Da steht er nun breitbeinig vor der Kurve der englischen Fans, breitet seine Arme aus und brüllt diese eine Frage in Richtung Tribüne: „Who else?“ Wer sonst? Hinter diesen beiden Worten sollte kein Fragezeichen, sondern ein Ausrufezeichen stehen, das wusste jeder, der Jude Bellingham an diesem Abend Anfang Juli 2024 in Gelsenkirchen sah. Momente zuvor hatte er mit einem Fallrückzieher zum 1:1 gegen die Slowakei getroffen. Bellingham bewahrte England damit vor dem Aus im Achtelfinale der Europameisterschaft in Deutschland und ebnete den Weg, der erst im Finale gegen Spanien endete.Rund zwei Jahre später in Dallas, England trifft bei der Weltmeisterschaft auf Kroatien. Die Bilder gleichen sich. Wieder trifft Bellingham, wieder posiert er vor den Fans, wieder breitet er seine Arme aus. Doch dieses Mal ruft er: nichts. Der Zweiundzwanzigjährige zeigte beim 4:2-Erfolg Englands zum Auftakt bei diesem Turnier eines seiner besten Länderspiele überhaupt.Und obwohl wieder diese typischen „Juuude“-Rufe durch das Stadion schallten, war etwas anders als so oft in den vergangenen Jahren: Bellingham spielte nicht sein eigenes Spiel, er stellte sich in den Dienst seiner Mannschaft. Und er war dabei so gut, dass „The Sun“ später schrieb, Bellingham und Harry Kane hätten „unter dem Dach in Dallas etwas Sternenstaub versprüht“.Jude Bellingham, 22 Jahre alt, geboren in Stourbridge in den englischen Midlands bei Birmingham, galt früh als das große Versprechen, der vielleicht beste Mittelfeldspieler seiner Generation zu werden. Bellingham kann ein Spiel verändern, die Defensive mit der Offensive verbinden und oft eine Lösung für Spielsituationen finden, wenn andere erst noch das Problem sehen.„Er liebt diese Spiele unter Druck“, sagte Englands Trainer Thomas Tuchel nach dem Spiel gegen Kroatien: „Die Entscheidung, ihn spielen zu lassen und ihm zu vertrauen, beruhte darauf, wie er sich in den letzten 16, 17 Tagen den Teamgeist zu eigen gemacht hat und wie wir Fußball spielen wollten. Das unterscheidet sich von seiner Rolle bei Real Madrid.“ In Spanien holt sich Bellingham die Bälle oft in der eigenen Hälfte und kurbelt den Spielaufbau an. Tuchel aber will, dass er näher am gegnerischen Tor steht. Gegen Kroatien besetzte Bellingham vor allem den rechten Halbraum, agierte oft wie ein zweiter Stürmer neben Kane.„Wenn Jude lächelt, gewinnt er alle für sich“Bellingham ist der jüngste Spieler der Geschichte, der an vier großen Turnieren teilgenommen hat. Vor dem Spiel gegen Ghana an diesem Dienstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) stehen bereits 16 Partien bei Europa- und Weltmeisterschaften in seiner Fußballerbiographie. Keinem anderen Spieler ist dies vor seinem 23. Geburtstag gelungen. Und trotzdem war er in Englands Nationalmannschaft zuletzt nicht mehr unumstritten. Seit dem EM-Finale 2024 in Berlin gehörte Bellingham nur bei 9 von 20 Länderspielen zur Startformation Englands.Auch sein Verhältnis zu Tuchel wurde intensiv diskutiert, nachdem der Deutsche im Juni 2025, nach der 1:3-Niederlage im Test gegen Senegal, sagte: „Wenn Jude lächelt, gewinnt er alle für sich. Aber manchmal sieht man auch die Wut, den Hunger und das Feuer – und das äußert sich mitunter auf eine Art, die etwas abstoßend wirken kann, zum Beispiel für meine Mutter, wenn sie vor dem Fernseher sitzt.“ Monate zuvor hatte Bellingham in Spanien eine Rote Karte bekommen, weil er dem Schiedsrichter entgegenrief: „F*** off!“Perfekte Flugbahn: Jude Bellingham erzielt bei der EM 2024 spät das 1:1 im Achtelfinale gegen die Slowakei.Picture AllianceDie Sätze von Tuchel versetzten die Fußballgemeinde in Großbritannien in Aufruhr. Tuchel verwendete das Adjektiv „repulsive“ („abstoßend“), er entschuldigte sich später für seine schlechte Wortwahl, er habe wenig geschlafen, es sei ihm in einem Live-Interview passiert, er habe den Begriff unabsichtlich verwendet. „Ich bin erfahren genug, ich sollte es besser wissen“, sagte Tuchel: „Ich sollte es besser machen.“ Es habe keine versteckte Botschaft dahinter gegeben.Weil Bellingham aber oft verletzt war, wie viele Spieler von Real Madrid in dieser Saison seine beste Form nur selten zeigte und Tuchel immer öfter auf Morgan Rogers (Aston Villa) setzte, schien das Undenkbare nicht mehr undenkbar: Dass für Bellingham unter Tuchel bei dieser WM womöglich nur eine Nebenrolle vorgesehen sein könnte. Die BBC schrieb noch vor dem Spiel gegen Kroatien: „Bellinghams Stern ist nicht gerade erloschen, aber er hat sicherlich an Glanz verloren.