Interview«Die mehrsprachige Schweiz droht Folklore zu werden», sagt ein Ausbilder von DeutschlehrernDaniel Elmiger erforscht an der Universität Genf den Sprachunterricht. Im Streit um Frühfranzösisch warnt er vor dem Negativbeispiel Belgien – und nennt inspirierende Schulprojekte.27.06.2026, 05.29 Uhr7 LeseminutenNur wenn eine Französischlehrerin von der Sprache begeistert ist, kann sie auch die Schülerinnen und Schüler begeistern.Karin Hofer / NZZHerr Elmiger, der Waadtländer FDP-Nationalrat Daniel Ruch kritisiert, dass die SBB in der Deutschschweiz Ansagen oft auf Englisch machen – und nicht unbedingt in der Landessprache Französisch. Hat er recht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei den SBB geht es darum, eine vernünftige Lösung für Reisen in einem mehrsprachigen Land zu finden. Die gegenwärtige Lösung erscheint mir nicht allzu schlecht. Ich beobachte aber, dass das Interesse an den anderen Landessprachen eher unbemerkt schwindet.Wo?In der Berufsbildung und im zweisprachigen Unterricht etwa wendet man sich stark von den Landessprachen ab und dem Englischen zu – ohne dass das auch nur zur Kenntnis genommen wird.Der Bundesrat jedenfalls sorgt sich und macht Druck auf renitente Deutschschweizer Kantone: Er will das Frühfranzösisch im Sprachengesetz verankern, damit die zweite Landessprache garantiert schon in der Primarschule unterrichtet wird. Was halten Sie davon?Es geht um eine interessante staatspolitische Frage: Wer hat beim Sprachenunterricht das letzte Wort? Laut Verfassung liegt die Schulhoheit bei den Kantonen. Wenn diese sich aber bei den Bildungszielen nicht einigen können, dann kann der Bund eingreifen. Das war bisher nicht nötig, und es ist fraglich, wer sich letztlich durchsetzen wird.Der Bundesrat handelt, weil mehrere Deutschschweizer Kantone das Frühfranzösisch wieder abschaffen wollen. Überrascht Sie das?Nein, diese Debatte kommt ungefähr alle zehn Jahre wieder.Drehen wir uns im Kreis?Das Thema beschäftigt die Gesellschaft immer wieder neu. Es geht immer wieder um dieselben Fragen: Wie viele Sprachen sollen gelernt werden? In welcher Reihenfolge? Ab welchem Alter? Natürlich stellt sich allein durch die deutliche Stärkung des Englischen in den letzten Jahren die Frage, welche Rolle die Sprachen untereinander haben und wie wichtig sie für den nationalen Zusammenhalt sind.Gibt es dabei noch so etwas wie einen schweizweiten Konsens?Eine schwierige Frage. In der Westschweiz scheint die Notwendigkeit sprachlicher Verständigung stärker im Bewusstsein zu sein. An manchen Deutschschweizer Orten wirken die anderen Landessprachen sehr weit weg. Viele Einzelpersonen sagen dann, sie brauchten keine andere Sprache. Oft merken sie später, dass es doch wichtig wäre, wenn sie im Beruf weiterkommen möchten, wenn sie studieren oder gesellschaftspolitische Aufgaben übernehmen. Dann müssen die Leute ihre Sprachaufenthalte und -diplome selbst bezahlen.Gab es eine «goldene Ära» des Sprachenlernens in der Schweiz?Es ist kaum etwas bekannt über die Ergebnisse des Sprachenunterrichts. Es gab Perioden, in denen er weniger kontrovers zu sein schien, zum Beispiel im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Aber da hatte Englisch noch weniger Gewicht als heute.Ab den 1970er Jahren wurden Französisch und Deutsch in der Primarschule eingeführt. Wie wurde das begründet?In der Schweiz und in Europa diskutierte man damals, wie man nach den beiden Weltkriegen aufeinander zugeht. Individuelle Mehrsprachigkeit wurde als wichtiges Mittel für eine bessere Verständigung gesehen, auch innerhalb der Schweiz. Es war also ein politisches Programm. Es war auch eine Abkehr vom Anfang des 20. Jahrhunderts, als es kritische Stimmen gegen Mehrsprachigkeit gab: Kinder seien dazu