Es gibt Orte in Berlin, da muss man gar nicht mehr nach der Mauer suchen. Die steht nicht mehr herum, wirft keinen Schatten auf den Asphalt, zerschneidet keine Straßenbahnlinie, kein Soldat schaut von einem Wachturm, niemand ruft „Halt!“.

Man kann heute von Prenzlauer Berg nach Charlottenburg radeln, von Marzahn nach Steglitz fahren, vom Müggelsee an den Wannsee, ohne an einer Schranke zu warten. Die Stadt tut so, als sei sie längst wieder eins.

Doch die Mauer ist nicht verschwunden. Sie ist nur umgezogen. Sie steht in vielen Köpfen. Sie steckt heute in der Frage, ob eine Familie Wohneigentum weitergeben kann oder nur Erinnerungen. Sie liegt in der Wahlstatistik, im Schulabschluss, in der Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind mit Klavierunterricht aufwächst oder mit Existenzsorgen am Küchentisch. Sie steckt in der Miete, im Lohnzettel, in der Rente der Großmutter, im Blick auf den Staat, auf das, was man früher Zukunft nannte. Und manchmal reicht ein einziger Satz, damit sie wieder da ist: „Bei uns im Osten war das anders.“ Oder, westberlinerisch, mit dieser Mischung aus Ironie und Provinzangst vorgetragen: „Da hinten ist doch schon Brandenburg.“

Vielleicht beginnt eine ehrliche Erzählung über das vereinte Berlin deshalb nicht am Brandenburger Tor. Vielleicht beginnt sie an der Landsberger Allee 77, vor einem braun-grauen Bau, der einmal Zukunft versprach: dem früheren Sport- und Erholungszentrum, dem SEZ. Hier, vor diesem einstigen Freizeitversprechen aus Beton, Glas und DDR-Optimismus, steht an einem warmen Vormittag Steffen Krach, Spitzenkandidat der Berliner SPD. Erst vor einer Woche war er dort, traf Befürworter und Gegner. Man redete sich die Köpfe heiß.