in Kabul und schließlich Austernfarmer.Lesen Sie auchSeine politische Sprache ist entsprechend: ungeschliffen, direkt, ohne Rücksicht auf Parteikonventionen. In einem Dezember-Interview mit dem Magazin „New Yorker“ lehnte er es ab, sich Sozialist zu nennen, und beschrieb sein politisches Engagement als Organisieren rund um lokale Gerechtigkeitsfragen. Sein Programm klingt trotzdem ziemlich links: eine Vermögenssteuer von fünf Prozent für Milliardäre, Medicare für alle, die Abschaffung von ICE – und ein öffentliches Versprechen, Chuck Schumer niemals als Senatsmehrheitsführer zu unterstützen. Schumer hatte Mills aufgebaut. Platner macht Schumer zur Zielscheibe. Statt geschlossene Reihen zu bilden, verhärten sich die Fronten bei den Demokraten immer weiter.Antisemitismus-Vorwürfe reißen nicht ab Der gemeinsame Nenner dieser Kandidaten ist die Wut auf Donald Trump. Und diese Wut richtet sich längst nicht mehr nur gegen die Republikaner. Sie trifft das eigene Establishment. Platners Kampagne wurde zum Stellvertreterstreit über die Ausrichtung der Partei, nachdem Trump 2024 seine zweite Amtszeit sicherte. Er hat die demokratische Führung in Washington immer wieder dafür kritisiert, den Interessen von Konzernen und Geldgebern zu dienen – auf Kosten der Arbeiterklasse. Es ist genau dieser Sound von Mamdani und Co., der die Führungsriege um Hakeem Jeffries und Chuck Schumer in die Ecke drängt: Sie werden entscheiden müssen, ob auch im Zuge der Präsidentschaftswahl 2028 ein Linksruck die richtige Strategie ist – oder ein gefährlicher Irrweg.Jeffries, der Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, hatte Goldman und Espaillat unterstützt. Beide verloren. Die Wucht der Niederlage ließ die Dämme brechen. Josh Gottheimer aus New Jersey, ein moderater Demokrat, sagte dem Sender CNN: „Offensichtlich haben die Sozialisten einen großen Sieg errungen. Die Frage ist: Lassen wir zu, dass sie die Partei übernehmen? Oder werden wir aufstehen und zurückschlagen? Wenn man Sozialist ist, ist man kein Demokrat.“Lesen Sie auchThomas S. De Luca Jr., Politikwissenschaftsprofessor an der Fordham University, ordnete die Ergebnisse so ein: „Die Wache hat noch nicht gewechselt, aber das ist eindeutig eine Warnung an das Establishment, dass der Kampf begonnen hat.“ Das was einst Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez begonnen haben, führt nun die neue Generation weiter. Die 36-Jährige gilt als mögliche Kandidatin für das Vizepräsidentenamt.Im Zentrum des „sozialistischen“ Programms steht die Wohnungsfrage – und nirgends zeigt sich das Experiment deutlicher als in New York City. Mamdani setzt auf ein Programm von Mietpreisfrierungen und staatlich gefördertem Wohnraum. Sein konkretes Vorhaben: 200.000 neue bezahlbare Wohneinheiten bauen, 200.000 bestehende sichern – finanziert durch ein 22-Milliarden-Dollar-Paket über fünf Jahre. Dazu kommt das politisch heikelste Element: ein Mietpreisstopp für über eine Million mietpreisgebundene Wohnungen, den der Bürgermeister am Freitag bekanntgab. Klar ist: Finanziert werden können die Pläne nur mit frischen Milliarden vom Bundesstaat und Steuererhöhungen für Reiche und Unternehmen.Kein Wunder, dass die Wirtschaft alarmiert ist. Von einem „sehr beängstigenden Ergebnis“ spricht Steven Fulop, Geschäftsführer der „Partnership for New York City“, einer Wirtschaftsvereinigung, die sich für große Unternehmen wie Pfizer und JPMorgan Chase einsetzt. Die Wahl müsse ein „Weckruf“ sein, so Fulop gegenüber dem „Wall Street Journal“.Parteiführung zeigt sich gespaltenAuch die Immobilienbranche reagiert mit eindringlichen Warnungen. Denn künstlich gedeckelte Preise hemmen den Neubau, was letztlich zu Wohnungsmangel und höheren Marktmieten führen kann, also dem Gegenteil vom gewünschten Effekt. Dass Mamdanis „Rent freeze“ aber derart populär ist, verwundert nicht angesichts der horrenden Mieten in der Stadt. Seit 2020 sind die Betriebskosten laut Community Preservation Corporation (CPC) in der Stadt für mietpreisgebundene Wohnhäuser um 22 Prozent