Kommentar«Hitzeflaute» treibt Strompreise auf Spitzenwerte – der Strommarkt benötigt dringend mehr MarktmechanismenIn Deutschland kostete Strom diese Woche kurzzeitig über 700 Euro pro Megawattstunde. Solche Preisspitzen sind im Sommer äusserst selten. Sie zeigen die Unwucht im deutschen Strommarkt.27.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Sonne brennt, der Solarstrom fliesst – doch nur bis zum Abend.UCG / Universal Images GroupSommerzeit ist Solarzeit. An Tagen wie diesen mit teilweise rund dreizehn Sonnenstunden laufen Solaranlagen auf Hochtouren. Das sorgt in der Tendenz für eine stabile Stromversorgung und niedrige Preise – jedoch nicht zu jeder Zeit. In dieser Woche ist es in Deutschland am Abend zu sehr ungewöhnlichen Spitzenwerten des Strompreises gekommen. Zwar schwanken die Preise auch in Ländern wie Frankreich und der Schweiz je nach Tageszeit, doch in Deutschland sind die Ausschläge extrem. In der Spitze wurden Preise von über 700 Euro pro Megawattstunde erreicht. Solche Werte waren bisher im Sommer die absolute Ausnahme.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Klimaanlagen begünstigen HitzeflautenFür das Phänomen hat sich bereits ein Name etabliert: Hitzeflaute. Die Bezeichnung ist angelehnt an die Dunkelflaute, die man aus dem Winter kennt. In der kalten Jahreszeit kommt es immer wieder dazu, dass sowohl Solar- als auch Windkraftanlagen sehr wenig Strom produzieren, weil die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.Im Sommer ist es an heissen Tagen ähnlich. Zwar scheint dann die Sonne stark, doch oft weht kaum Wind. Beim Übergang vom Tag zur Nacht, wenn die Einspeisung von Solarenergie verschwindet, werden andere Stromquellen benötigt.Doch warum ist ausgerechnet in dieser Woche die Hitzeflaute so stark aufgetreten? Das hat mehrere Gründe. Die Temperaturen sind derzeit für Mitteleuropa aussergewöhnlich hoch. Das treibt den Stromverbrauch nach oben, weil Klimaanlagen und Ventilatoren auf Hochtouren laufen. Das gilt nicht nur für private Haushalte, sondern auch für Büros und für Industrieanlagen. Letztgenannte sind teilweise auf eine Klimatisierung angewiesen, man denke nur an die immer grösser werdende Zahl von Rechenzentren. Und durch die Fussball-WM sitzen vermutlich derzeit mehr Menschen abends vor dem Fernseher als in heissen Sommernächten ohne Sportereignis.Bei einem Strommangel fahren Kraftwerksbetreiber üblicherweise ihre Gas- und Kohlekraftwerke hoch. Doch im Sommer finden oft Revisionen der Kraftwerke statt, so dass derzeit viele Kraftwerke nicht am Netz sind. Manche Beobachter vermuten zudem, dass es sich für Kraftwerksbetreiber zu wenig lohnt, für zwei bis drei Stunden am Abend ihre Kraftwerke hochzufahren. Das dürfte ziemlich sicher für Kohlekraftwerke gelten, bei Gaskraftwerken ist die Lage unklarer.Wenngleich derzeit wenige Stunden mit sehr hohen Preisen sehr vielen Stunden mit sehr niedrigen Preisen gegenüberstehen, wirft das Phänomen der Hitzeflaute doch Fragen zur Energiewende auf. Das gilt vor allem für Deutschland.Das Land exportierte diese Woche bis Donnerstag 33 Gigawattstunden zu durchschnittlich etwa 62 Euro pro Megawattstunde, importierte jedoch zugleich 168 Gigawattstunden zu etwa 208 Euro. Die Importe kamen aus den umliegenden Ländern, beispielsweise aus Frankreich und der Schweiz. Für diese Länder ist das deutsche Modell in den betreffenden Phasen ein gutes Geschäft.Weil Deutschland weiterhin unbedingt auf Atomkraft verzichten will, benötigt das Land mehr flexible Gaskraftwerke und mehr Batterien. Der Bau neuer Gaskraftwerke ist in Planung, und der Batteriemarkt kommt derzeit laut Marktbeobachtern von allein in Schwung, da das Geschäftsmodell attraktiv ist. Heutzutage können marktübliche Batterien den Strom für ein bis vier Stunden speichern. Das reicht, um die Stromlücke am Abend zu füllen.Flexible Stromverträge mit dynamischen TarifenSehr wichtig ist ferner, dass am Strommarkt mehr Marktmechanismen eingeführt werden. Das fordern Experten schon seit Jahren, doch sie werden zu wenig gehört. Es braucht zum Beispiel mehr digitale Stromzähler (Smart Meters) und flexible Preise, an denen sich die Kunden beim Verbrauch orientieren können. Nur so werden sie ihre Waschmaschine dann laufen lassen oder ihr Elektroauto dann aufladen, wenn der Strom günstig ist. Derzeit haben in Deutschland jedoch die allermeisten Kunden Verträge mit fixen Energiepreisen, und bei Smart Meters gehört das Land zu den Schlusslichtern in Europa. Das ist hochnotpeinlich. In der Schweiz sieht es vor allem bei flexiblen Stromverträgen mit dynamischen Tarifen allerdings sehr ähnlich aus. Der Weg zu einer effizienten Stromversorgung führt in Europa über den Markt.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
Neues Phänomen «Hitzeflaute». Sie treibt deutsche Strompreise kurzzeitig auf Spitzenwerte
In Deutschland kostete Strom diese Woche kurzzeitig über 700 Euro pro Megawattstunde. Solche Preisspitzen sind im Sommer äusserst selten. Sie zeigen die Unwucht im deutschen Strommarkt.












