Düsseldorf. Anleger brauchen am Aktienmarkt aktuell starke Nerven: Die Kurse schwanken besonders stark – das gilt vor allem für die jüngsten Gewinner des Hypes um Künstliche Intelligenz (KI).Die Aktie des US-Chipkonzerns Micron Technology verlor am Dienstag 13 Prozent, gewann am Donnerstag 15 Prozent und verlor zum Handelsstart am Freitag erneut bis zu sieben Prozent, bevor sie sich erholte. Auch die Aktie des südkoreanischen Chipherstellers SK Hynix schwankte im zweistelligen Prozentbereich.Für Thomas Altmann, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter GC Partners, ist das ein Warnsignal: „Die Stimmung ist gerade dabei, sich zu drehen. Anlegerinnen und Anleger werden generell vorsichtiger. Die Risikoaversion nimmt zu.“Tatsächlich gibt es Anzeichen, dass am Markt eine gewisse KI-Müdigkeit eintritt. Der technologielastige Nasdaq 100 in den USA hat sein letztes Rekordhoch Anfang Juni erreicht. Seitdem bewegt er sich nur noch unter Schwankungen seitwärts.Analyst Jochen Stanzl von der Consorsbank verweist zudem auf die Nachricht, dass das KI-Start-up OpenAI seinen Börsengang ins nächste Jahr verschieben könnte. Berater hätten die Führungsebene angesichts der jüngsten Kursverluste von Tech-Aktien vor die Wahl gestellt: Entweder mit dem Börsengang bis 2027 zu warten, um die von OpenAI-Chef Sam Altman geforderte Bewertung von einer Billion Dollar zu erreichen, oder die Zielmarke für ein schnelleres Debüt zu senken.Drei gegenläufige EntwicklungenBestimmt wurde das Börsengeschehen zuletzt von drei Entwicklungen. Zunächst belasteten zum Wochenstart steigende Zinserwartungen in den USA die Kurse. Bei einem Aufwärtstrend der Zinsen werden Aktien unattraktiver, zudem verteuern sich Investitionen für Unternehmen. Nach der vorangegangenen Rally löste das Gewinnmitnahmen aus.Zweitens drehten am Mittwochabend nach Börsenschluss die Quartalszahlen von Micron Technology die Stimmung zum Positiven. Dank der hohen Nachfrage nach Speicherchips für KI-Anwendungen übertraf das Unternehmen mit seinem Umsatzausblick die Erwartungen der Wall Street. Das sorgte für Erleichterung, nachdem zuvor immer wieder Sorgen über ein nahendes Ende des KI-Booms aufgekommen waren.Chipkonzerne weiten ihre Gewinne massiv ausDabei stehen alle drei Ereignisse in einem direkten Zusammenhang: Die Chip-Branche kann den wachsenden Bedarf an Speicherchips derzeit kaum decken. Die Preise sind in den vergangenen Jahren deshalb stark gestiegen.Dementsprechend schnell steigen Umsätze und Gewinne. Micron erhöhte seinen Umsatz im abgelaufenen Quartal von 9,3 Milliarden Dollar auf 41,5 Milliarden Dollar. Im kommenden Quartal erwartet es Erlöse von 50 Milliarden Dollar, plus oder minus eine Milliarde. Diese rasante Entwicklung treibt die Aktie an, die binnen zwölf Monaten um mehr als 800 Prozent angestiegen ist.Micron ist ein Extrembeispiel, aber bei Weitem kein Einzelfall: Der Philadelphia Semiconductor Index stieg innerhalb von zwölf Monaten um mehr als 150 Prozent. Er deckt die 30 größten in den USA gehandelten Unternehmen ab, die vorrangig Halbleiter entwickeln, herstellen oder vertreiben.Der Kospi, der wie erwähnt vor allem von zwei Chipaktien bestimmt wird, stieg um 170 Prozent. Allein die Aktie von SK Hynix bewegte sich in Euro gerechnet um mehr als 700 Prozent aufwärts.Doch diese Entwicklung hat eine Kehrseite: Weil KI-Chips inzwischen einen Großteil der Produktionskapazität der Hersteller verbrauchen, steigen auch die Preise für Speicher in Smartphones und Laptops.Die Auswirkungen zeigen sich nun in den Preiserhöhungen von Apple. Analyst Jochen Stanzl von der Consorsbank sagt: „Apples Preisanhebungen sind eine Warnung, dass die Ausweitung der Margen der Speicherchiphersteller auf eine natürliche Grenze stoßen könnte: Die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher.“Denn wenn es um KI und Speicherchips gehe, müssten die Produkte am Ende auch noch zu Preisen verkauft werden, die sich die Menschen leisten können, erklärt Stanzl. Das stellt die hohen Gewinnerwartungen infrage, auf denen die Kursgewinne der Chip-Aktien beruhen.Treiben höhere Chippreise die Inflation an?Die höheren Chippreise verursachen aber auch einen weiteren Effekt. Sie könnten die Inflation antreiben, sagt Andreas Lipkow vom Onlinebroker CMC Markets: „Es ist die eindrucksvolle Bestätigung dafür, dass am Ende auch jemand die KI-Party bezahlen muss. Dass sich dies insbesondere auf der ohnehin angeschlagenen Konsumentenseite widerspiegeln würde, schien den meisten Marktteilnehmern neu gewesen zu sein.“Wie nachhaltig diese Sorgen sind, muss sich noch zeigen. Seit mittlerweile dreieinhalb Jahren treibt das Thema KI die Börsen an. Immer wieder kamen Bedenken auf und lösten kurzfristige Rücksetzer aus. Schlussendlich steigen die Kurse aber immer wieder auf neue Hochs.Max Kettner, Aktienstratege bei der britischen Bank HSBC, sagt daher: „Ich bin nach wie vor maximal bullish, was Aktien angeht. Das gilt für die amerikanischen Märkte, aber auch zum Beispiel für Japan. Ich rate auch dazu, die Schwächephase für Zukäufe zu nutzen.“Märkte HSBC-Stratege Kettner hält Abverkauf für übertrieben: „Anleger sind zu pessimistisch" Bislang gab es zwei Wellen der KI-Rally. Die erste wurde maßgeblich vom Chipkonzern Nvidia und den großen Hyperscalern angetrieben. Das sind Anbieter von riesigen Rechenzentren. Dazu zählen unter anderem die großen Tech-Konzerne Amazon, Microsoft und Alphabet. In den vergangenen Monaten stiegen sie aber nur schwach oder fielen sogar.Stattdessen trug eine zweite Welle die KI-Rally. Angeführt wurde sie nun von Chipkonzernen wie Micron, SK Hynix und Samsung. Optimisten wie Kettner oder Analyst Maximilian Wienke vom Onlinebroker Etoro setzen darauf, dass darauf eine dritte Welle folgen würde.Kettner rechnet mit einem Favoritenwechsel: „Es könnten also nicht nur Tech-Werte profitieren, sondern auch Aktien von Einzelhändlern und Wohnungsbauunternehmen. Zum anderen finde ich auch die Aktien der Hyperscaler wieder interessant.“
Geldanlage – KI-Aktien: „Die Stimmung ist gerade dabei, sich zu drehen“
Zum zweiten Mal binnen einer Woche brechen die Kurse von Chipkonzernen ein. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Anleger KI-müde werden und ihre Risikoneigung sinkt.








