Die Fremdheit zwischen den Menschen überwinden – zum 100. Geburtstag von Hans Werner HenzeEr war Komponist, Aktivist und ein unverbesserlicher Idealist auf der Suche nach Schönheit. Wie seine Freundin Ingeborg Bachmann wäre Henze dieser Tage hundert geworden. Er hat die Musik nach 1945 so stark beeinflusst und politisiert wie kaum ein Zweiter.Christiane Albiez27.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenHans Werner Henze (1926–2012), hier bei einem Auftritt als Dirigent während der 1960er Jahre.Werner Neumeister / ImagoHerbst 1965: In einem Münchner Hotel beugen sich zwei prominente Künstler über ein Manuskript. Sorgfältig wird jeder Satz auf seine Wirkung überprüft, schliesslich soll diese Rede Willy Brandt zum Einzug ins Kanzleramt verhelfen. Beide begeistern sich für Brandts Friedenspolitik und seinen Reformwillen. Am nächsten Tag wird einer der beiden auf einer grossen Wahlkampfveranstaltung sprechen. Es ist Deutschlands damals meistgespielter zeitgenössischer Komponist, Hans Werner Henze. Seine kritische Leserin ist die Dichterin Ingeborg Bachmann, die den Freund zum Engagement für Brandt motiviert hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland engagieren sich Künstler in einem Kanzlerwahlkampf. Neben Literaten wie Günter Grass und Bachmann tritt Henze als einziger Komponist für Brandt ein. 1965 lebt er bereits zwölf Jahre in Italien, ist Autor von zwanzig Bühnenwerken und fünf Sinfonien, dank gut bezahlten Aufträgen wirtschaftlich bestens aufgestellt und kurz davor, ein Anwesen in der römischen Campagna samt Schwimmbad und Tennisplatz zu beziehen. Aus der Ferne beobachtet er, wie in Deutschland ein gesellschaftlicher Sturm aufzieht.An den Universitäten gibt es Proteste gegen knöcherne Hierarchien, veraltete Moralvorstellungen und die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Henze, seit seiner Jugend politisch sensibilisiert, horcht auf. Er spürt, dass er sein ebenso rastloses wie mondänes Leben zwischen internationalen Aufführungen und dem Arbeitsalltag im italienischen Idyll nicht wie bisher fortsetzen kann.Ein politisches FanalJetzt sind Bekenntnisse, mehr noch, Aktionen gefordert. Er schreibt an Bachmann: «Und der Künstler ist nichts, wenn er nicht den anderen hilft, die noch unterdrückter sind als er. Wenigstens hat der Künstler eine Stimme, was die anderen nicht haben.» Die Teilnahme an Brandts Wahlkampagne ist ein erster Schritt zum politischen Engagement. Dann geben die Studentenunruhen Henze die Möglichkeit, aktiver Teil einer Bewegung zu werden. Er reist häufig nach Berlin, beteiligt sich an Demonstrationen, ist Mitorganisator des Vietnam-Kongresses und sympathisiert mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Im Sommer 1968 nimmt er den bei einem Attentat schwer verletzten Rudi Dutschke zur Pflege bei sich in Italien auf.Zeitgleich schreibt er ein grosses Oratorium, das der Norddeutsche Rundfunk für 80 000 Mark bei ihm in Auftrag gegeben hat: «Das Floss der Medusa» erzählt die historisch verbürgte Havarie des Schiffs «Medusa», bei der das Offizierskorps gerettet, die Mannschaft hingegen auf einem notdürftigen Floss ausgesetzt wird, nur wenige überleben. Henze nutzt die Gelegenheit für ein politisches Fanal. Er widmet das Stück dem ermordeten Che Guevara und versteht es als allegorische Beschreibung eines Kampfes, aus dem «die Entschlossenheit zur Änderung unerträglicher Verhältnisse hervorgehen» soll. Die letzten Takte des Stücks greifen den prägnanten Rhythmus der damals populären «Ho-Ho-Ho Chi Minh»-Rufe auf.Schon vor der geplanten Uraufführung im Dezember 1968 in Hamburg bricht eine Pressekampagne gegen den Komponisten los, die bis heute im Musikleben beispiellos ist. Die deutschen Leitmedien überschlagen sich: Gerade noch einen rauschenden Erfolg bei den Salzburger Festspielen mit der Antikenoper «Die Bassariden» (1966) feiern, üppige Honorare kassieren und gleichzeitig die