Das Leiden ist Marcelo Bielsa anzusehen, wenn er mal wieder gegen seine Überzeugungen handeln muss. Bei der Weltmeisterschaft ist das beinahe täglich der Fall. Der Weltverband FIFA zwingt Bielsa nämlich, sich nach eigenem Empfinden wie ein normaler Trainer zu präsentieren. Was dem Chef der Auswahl Uruguays widerstrebt. Er soll Interviews geben, bei Fototerminen kooperativ sein und dabei möglichst freundlich in die Kameras blicken. Dinge also, mit denen der Siebzigjährige etwa so viel anfangen kann wie ein Gaucho mit einem Pony.In Südamerika nennen sie Bielsa „El Loco“, den Verrückten. Diesen Spitznamen hat er sich in fünf Jahrzehnten als Trainer hart erarbeitet, aber mit zunehmendem Alter garniert er den täglichen Wahnsinn mit einer gewaltigen Portion Schrulligkeit. Bei Pressekonferenzen vermeidet er jeglichen Blickkontakt mit den Journalisten und schaut demonstrativ zu Boden. Das machte er auch beim offiziellen Fototermin der FIFA, die ihn daraufhin rügte. Bielsas Antwort: „Ich bin kein Model.“Wenn das der einzige Kampf wäre, den er gerade austragen müsste – „El Loco“ wäre vermutlich weniger mürrisch. Aber das ist er nicht. Im eigenen Lager gibt es mehr als genug Gräben, die sich auftun und die immer tiefer zu werden drohen. Im Fußball ist es seit Beginn aller Tage so: Jeder Wahnsinn, jedes schräge Verhalten wird überschattet vom Erfolg. Wer gewinnt, hat recht und kann sich (fast) alles erlauben. Wer verliert, kann das nicht.Nun hat Bielsa mit Uruguay bei dieser Weltmeisterschaft noch nicht verloren. Aber die beiden Unentschieden gegen Saudi-Arabien (1:1) und Kap Verde (2:2) fühlen sich für die stolze Fußballnation fast so an. Mit bisher nur zwei Punkten muss Uruguay im letzten Gruppenspiel gegen Spanien (Samstag, 2.00 Uhr MESZ, im F.A.Z.-Liveblog zur Fußball-WM und bei MagentaTV) mindestens ein Unentschieden schaffen, um eine Chance auf den Einzug in die K.-o.-Runde zu haben. Sicher wäre das aber auch dann nicht. Um nicht von den Ergebnissen aus anderen Gruppen abhängig zu sein, müsste Uruguay gewinnen. Doch daran glaubt daheim kaum jemand.Wie es um das Selbstvertrauen der Spieler bestellt ist, darüber darf spekuliert werden. Das Verhältnis zwischen Trainer und Kader jedenfalls gilt als mindestens angespannt, in einigen individuellen Fällen gar als irreparabel zerstört. Nach außen dringt trotzdem wenig, die WM-Fahrer versuchen, sich geschlossen zu geben.Der Trainer soll wenigstens „Guten Morgen“ sagen, bat Luis SuárezDas gilt auch für Agustín Canobbio, der gegen Kap Verde die zwischenzeitliche Führung zum 2:1 erzielte. Dass der Offensivspieler, der Uruguays Legende Diego Forlán verblüffend ähnlich sieht, überhaupt zum Kader gehört, ist schon eine Überraschung. Canobbio hatte Bielsa nach der Copa América 2024 scharf kritisiert und ihm vorgeworfen, nur mit seinen sechs bis sieben Lieblingen zu reden. Den Rest des Teams beachte er nicht. Die atmosphärischen Störungen bestätigte ein prominenter Spieler, der nach der Copa aus der Nationalmannschaft zurücktrat. Wegen Bielsa. Luis Suárez sagte, er habe den Trainer gebeten, doch wenigstens „Guten Morgen“ zu sagen, wenn er beim Frühstück jemandem über den Weg laufe.Bielsas offensichtliche Defizite im zwischenmenschlichen Bereich gelten in Uruguay als fehlender Respekt vor der eigenen Kultur, was dem Argentinier Bielsa eher zur Last gelegt wird als jede Niederlage. Uruguay ist ein kleines Land, geographisch eingeklemmt zwischen den Giganten Brasilien und Argentinien. Trotzdem verfügt es über eine große Fußballhistorie. Zweimaliger Weltmeister, zweimaliger Halbfinalist, zuletzt 2010. Gemessen an der niedrigen Einwohnerzahl von etwas mehr als drei Millionen bringt das Land eine unglaubliche Dichte an Spitzenfußballern hervor. Man stelle sich nur vor, Berlin würde eine eigene Nationalmannschaft zur WM schicken.Eine Stärke des kleinen Landes war immer seine Geschlossenheit, das Miteinander, selbst oder erst recht zu Zeiten der Ausnahmekönner Diego Forlán, Luis Suárez und Edinson Cavani. Die drei Weltstars stürmten in ihren besten Tagen gemeinsam, jeder gönnte dem anderen seine Tore. Trainer Óscar Tabárez hatte eine Umgebung geschaffen, in der sich jeder Spieler wohlfühlte und gern zur Nationalmannschaft kam. Auch als Tabárez 2021 nach 15 Jahren abtrat, führte sein Nachfolger Diego Alonso das offene Miteinander fort.Unter Bielsa sei das nun anders, heißt es. Er und sein Mitarbeiterstab schirmten sich komplett von der Mannschaft ab, es gebe kein Miteinander. Sebastián Abreu, ein ehemaliger Nationalspieler, der ironischerweise auch auf den Namen „El Loco“ hört, sagte kürzlich in einem Fernsehinterview: „Du kannst nicht irgendwo hinkommen und deine Denkweise implementieren, ohne die Kultur des Landes zu respektieren.“ Abreu lobte Bielsas Methoden auf dem Trainingsplatz, sein taktisches Verständnis. „Aber du darfst beim Fußball nie die Führung der Gruppe vergessen“, sagte er.Wem diese Gruppe in Zukunft anvertraut wird, das hängt vom Abschneiden bei der Weltmeisterschaft ab. Klar ist: Sollte Uruguay nach der Gruppenphase ausscheiden, dürfte der Wahnsinn um „El Loco“ Bielsa ein Ende haben.