Die Schüler in Erfurt können sich am nächsten Freitag ein bisschen freuen. Denn der letzte Schultag vor den Ferien wird verkürzt, Zeugnisse soll es in der thüringischen Hauptstadt einige Stunden früher als im Rest des Bundeslandes geben. Bis spätestens 9.30 Uhr sollen sie ausgehändigt sein, wie das Schulamt Mittelthüringen den Schulleitern mitgeteilt hat. Danach kann der Unterricht beendet werden.Der Grund dafür ist das, was seit Wochen als Großlage, Ausnahmezustand oder als drohendes Chaos beschrieben wird. Denn in der thüringischen Landeshauptstadt, die gut 210.000 Einwohner zählt, findet am nächsten Samstag und Sonntag der Bundesparteitag der AfD in der Messe Erfurt statt – mit dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke als Gastgeber. Es wird mit rund 50.000 Gegendemonstranten gerechnet.Die Mehrheit will friedlich demonstrieren, einige Tausende wollen den Parteitag blockieren. Und auch mit einer größeren Zahl gewaltbereiter Linksextremisten rechnet die Polizei. Es gehe der Stadt darum, an jenem Wochenende das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten und „die Daseinsvorsorge zu garantieren“, sagte Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) am Freitag.Die Lage wird durch weitere Veranstaltungen nicht leichter. Am Freitagabend gibt Roland Kaiser ein Konzert auf dem Domplatz, am Samstagabend an gleicher Stelle der Rapper und Songwriter Clueso, ein Sohn der Stadt. Beide Konzerte sind mit jeweils 15.000 Zuschauern ausverkauft, einige Tausend Zaungäste werden zudem auf dem oberhalb des Domplatzes gelegenen Petersberg erwartet. Kommt die deutsche Fußballmannschaft wieder in Form, könnte hier und da ein Public Viewing des Achtelfinales hinzukommen.Mit 50.000 Demonstranten rechnet die PolizeiDie eigentliche Herausforderung ist aber der Protest gegen den AfD-Parteitag. Rund 20 Gegenveranstaltungen mit rund 24.000 Teilnehmern sind allein für Samstag angemeldet, wie Oberbürgermeister Horn mitteilt. Man müsse mit etwa der gleichen Zahl weiterer Demonstranten rechnen, fügt Thüringens Polizeipräsident Thomas Quittenbaum an. Schätzungen, dass mit rund 2500 gewaltbereiten Linksextremisten zu rechnen ist, will er nicht bestätigen; abwegig erscheinen sie indes nicht.„Für Gewalt ist in dieser Stadt kein Platz, und wir haben uns darauf vorbereitet“, sagt er. Gegen Versuche, den Parteitag durch Blockaden zu verhindern, werde man anlassbezogen und „vermutlich sehr unterschiedlich“ vorgehen.Auch Innenminister Georg Maier (SPD) appelliert, sich nicht an Blockaden des Parteitags zu beteiligen. „Wer gegen eine Partei demonstriert, die er für verfassungsfeindlich hält, sollte selbst nicht verfassungswidrig vorgehen“, sagt er. Er selbst rufe als SPD-Landeschef zu friedlichem Protest auf.Mobilisiert haben für den Protest vor allem zwei Bündnisse: „Zusammenstehen“ und „Widersetzen“. Erstere ist ein breites Bündnis aus Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) und anderen Teilgewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Parteien wie SPD, Grüne und Linke und zahlreichen Initiativen und Einzelpersonen. Sie wollen mit Demonstrationen vom Hauptbahnhof zum Messegelände gegen die AfD friedlich protestieren und in Erfurt ein buntes Demokratiefest feiern. Die größte Demonstration hat der DGB angekündigt, er hat auch den größten Teil der rund 300 Anreisen mit Bussen organisiert.Die Aktivisten klingelten an Tausenden HaustürenRadikal will hingegen „Widersetzen“ vorgehen. Es versteht sich nach eigener Auskunft als „bundesweites antifaschistisches Aktionsbündnis“, das mit massenhaftem zivilen Ungehorsam „gegen Faschismus und rechte Politik“ protestieren will. Mit Blockaden der Zufahrten soll der AfD-Bundesparteitag verhindert werden, dafür hat das Bündnis Aktionstrainings durchgeführt. Der Parteitag dürfe nicht stattfinden, denn er „wäre eine faschistische Zusammenrottung mit Björn Höcke an der Spitze“, heißt es im Aufruf der Initiative. Er wendet sich auch ausdrücklich gegen CDU/CSU, denen vorgeworfen wird, der AfD zur Macht verhelfen zu wollen.Die Polizei rechnet mit mindestens zehntausend Teilnehmern, die dem Aufruf von „Widersetzen“ folgen werden. Sie geht davon aus, dass auch schon Autobahnabfahrten nach Erfurt blockiert werden. Das Erfurter Ikea-Möbelhaus, das an einer Autobahnausfahrt liegt, hat am Samstag geschlossen.In Erfurt hat „Widersetzen“ in den vergangenen Wochen eine Haustürkampagne durchgeführt: Aktivisten haben an Tausenden Türen geklingelt und die Bewohner dazu eingeladen, sich an den Blockaden zu beteiligen. Auch die Linkspartei in Thüringen, die sieben Abgeordnete als parlamentarische Beobachter zu den Protesten entsendet, unterstützt neben dem Bündnis „Zusammenstehen“ auch das Bündnis „Widersetzen“.Demonstriert wird an dem Wochenende auch im nahen Weimar. Dort soll daran erinnert werden, dass genau vor hundert Jahren, am 3. und 4. Juli 1926, die NSDAP ihren ersten Parteitag nach ihrer Neugründung abhielt. Der Verein „Weimarer Republik“ sprach von einer „fatalen Parallele“.Auch Thüringens Innenminister Maier sprach am Freitag davon, dass der AfD-Parteitag 100 Jahre nach dem Wiedergründungsparteitag der NSDAP stattfinde, „kann meines Erachtens kein Zufall sein“. Die AfD hat das zurückgewiesen. Wer solche Parallelen sehe, sei „offenkundig an einer zwanghaften Instrumentalisierung der Geschichte interessiert“, sagte der Thüringer Ko-Landesvorsitzende Stefan Möller.
AfD-Parteitag in Erfurt: Wie die Stadt sich wappnet
In Erfurt wollen Zehntausende friedlich gegen den AfD-Parteitag demonstrieren. Gewaltbereite Demonstranten wollen ihn verhindern. Stadt und Polizei geben sich gewappnet.