Weltrevolution fordern?Die «Zeit» spottet: «Unser Respekt vor Pfiffikussen, die die kapitalistische Kuh erst melken, ehe sie sie schlachten, hält sich in Grenzen.» Am Abend der Uraufführung kommt es zum Eklat. Eine von Studenten am Dirigentenpult befestigte rote Fahne löst Tumulte aus. Der Berliner Rias-Chor will nicht auftreten, das Eingreifen behelmter Polizisten führt zur Eskalation. Ein Gesetzeshüter schlägt den Intendanten und Textautor Ernst Schnabel krankenhausreif, die Solisten Dietrich Fischer-Dieskau und Edda Moser fliehen aus dem Saal. Und auf der Bühne: der Komponist in Schlips und Kragen, fassungslos, aber standhaft. Aufführung und Live-Übertragung durch 22 europäische Rundfunkanstalten fallen aus.Der Skandal bleibt nicht ohne Folgen. Ein erschütterter Henze zieht drastische Konsequenzen. Er reist zum Unterrichten und zur Feldarbeit nach Kuba, das damals vielfach als sozialistisches Musterland betrachtet wird. Und er schreibt Texte zum Thema «Musik und Politik». Der Komponist befindet sich in einem Dilemma: Will er seine linken, antibürgerlichen Positionen in Musik fassen, ist er auf die Institutionen des bürgerlichen Musikbetriebs angewiesen – auf Orchester, Rundfunkanstalten, Plattenfirmen.Hans Werner-Henze auf einem Porträt von 1972.Jack Robinson / Hulton / GettyIn den kommenden Jahren komponiert er deshalb – sieht man von der vom kubanischen Nationalrat beauftragten «Sinfonia N. 6» ab – vornehmlich klein besetzte, experimentelle Stücke wie «El Cimarrón» (1970) über den Freiheitskampf eines geflohenen Sklaven. Allerdings blieb ihm auch nichts anderes übrig. Denn der bis anhin üppige Strom der Kompositionsaufträge reisst ab. Und nicht nur das: Seine Werke werden plötzlich viel seltener gespielt. Damit brechen Henzes Einkünfte rapide ein. Die Ablehnung in der Heimat richtet sich unmissverständlich gegen seine Person. Der Lichtgestalt der zeitgenössischen Musik verzeiht man nicht, dass sie neben dem künstlerisch Perfekten auch das moralisch Richtige sucht.Die Last der eigenen HerkunftBis heute wird diese aktivistische Phase gern als peinliche Entgleisung in Henzes Leben gedeutet. Doch man versteht seine Agitation nur, wenn man darin die sich explosionsartig entladende Wut auf die eigene, schwer belastete Herkunft erkennt. Der homosexuelle Schulabbrecher aus der ostwestfälischen Provinz hat die Verhältnisse, aus denen heraus sich seine geistige Gangart entwickelte, häufig beschrieben: Als 1926 Geborener gehört er – wie die gleichaltrige Bachmann – zu einer Generation, die noch halb als Kind in den Weltkrieg gezwungen und vielfach Mitwisser unvorstellbarer Verbrechen geworden war.Der Vater, ein glühender Nazi, wollte den Sohn an der Musikschule der Waffen-SS unterbringen und opferte sein Leben bereitwillig für den «Führer». Die Kluft zwischen den alten wirtschaftlichen Eliten und der bitteren Armut grosser Bevölkerungsteile nach 1945, auch der seiner eigenen Familie mit fünf Geschwistern, schärfte Henze früh den Sinn für soziale Benachteiligung.Das Festhalten an reaktionären Werten und Autoritäten nach dem moralischen Totalversagen Nazideutschlands empörte ihn zutiefst. Die Diskriminierung als Homosexueller lehrte ihn, dass das Private politisch ist. Und schliesslich lastete auf ihm auch das Gefühl einer Mitschuld am Faschismus: «Diese Erfahrung trage ich mit mir herum wie eine Pestleiche, eine Erbsünde, die sich nicht abschütteln lässt.»Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann verband eine geradezu symbiotisch enge Freundschaft. Sie schrieb zudem etliche Textbücher zu seinen Bühnenwerken.PDAuf diesem Boden gedieh früh eine künstlerische Vision, die Henze lebenslang verfolgen sollte. Er sah seine Aufgabe darin, «mithilfe der Musik und in der Musik eine intellektuelle und moralische Veränderung herbeizuführen, Vermenschlichung, Freiheit, schöpferisch humanistische Freiheit». Musik sei ein «Ausdrucks- und Kommunikationsmittel», ihr Gegenstand immer ein human concern. Deshalb suchte er nach einer Musiksprache, die möglichst viele Menschen hören und verstehen sollten. Dazu brauchte er Erfolg auf den grossen, am besten internationalen Bühnen.Flucht aus der IsolationUnd dieser Erfolg stellt sich ein, rasch. Obwohl musikalisch wenig vorgebildet, reüssiert er beim ersten Ferienkurs für Musik 1946 im ausgebombten Darmstadt und bekommt sofort einen Generalvertrag beim Mainzer Schott-Verlag, der schon die Werke von Beethoven, Wagner und zahllosen weiteren Grössen herausgebracht hat. Schlag auf Schlag folgen erste Kompositionsaufträge, Kontakte zu wichtigen Theaterleuten, Dirigenten und Musikern.Henze ist erst Mitte zwanzig, als er mit den ersten drei Sinfonien, Opern wie «Boulevard Solitude» (1951) und Balletten wie «Der Idiot» (1952) ins Licht des bürgerlichen Musiklebens tritt. Beim Publikum ist er geschätzt, aber keineswegs unumstritten, seine Musik ist vielen zu dissonant, zu wenig Mozart, Verdi, Wagner. Doch viel schärfer weht der Gegenwind aus einer anderen Richtung.Im Umfeld der Darmstädter Ferienkurse entwickelt sich eine neue ästhetische Doktrin: Die mächtigen Rundfunkanstalten beauftragen nun vor allem Komponisten, die die abstrakte Struktur der Musik mithilfe der Zwölfton- und Reihentechnik in den Vordergrund stellen. Es soll kein Zurück zum Sinnlichen und zur Sprachlichkeit einer Musik geben, die – wie es damals heisst – Auschwitz nicht hatte verhindern können.Das Doktrinäre dieser Avantgarde stösst Henze ab. Er will alles Vorhandene nutzen können, Reihentechnik, Tonales, historische Stile und Zitate, Jazz, Volkslieder, Dreiklänge, wenn der Inhalt oder die Idee danach verlangt, und in Resonanz mit den Hörern gehen. Das ist der drastische Gegenentwurf zum Konstruktivismus von Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Überdies deutet Henze den Materialfetischismus ihrer Werke als absichtliche Entfremdung vom Publikum – und damit gerade als Entpolitisierung der Kunst: «Mit den ersten strengen Reihen-Kompositionen verlosch dann auch noch das letzte politische Licht in den Gehirnen der Hersteller.»Damit gerät er in grösstmögliche Opposition zur jungen Avantgarde, die ihrerseits Henzes Suche nach Schönheit und Sprachlichkeit von Musik verachtet. Henze fühlt sich von den Gleichaltrigen unverstanden und abgelehnt. Dieses Gefühl der Isolation ist neben der Abscheu gegen das restaurative Nachkriegsdeutschland der wichtigste Grund für seine Auswanderung nach Italien 1953.Markante Erscheinung bis ins hohe Alter: Hans Werner Henze im Jahr 1998 in der Wigmore Hall in London.Neil Libbert / Hulton ArchiveHier schreibt Henze in den sechs Jahrzehnten zwischen 1950 und 2010 zahlreiche mal subtil, mal offensiv politische Stücke. Gleich die erste abendfüllende Oper stellt 1952 die soziale Frage. «Boulevard Solitude», seine Vertonung des «Manon Lescaut»-Stoffes, bringt die Folgen ausbeuterischer Verhältnisse auf die Bühne. Die Kollektivwerk «Jüdische Chronik» von 1961 ist das erste Musikstück, in dem Komponisten aus West- und Ostdeutschland der Opfer des Genozids gedenken. Mitte der 1970er Jahre entsteht mit «We Come to the River» Henzes politischste «Handlung für Musik» über Gewalt, Machtmissbrauch und individuelle Verantwortung. In der «Sinfonia N. 9» (1997) wird der Siebzigjährige sich zum ersten Mal kompositorisch den eigenen Erinnerungen an den Holocaust stellen.Henze starb 2012 und hinterliess ein epochales Werk, in dem sich die wechselhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt. In Italien fand er zu seinem persönlichen Idiom, einer Musiksprache, die alle menschlichen Belange, Verletzungen, Ängste, Einsamkeit ebenso vermitteln kann wie Verbundenheit, Wahrhaftigkeit und Schönheit. In ihr offenbart sich ein Künstler, der vor allem eines ersehnt hat: die Überwindung der Fremdheit zwischen den Menschen mit den Mitteln der Musik.Passend zum Artikel