nicht bereit, würden keine Sprache richtig sprechen, nur «halbsprachig» werden.Diese Diskussion gibt es also schon mehr als hundert Jahre.Man muss die Diskussion immer im Hinblick auf die Ideologie der Einsprachigkeit sehen, die sich mit der Geburt der Nationalstaaten herausgebildet hat. Davor waren die meisten Leute ganz natürlich mehrsprachig. Frankreich etwa hatte Dutzende Sprachen in seinem Staatsgebiet, die Schweiz war eher vierzig- als viersprachig.Warum wissen wir kaum, ob Schülerinnen und Schüler heute die Sprachlernziele erreichen?Seit rund zehn Jahren gibt es Ziele für die Grundkompetenzen. Resultate gab es 2019 und 2025. Vergangenes Jahr wurde unter anderem erhoben, ob Jugendliche am Ende der obligatorischen Schulzeit die Ziele für die zweite Landessprache erreichen: Sie tun es nur gut zur Hälfte. Das ist fast überall in der Schweiz so, egal ob eine Sprache vier Jahre auf Primarstufe gelernt wird oder nur zwei.Wie erklären Sie sich diese schlechten Resultate?Da gibt es verschiedene Ursachen. Erstens treffe ich viele Schüler, Lehrpersonen und auch Eltern, die den Sinn des Erlernens von Landessprachen nicht wirklich erkennen. Zweitens mangelt es manchmal an der Sprachkompetenz der Lehrpersonen. Und drittens fehlen oft ausgebildete Lehrkräfte.Sie schreiben in Ihrem Buch zum Sprachunterricht, dass Sie selten motivierte Deutschlehrer in der Westschweiz oder Französischlehrer in der Deutschschweiz treffen. Warum?Weil diese Lehrpersonen nicht immer freiwillig Sprachen unterrichten. In Genf zum Beispiel sollen auf der Primarstufe im Prinzip alle Lehrpersonen sämtliche Fächer unterrichten, mit wenigen Ausnahmen. Deutsch ist nicht ihr Lieblingsfach. Die Bildungsbehörden schauen auch nicht so genau nach, ob die Lehrpersonen qualifiziert sind.Wie sollen solche Lehrer den Schülern Lust auf die anderen Landessprachen machen?Eben. Sie selbst haben wenig Freude am Französischen oder am Deutschen, verkörpern die Sprache nicht, können keine Spiele machen, keine Geschichten erzählen.Zur PersonPDDer Sprachen-ProfessorDer gebürtige Deutschschweizer ging Anfang der 1990er Jahre in die Romandie – und hat sie seitdem nicht mehr verlassen. Der deutschen Sprache ist Daniel Elmiger jedoch treu geblieben. Der ausserordentliche Professor an der Universität Genf bildet unter anderem Deutschlehrer aus. 2025 erschien sein Buch «Das Kreuz mit dem Schweizer Fremdsprachenunterricht. Wohin mit den Landessprachen?» im Zürcher Seismo-Verlag.Manche Kantone, schreiben Sie, schummeln beim Sprachniveau von Lehrern. Warum?Da sie sich sonst eingestehen müssten, dass sie zu wenig gut ausgebildete Lehrpersonen haben. Und dann müssten sie mehr investieren und genauer hinschauen.Warum gibt es keinen Aufschrei?Das Deutsche hat keine Lobby in der Westschweiz, und das Französische hat kaum eine Lobby in der Deutschschweiz. Es fragt niemand nach, wo die fehlenden Resultate sind. Das ist bei anderen Fächern anders. Wenn die Mint-Fächer zu kurz kommen, reagiert die ETH. Wenn die Deutschschweizer Jugendlichen kein Deutsch mehr können, wehrt sich die Berufsbildung.Und die Sprachlehrer selbst verschaffen sich kein Gehör?Ich will sie nicht schlechtreden. Sie sind ständig mit der Frage beschäftigt, wie sie trotz allem noch weitermachen können, sich doch noch motivieren können. Aber viele Lehrpersonen scheinen mir innerlich ausgebrannt zu sein. Sie arbeiten einfach das Lehrbuch von vorne bis hinten durch. Und dann geben sie ihre Klasse weiter in die nächste Schulstufe.Reden wir über Lösungen. Wie könnte man die Schülerinnen und Schüler begeistern?Man müsste gerade in den ersten Jahren sicherstellen, dass die Lehrpersonen in der Lage sind, das Deutsche oder das Französische zu verkörpern. Es braucht einen handlungsorientierten