Englands Starspieler Jude Bellingham gibt sich geläutert – und hat bei der Anwendung einer neuen Regel Glück, dass der Schiedsrichter sich gnädig zeigtJude Bellingham rückt an der WM in den Fokus. Mit Leistungen auf dem Platz und weil er sich während eines Disputs den Mund zuhält – Letzteres sollte neu eigentlich mit einem Platzverweis geahndet werden.Sven Haist, Boston27.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenJude Bellingham ist einer von Englands Schlüsselspielern – wenn er nicht in alte Verhaltensmuster zurückfällt.ImagoJude Bellingham bewahrte die Selbstkontrolle – und verlor sie zugleich. Im zweiten Vorrundenspiel der englischen Nationalmannschaft, beim 0:0 gegen Ghana, hielt er sich instinktiv die Hand vor den Mund, als er sich auf eine verbale Auseinandersetzung mit Mitgliedern des gegnerischen Trainerstabs einliess. Immerhin konnte so niemand erkennen, welche Flüche Bellingham tatsächlich verwendete.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Beginn dieser Weltmeisterschaft ist es den Spielern jedoch untersagt, sich in Konfrontationen den Mund zuzuhalten, um Lippenlesen zu verhindern. Dahinter steht die Annahme, dass auf diese Weise in der Regel Beleidigungen verborgen werden. Als Sanktion hätte der 22-Jährige die rote Karte samt Spielsperre erhalten können. Der Schiedsrichter verzichtete jedoch darauf.Das löste eine heftige Debatte über Doppelstandards aus, nachdem Paraguays Miguel Almirón für dieselbe Aktion bei der WM zuvor des Feldes verwiesen worden war. Ein Video davon ging in den sozialen Netzwerken viral – wegen der theatralischen Ankündigung seines Entscheids durch den Referee.Tuchel stellt Bellinghams Platz in der Startformation infrageEnglands Trainer Thomas Tuchel nahm Bellingham nach der Aktion in Schutz. Es habe keinen Anlass für Rot gegeben, sagte er, weil «Jude für sich selbst und für uns als Team eingestanden» sei. Solche Aufregung um Bellingham wollte Tuchel während der Weltmeisterschaft eigentlich vermeiden. Nach seiner Übernahme der Three Lions zu Jahresbeginn 2025 beanstandete der Deutsche beim zweiten Zusammentreffen sechs Monate später das bisweilen impulsive und von sich eingenommene Auftreten seines prominentesten Spielers. Dieses könne «abstossend» wirken, fand Tuchel.Für diesen in England besonders negativ konnotierten Begriff entschuldigte Tuchel sich direkt danach bei Bellingham. Die grundsätzliche Kritik blieb jedoch bestehen: Bellinghams Verhalten gefiel ihm nicht uneingeschränkt. Das liess er ihn spüren. Erstens nominierte er ihn im vergangenen Herbst trotz damals überstandener Verletzung nicht. Zweitens stellte er überraschend dessen Platz in der Startformation infrage; zunächst zog er Morgan Rogers auf der Position hinter dem Torjäger Harry Kane vor. Selbst eine WM-Teilnahme wollte Tuchel dem Champions-League-Sieger mit Real Madrid nicht vorbehaltlos garantieren.Das Verhalten von Jude Bellingham (Mitte) gefiel dem englischen Nationalcoach Thomas Tuchel nicht uneingeschränkt.ImagoMit diesen Massnahmen versuchte Tuchel, bei Bellingham die Einsicht zu fördern, sich nicht über das Team zu stellen. Dies schien notwendig zu sein, nachdem er nach seinem Fallrückzieher-Tor an der EM 2024, mit dem er England in letzter Minute vor einem blamablen Aus bewahrt hatte, beim Jubel demonstrativ gebrüllt hatte: «Who else?» – sprich: «Wer ausser mir sollte es sein?»Tuchels Kalkül schien aufzugehen. Jüngst räumte Bellingham ein, er spiele derzeit für England, als müsse er sich neu beweisen. Erst im Training vor der WM zeichnete sich ab, dass Tuchel doch auf ihn setzen würde. Das lag auch daran, dass Bellingham nach mehreren Rückschlägen erst spät in der vergangenen Saison zu seiner Form zurückgefunden hatte.Gegen Kroatien brilliert BellinghamSeine Entscheidung begründete Tuchel damit, Bellingham sei in letzter Zeit «verlässlich» gewesen und habe sich «dem Teamgedanken und unserer Spielidee verschrieben». Das Vertrauen rechtfertigte er mit einer seiner besten Leistungen beim 4:2-Auftaktsieg gegen Kroatien, als er den dritten englischen Treffer nach einem sehenswerten Solo erzielte – in seinem 50. Länderspiel. Zudem engagierte er sich leidenschaftlich in der Defensivarbeit, gewann immer wieder bedeutende Zweikämpfe und verhinderte anfangs mit einer Grätsche im eigenen Strafraum eine Grosschance des Gegners.In letzter Zeit «verlässlich»: Tuchel (links) und Bellingham bei seiner Auswechslung im Gruppenspiel gegen Kroatien.Issei Kato / ReutersNach fast jeder gelungenen Aktion ertönten von den englischen Fans laute «Juuuude»-Rufe im Stadion. Auch Tuchel lobte ihn. «Auf ihn kann man sich in solchen Momenten verlassen», sagte er und ergänzte, Bellingham liebe Spiele unter Druck – sie brächten das Beste aus ihm hervor. Danach war klar, dass er auch gegen Ghana beginnen würde. An seinen Auftritt aus dem ersten Spiel reichte er jedoch ebenso wenig heran wie die gesamte Mannschaft.Seinen Frust über die zähe Partie entlud er kurz vor der Pause in einem unnötig harten Einsteigen, das er selbst später als «dämlich» bezeichnete und das zu der erwähnten Kontroverse führte. In der 74. Minute wurde Bellingham für Rogers ausgewechselt. Als er dennoch zum besten Spieler der Partie gewählt wurde, entgegnete er, die Auszeichnung gebühre ihm nicht; sie sollte vielmehr einem ghanaischen Spieler überreicht werden.Die Disziplin lässt nach, sobald Bellingham sich etabliert hatAuffallend ist, dass Bellingham seine besten Darbietungen stets dann abruft, wenn er maximal gefordert wird. So war es bei seinem Durchbruch bei Borussia Dortmund, später in seiner Anfangszeit bei Real Madrid und auch bei den Three Lions. Nicht selten liess seine Konstanz und Disziplin nach, sobald er sich etabliert hatte.In dieser Hinsicht scheint ihm der Wechsel zu Real nicht geholfen zu haben. Statt in einer Mannschaft mit hartem Konkurrenzkampf und fordernden Trainerpersönlichkeiten fand er sich in einem Umfeld wieder, das seinen Führungsspielern besonders grosse Freiheiten lässt. Bei den Königlichen begann Bellingham auch, sich nicht mehr als dynamischer Mittelfeldspieler zu verstehen, sondern als frei agierender Offensivspieler.Vor dem abschliessenden Vorrundenspiel gegen Panama am Samstag (23 Uhr MESZ), in dem es für England um den Gruppensieg geht, stellt sich für Tuchel die Frage, wie er mit Bellingham verfährt: Belässt er ihn in der Startformation, oder fällt die Wahl auf Rogers? Ihn draussen zu lassen, wäre ein deutliches Signal, dass er einen Rückfall in alte Verhaltensmuster nicht akzeptiert. Gleichzeitig gilt: Nur mit einem Bellingham in Bestform hat England eine realistische Chance, zum zweiten Mal Weltmeister zu werden.Passend zum Artikel