“Bellingham und Rogers kennen sich seit ihrer Kindheit, sie sind zusammen zur Schule gegangen, sie haben schon als Kinder in einem Team und später gegeneinander Fußball gespielt. In den Monaten vor der WM kämpften sie nun um den Platz als Nummer zehn im Team. „Sie sind Freunde, also kann es auch eine freundschaftliche Konkurrenz sein“, sagte der 53 Jahre alte Tuchel: „Sie müssen sich nicht hassen, sie gehen respektvoll miteinander um. Sie sind befreundet und kämpfen um dieselbe Position.“ Genau wie Bukayo Saka und Noni Madueke, über den Saka sagt, er sei „wie ein Bruder“ für ihn, und die beiden Linksaußen Anthony Gordon und Marcus Rashford.Aus dieser Konstellation ergibt sich: Ein Spieler wie Kane ist für Tuchel nicht zu ersetzen. Bellingham ist es schon. Und Rogers, Saka, Madueke, Gordon und Rashford sind es auch, wenn ihre Leistung nicht stimmt. Tuchels Personalentscheidungen haben dem Team nach den Jahren unter Trainer Gareth Southgate eine neue Dynamik beschert. Alte Hierarchien wurden aufgebrochen.Das ist eine neue Erfahrung für Bellingham. Für ihn schien es keine Grenze zu geben, seit er mit gerade einmal 16 Jahren und 38 Tagen bei Birmingham City zum jüngsten Profi in der Geschichte dieses Klubs wurde. Als er ihn verließ, haben die Verantwortlichen entschieden, seine Trikotnummer 22 nicht mehr zu vergeben. Als er von Borussia Dortmund zu Real Madrid weiterzog, war den Spaniern dieser Transfer rund 100 Millionen Euro wert. Nicht jeder, so hörte man, soll in Dortmund über diesen Wechsel unglücklich gewesen sein: Bellingham polarisierte innerhalb der Mannschaft, kritisierte andere, war aber selbst für Kritik nicht allzu offen.In Madrid prallten in der vergangenen Saison die Superegos von Bellingham, Kylian Mbappé und Vinícius Júnior aufeinander. Trainer Xabi Alonso scheiterte beim Versuch, aus ihnen eine Einheit zu formen. Als es hieß, dass auch Bellingham zu den Spielern gehört hatte, die nicht an die Taktik und Ideen des Trainers geglaubt haben, konterte er dies scharf: „Bis jetzt habe ich zu viel davon durchgehen lassen, immer in der Hoffnung, dass die Wahrheit zu ihrer Zeit ans Licht kommt. Aber ehrlich gesagt … was für ein Haufen Scheiße.“Wucht und Wille: Jude Bellingham dreht gegen Kroatien ordentlich auf.AP Photo/Jessica TobiasBellingham veröffentlichte diese Sätze und einige andere in der App JB5, seiner eigenen Plattform, auf der er unter anderem exklusiv Trainingseinheiten, Interviews und persönliche Momente teilt. JB5 – Jude Bellingham, Rückennummer 5: In Madrid halten es inzwischen nicht mehr alle für eine gute Idee, Bellingham bei seiner Ankunft im Sommer 2023 mit dem großen Zinédine Zidane verglichen und ihm auch noch die gleiche Nummer gegeben zu haben.All der Hype, die Hoffnungen Englands, mit ihm den ersten Titel seit der WM 1966 zu gewinnen, die hohe Ablösesumme, die Hauptrolle in einem Adidas-Werbespot zur EM 2024 mit dem Titel: „Hey Jude“ – all das könnte vielleicht ein bisschen zu viel für den jungen Mann gewesen sein.„Ich hege keinen Groll gegen jemanden, der schlecht über mich redet“Nach dem Spiel gegen Kroatien stand Bellingham vor den Kameras und Mikrofonen, er wirkte gelöst und sagte etwas, das in der Begeisterung für diese englische Mannschaft, für ihren deutschen Trainer und auch für Bellingham etwas untergegangen ist: „Ich weiß, dass das zum Leben eines Fußballers dazugehört, und ich hege keinen Groll gegen jemanden, der schlecht über mich redet. Manchmal habe ich es auch verdient.“Eine Antwort an Tuchel? Wohl kaum. Und trotzdem ist es vermutlich nicht übertrieben, wenn man behauptet: Ohne seinen neuen Nationaltrainer, ohne die Härte, die er auch Bellingham entgegengebracht hat, wären diese Sätze wohl nicht gesprochen worden. Dass Tuchel die beiden Ausnahmespieler Phil Foden (Manchester City) und Cole Palmer (FC Chelsea) gar nicht erst für diese WM nominiert hat und hinter anderen Namen ein Fragezeichen statt ein Ausrufezeichen gesetzt hat, hat den Druck erhöht. Auch für Bellingham.