Unterricht mit Spielen, Aktivitäten und Bewegung.Haben Sie konkrete Beispiele?In der Waadt zum Beispiel holt der Lehrer und Ausbilder Olivier Bolomey deutsche Bands für Konzerte in die Schulen. Sie machen die Sprache also über Musik zugänglich. Ausserdem gibt es schöne Austauschformate, persönlich, per Brief oder Videoanruf. Es ist so wichtig, mit der Sprache in Kontakt zu kommen.Sie loben auch das «Sprachbad» in Neuenburg.Ja, der Kanton hat 2011 die Programme Prima und Anima lanciert. Tausende Schülerinnen tauchen ab den ersten Volksschuljahren in die deutsche Sprache ein, indem sie auch in anderen Fächern auf Deutsch unterrichtet werden. Sie lernen Deutsch nicht grammatikzentriert, sondern können es in verschiedenen Kontexten gebrauchen.Was kann die Schweiz von anderen mehrsprachigen Ländern lernen?Sie kann von Luxemburg lernen, dass es durchaus dreisprachige Schulmodelle gibt, die funktionieren: Dort wird in der Schule neben der Umgangssprache Luxemburgisch auch Deutsch als Unterrichtssprache genutzt, ebenso wie Französisch. Nur sind halt dort die Sprachen insgesamt näher und im Alltag öfter im Gebrauch.Viele Schüler in der Schweiz haben einen Migrationshintergrund und wachsen mehrsprachig auf. Überfordert man sie nicht mit Frühfranzösisch oder -deutsch?Grundsätzlich nicht. Weltweit sind die meisten Menschen mehrsprachig. Es kann sein, dass manche Kinder mit dem sehr schulisch geprägten, grammatikgestützten Sprachenlernen hadern. Doch grundsätzlich können fast alle Kinder mehr als eine Sprache lernen. Es braucht schon ziemlich grosse kognitive Beeinträchtigungen, damit das nicht geht.Was ist so schlimm daran, wenn Deutschschweizer und Romands Englisch miteinander sprechen?Das finde ich zwar schade, ist aber kein Problem. Es ist auch von der Verfassung gestützt, die ja die Sprachenfreiheit garantiert. Diese Freiheit ist nur in wenigen Dingen eingeschränkt, etwa bei der administrativen Verwendung von Sprache, wozu die Schule gehört. Wenn man weiterdenkt, muss man sich auch fragen, ob wir ein Parlament wollen, das von der AHV bis zu Zwangsmassnahmen im Polizeirecht alles auf Englisch verhandelt. Das scheint mir keine Lösung zu sein.In der Schweiz gibt fast jeder vierte Mensch als Hauptsprache eine Nichtlandessprache an, etwa Englisch, Portugiesisch oder Albanisch. Nur jeder Fünfte gibt Französisch an. Was bedeutet das?Dass wir eine lebendige, mehrsprachige Gesellschaft haben. Diese Leute verstehen oder sprechen die jeweilige Landessprache ja auch mehr oder weniger gut. Spätestens in der zweiten Generation kommt die Landessprache automatisch dazu. Wir haben ein reiches Sprachenfeld.Trotzdem: Die Landessprachen verlieren seit Jahrzehnten an Einfluss.Das ist ein demografischer Befund. Dazu scheinen gewisse Formen des Austauschs abzunehmen wie das Welschlandjahr oder die Kontakte in der Armee. Wenn man ein Jahr warten muss bis zum Beginn einer Ausbildung, dann geht man eher nach Neuseeland als in die Westschweiz.Was bedeutet das für die Schweiz?Das sind tektonische Verschiebungen, deren Folgen sich nicht sofort zeigen. Es gibt Negativbeispiele wie Belgien. Dort sieht man, wohin geringer Austausch und ständige Animositäten zwischen den Sprachgemeinschaften führen können. Der Streit wird auch politisch ausgetragen und hat beispielsweise dazu geführt, dass es seit Mitte des 20. Jahrhunderts keine Sprachzählungen mehr gibt: Fragen zu Sprachbeherrschung und -gebrauch sind zu heikel. Sollte es auch in der Schweiz so weit kommen, wird es politisch gehässig.Zugespitzt gefragt: Droht die mehrsprachige Schweiz zu zerbröseln?Ja, oder: Die mehrsprachige Schweiz droht Folklore zu werden. Sie wird dann hervorgehoben für die Sonntagspredigt oder die 1.-August-Rede. Ohne wirkliche Bedeutung im Alltag.