gestiegen, während die Mieten um rund elf Prozent zulegten. Steigende Kosten für Versorgungsleistungen, Versicherungen und Arbeit ohne entsprechende Einnahmen jedenfalls könnten zum Verfall von Gebäuden führen, warnen Experten.Mietvorschriften setzten private Investoren unter Druck und könnten die Fähigkeit der Stadt untergraben, so viele Wohnungen zu bauen wie andere Städte. Ann Korchak, Vorstandspräsidentin der Small Property Owners of New York, wird noch konkreter: „Wenn das Mietrichtlinien-Gremium die Daten aus seinen eigenen Berichten angewandt hätte, hätte es anerkannt, dass eine Mindestmieterhöhung von 5,3 Prozent erforderlich ist, um die stark gestiegenen Betriebskosten zu decken.“ Vermieterverbände haben bereits Klagen angekündigt – ihr Kernargument: Ein dauerhafter Mietpreisstopp untergrabe die Grundlage bestehender Hypotheken.Lesen Sie auchNeben dem Streit um die Programmatik schwelt eine Debatte, die tiefer geht und die Partei noch stärker belastet: die Frage des Antisemitismus. Alle drei Mamdani-Kandidaturen in New York waren mit scharfer Israelkritik verbunden – bei Avila Chevalier reicht diese Kritik weit über außenpolitische Differenzen hinaus. Sie hatte in sozialen Medien geschrieben, Israel existiere nicht. „Zohran Mamdani hat die Lage verschärft, anstatt sie zu beruhigen“, sagt Scott Richman gegenüber WELT. Der Anwalt ist der New Yorker Regionalleiter der Anti-Defamation-League (ADL), die sich gegen die Diskriminierung von Juden einsetzt. Besonders gefährlich sei die Entwicklung, da die antisemitische Gewalt in den USA ohnehin schon neue Höchststände erreicht habe, so Richman.Auch Dan Goldman, ein jüdischer Demokrat, hat die Entwicklung schon früh mit Sorge beobachtet. „Wie uns die Geschichte gelehrt hat, werden antisemitische Tropen und Stereotypen, von denen ich einige persönlich in diesem Wahlkampf gehört habe, letztendlich den Untergang unserer Demokratie bedeuten, wenn wir nicht alle einschreiten und uns äußern – auch wenn es politisch nicht opportun ist“, sagte er unlängst in einem Interview. Auch Platner in Maine hatte mit ähnlichen Vorwürfen zu kämpfen. Ein Tattoo auf seiner Brust ähnelte dem Totenkopf der SS. Platner erklärte, er habe es betrunken mit anderen Marines in Kroatien stechen lassen und es für ein generisches Piraten-Symbol gehalten. Er ließ es übertätowieren, und entschuldigte sich später öffentlich.Lesen Sie auchDer politische Analyst J.C. Polanco benennt das strategische Problem direkt: „Wenn New Yorker Demokraten Menschen wählen, die in ihrer Rhetorik so antisemitisch sind, wird das (…) die Botschaft aussenden, dass dies die Richtung der Demokratischen Partei ist“, so Polanco gegenüber dem Sender CBS. Viele der Kandidaten, die in den urbanen Zentren Siege erringen, seien schon in den Vorstädten für viele Menschen kaum wählbar.Genau darin liegt die strukturelle Schwäche des sozialistischen Aufstiegs. Auf dem Land bleibt er in weiter Ferne. Und das Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus gibt den Republikanern ein Angriffsziel, das sie dankbar aufnehmen. „Diese Art von Menschen tauchen im ganzen Land auf. Das ist eine gefährliche Sache. Das ist kein Scherz. Wir kämpfen gerade darum, die Republik zu retten“, stachelt der Kongressabgeordnete Mike Johnson an. Und das National Republican Congressional Committee erklärte lapidar, die Demokratische Partei gehöre nun offiziell den Sozialisten.Mamdani lässt das kalt. „Ich sehe diese Ergebnisse als Spiegel der Tatsache, dass die New Yorker hungrig sind nach einer neuen Art von Politik“, sagte er am Morgen nach der Wahl. Er sieht die Kämpfe seines Bezirks als Abbild der Kämpfe, die im ganzen Land geführt werden – um bezahlbare Mieten, um Gesundheitsversorgung, um eine neue Lastenverteilung. In Brooklyn mag das überzeugend klingen. Im Rest Amerikas, dort, wo die Midterms entschieden werden, ist das noch nicht bewiesen. Bei den Wahlen dürfte sich dann zeigen, wer den Richtungsstreit in der Partei gewinnen wird.Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.